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| DGS initiiert weltweites Aktionsprogramm zur besseren Versorgung
von Schmerzpatienten Internationale Standards in der Schmerztherapie hat eine
Expertenkommission am Deutschen Schmerztag 1998 in Frankfurt/M. definiert und
ein weltweites Aktionsprogramm zur besseren Versorgung von Schmerzpatienten
beschlossen. |
| Opioide, Lokalanästhetika, psychologische Schmerztherapie
und die Ausbildung zum Algesiologen sind die zentralen Themen der
Konsensusstatements. |
| Gerhard Müller-Schwefe, Präsident
der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie e.V. und Tagungspräsident des Deutschen
Schmerztages 1998, hat 25 Experten aus 15 Ländern zu dieser
internationalen Konsensuskonferenz eingeladen und berichtet hier über die
wichtigsten Ergebnisse. |
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| In intensiver Kommunikation wurden zwischen November 1997 und
Februar 1998 unter den Experten, überwiegend Präsidenten der
nationalen IASP-Chapters, Grundlagenforscher und renommierte
Schmerztherapeuten, eine Bestandsaufnahme für wichtige Bereiche der
Schmerztherapie erhoben und Leitlinien erstellt, die am Deutschen Schmerztag
1998 in zwei Konsensuskonferenzen abschließend diskutiert und vorgestellt
wurden. Hier die wesentlichen Inhalte: |
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| Opioide in der Schmerztherapie |
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| Opioide sind die am stärksten wirksamen Medikamente für
die meisten Schmerzformen. Ungeachtet ihrer Wirksamkeit und des völligen
Fehlens von direkter Organtoxizität besteht weiterhin Unklarheit sowohl
unter Ärzten als auch unter Laien, für welche Patienten diese
Substanzen indiziert sind. Die Folgen: Der Versorgungsgrad für Patienten
mit opioidpflichtigen Schmerzen liegt durchschnittlich unter 30 %,
in Deutschland sogar unter 10 %. |
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| Indikationen |
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| Es besteht einstimmiger Konsens, daß sowohl Schmerzen
maligner Genese wie auch Schmerzen bei Aids gute Indikationen für die
Anwendung von Opioiden sind. Ebenso hilfreich sind Opioide bei der Behandlung
von chronischen Schmerzen nichtmaligner Genese, da hinsichtlich der
Pathoätiologie der Schmerzen kein Unterschied zwischen nicht
karzinombedingten Schmerzen und karzinombedingten Schmerzen besteht.
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| Die Langzeitgabe von Opioiden ist bei allen Formen chronischer
Schmerzen indiziert, bei denen andere Therapiemaßnahmen versagt haben und
bei denen sich Opioide als wirksam erweisen. |
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| Diese opioidpflichtigen Schmerzen schließen alle Formen
chronischer Schmerzen ein, nämlich: |
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Nocizeptive Schmerzen wie z.B. Arthritis, Arthrose,
Osteoporose |
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neuropathische Schmerzen mit zentralem und/oder peripherem
Verteilungs-muster, |
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Complex Regional Pain Syndrom Typ 1 (SRD), |
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Complex Regional Pain
Syndrom Typ 11 (Kausalgie), |
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gemischte Schmerzbilder wie beispielsweise "failed back
surgery" und chronische
Rückenschmerzen. |
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| Da es keine zuverlässigen Prädiktoren
gibt, welche Schmerzart auf Opioide anspricht, ist es gerechtfertigt, in jedem
Fall einen individuellen Behandlungsversuch mit Opioiden durchzuführen,
wenn es auch Hinweise gibt, daß manche Arten von chronischen Schmerzen,
wie beispielsweise neuropathische Schmerzen, weniger gut auf Opioide
ansprechen. |
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| Da die Anzahl von Patienten mit Schmerzen
nichtmaligner Genese die Karzinom-Schmerzpatientengruppe bei weitem
übertrifft, befindet sich hier auch das Hauptkontingent von Patienten mit
opioidpflichtigen Schmerzen. |
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| Eine wichtige Rolle spielt die aus der
Grundlagenforschung bekannte Tatsache, daß unbehandelte akute Schmerzen
nicht nur lang dauernde psychische Alterationen verursachen, sondern ebenso
morphologische Veränderungen im Zentralnervensystem. Aus diesem Grund
sollten viele akute Schmerzsyndrome zur Prävention der
Schmerzchronifizierung mit Opioiden behandelt werden. |
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| Die Indikation zur Opioidtherapie, auch bei
Langzeittherapie, sollte von jedem praktizierenden Arzt gestellt werden
können, vorausgesetzt er hat Zugang zu einer interdisziplinären
Schmerzkonferenz. |
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| Verfügbarkeit und Versorgung mit
Opioiden |
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| Für die oben beschriebene Mangelversorgung
sind drei Hauptgründe verantwortlich: |
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In den meisten Ländern unterliegen stark wirksame
Opioide speziellen
Verschreibungsvorschriften. |
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Vorurteile unter Laien und |
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unzureichende Ausbildung von Ärzten. |
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| Die Mehrheit der Experten ist der Ansicht,
daß Opioide überhaupt nicht unter besondere Verordnungsvorschriften
fallen sollten. Zumindest sollten Opioide in Retardgalenik aus besonderen
Verschreibungsverordnungen herausgenommen werden. |
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| Die Information von Laien, Öffentlichkeit
und intensive Ausbildung von Ärzten sind wichtige Aufgaben für die
Zukunft, um die bestehenden Defizite abzubauen. Dies erfordert gemeinsames
Handeln von allen Teilnehmern - Spezialisten, Pharmaindustrie und
Politikern. |
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| Kontraindikationen, Abhängigkeit
und Toleranz |
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| Die Experten stellten fest, daß es keine
absoluten Kontraindikationen für Opioide gibt, außer einer Allergie
gegen Opioide in der Anamnese. Selbst kurz oder länger zurückliegende
Medikamentenabhängigkeit limitiert nicht den Einsatz von Opioiden. |
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| Die Entwicklung von Abhängigkeit spielt
bei der Behandlung chronischer Schmerzen mit Opioiden keine Rolle,
vorausgesetzt die Regeln der rationalen Pharmakotherapie werden eingehalten.
Diese beinhalten die Verwendung von retardierten Opioiden und die Gabe nach
festem Zeitschema mit daraus resultierenden geringen Konzentrationsschwankungen
an den Opioidrezeptoren. |
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| Unter diesen Bedingungen limitieren weder die
Entwicklung einer Abhängigkeit noch eine Toleranz die Langzeitanwendung
von Opioiden |
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| Richtlinien für die Anwendung von
Opioiden |
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| Das
WHO-Stufenschema hat sich weltweit als hilfreiche Richtlinie erwiesen, nicht
nur für die Behandlung von krebsbedingten Schmerzen, sondern für alle
Arten von Schmerzen. |
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| Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist, daß
die exakte Schmerzanalyse auch zu Variationen dieses Schemas führen kann,
z.B. zum unmittelbaren Übergehen von Stufe I auf Stufe
III. Die Kombination von Opioid Analgetika mit Nichtopioid-Analgetika in
Stufe II und III, wie im WHO-Stufenschema, ist generell hilfreich, aber kein
absolutes Muß. |
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| WHO-Schema Stufe IV |
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| Die überwiegende Mehrheit (65%) der
Expertengruppe plädiert für die Aufnahme einer weiteren Stufe
V zu dem WHO-Stufenschema. Diese beinhaltet die zentralnervöse
(intraspinale oder intrazerebrale) Opioid-Applikation. |
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| Applikationsweg |
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| Für die Langzeittherapie sollten orale
Opioide in einer retardierten Galenik bevorzugt werden. In der Reihenfolge
ihrer Wertigkeit folgen subarachnoidale Applikation, transdermale, epidurale
und subcutane Gabe. Die i.m.-Bolusgabe sollte als obsolet angesehen und
verlassen werden. |
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| Zusammenfassend stellt die
Expertenkommission fest: |
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| Ungeachtet der zunehmenden Kenntnisse über
den Nutzen von Opioiden für die Prävention der
Schmerzchronifizierung, wie auch für die Behandlung der meisten
Schmerzsyndrome, bestimmen immer noch Opiophobie (die Angst,
Morphinpräparate zu benützen), Mythen und längst widerlegte
Vorurteile die ärztliche und Laienmeinung und verdammen Tausende von
Patienten jede Woche zu sinnlosem Leiden. |
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| Diese Konferenz wird deshalb ein weltweites
Aktionsprogramm initiieren, um die Prävention der Schmerzchronifizierung
und die Verbesserung der Therapie chronischer Schmerzen zu
ermöglichen. |
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| Das Aktionsprogramm umfaßt neben exakten
Erhebungen eine Vielzahl von Aktivitäten zur Aufklärung von Laien und
Ärzten sowie praktische Hilfestellungen für Ärzte, um den
täglichen Umgang mit Opioiden zu erleichtern und sinnlose Hemmschwellen
abzubauen. |
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| Als erster Baustein ist der Opioid-Ausweis bei
der Geschäftsstelle der DGS erhältlich. |
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INFORMATION Opioid-Ausweis |
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| Lokalanästhetika in der
Schmerztherapie |
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| Den Stellenwert von Lokalanästhetika in
der Schmerztherapie hat die Expertenkommission evaluiert und folgende
Feststellungen getroffen: |
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| Lokalanästhetika spielen eine wichtige
Rolle in der Schmerzbehandlung. Mit Hilfe von unterschiedlichen Studien konnte
nachgewiesen werden, daß Patienten, die unter Allgemeinanästhesie
operiert wurden, während der postoperativen Periode dann signifikant
weniger Schmerzen haben und weniger Bedarf an Analgetika zeigen, wenn
zusätzlich vor oder während der Operation eine Infiltration oder eine
Regionalanästhesie mit einem Lokalanästhetikum angewendet wird. |
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| In den letzten Jahren wurde eine Zunahme der
Anwendung von Lokalanästhetika auch für die Behandlung von
chronischen Schmerzen registriert. |
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| Bei Patienten mit chronischen Schmerzen sind
mit die wichtigsten Anwendungen von Lokalanästhetika folgende: |
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| 1. Wiederholte Leitungsanästhesien mit oder ohne
Steroidzusatz in Höhe der Spinalwurzel reduzieren die
Spontanaktivität bzw. das Feuern des Ganglions als Reaktion auf eine
Verletzung oder eine mechanische Irritation der Nervenwurzel. |
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| 2. Auch wiederholte intravenöse Infusionen von
Lokalanästhetika, insbesondere mit Lidocain, vermindern neuropathischen
Schmerz. |
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| 3. Patienten, deren Schmerzen durch eine spinal applizierte
Dauerbehandlung mit Opioiden nicht ausreichend gelindert werden können,
oder bei denen Toleranz auftritt, erfahren bei Zugabe von niedrig dosierten
Lokalanästhetika oft Schmerzlinderung. |
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| 4. Bei Patienten mit peripheren Gefäßerkrankungen
tragen wiederholte Sympathikusblockaden mit Lokalanästhetika entscheidend
zur Verbesserung der peripheren Durchblutung bei. |
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| 5. Wiederholte Leitungsanästhesien bei Patienten mit
komplexen regionalen Schmerzsyndromen von Typ 1 und 2
(Sympathische Reflexdystrophie und Kausalgie) ermöglichen erst die
aktivierende physiotherapeutische Behandlung des betroffenen Gliedes, so
daß Funktionseinbußen und Osteoporose verhindert werden
können. |
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| 6. Es gibt bisher keine validen Daten, die allgemeine Richtlinien
für die Frequenz oder zahlenmäßige Begrenzung von
Regionalanästhesien bei spezifischen Schmerzsyndromen erlauben
würden. |
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| 7. Die Anwendung von Lokalanästhetika sollte einen Teil
eines integrierten schmerztherapeutischen Konzeptes darstellen. |
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| Der vollständige Text des Frankfurter
Konsensus wird viersprachig (deutsch, englisch, französisch und spanisch)
publiziert werden. Hierin sind auch die weiteren Konsensusstatements zur
psychologischen Schmerztherapie und zur Aus- und Weiterbildung in der
Schmerztherapie enthalten. |
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| GERHARD
MÜLLER-SCHWEFE, Göppingen |