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Presse-Mitteilung
Nummer 04 • 10. März 2005
Fibromyalgie: Die Chronifizierung durchbrechen
Schmerzen am ganzen Körper, Müdigkeit, Depressionen – ein Bündel von Beschwerden kennzeichnet die Fibromyalgie. Inzwischen mehren sich die Hinweise, dass eine Fehlregulation der Schmerzverarbeitung die Ursache ist. Medikamente, welche die Krankheit heilen, gibt es noch nicht. Um eine Chronifizierung zu verhindern bzw. zu durchbrechen, empfehlen Experten auf dem Deutschen Schmerztag ein multimodales Behandlungs-Programm: psychologische und physikalische Maßnahmen kombiniert mit einem Bewegungs-, Ausdauer- und Krafttraining.
»Ich habe überall Schmerzen: Handgelenke, Ellenbogen, Schultern, Hüftgelenke, Knie und Füße tun mir weh. Morgens sind meine Gelenke steif und geschwollen. Der Schmerz zieht durch meinen ganzen Körper. Meine Muskeln schmerzen so sehr, dass ich die Tasse nicht heben kann. Treppen zu steigen erschöpft mich total, ich fühle mich schwach, kraftlos, müde und ausgelaugt. Hinzu kommen zeitweise Kopf- und Magenschmerzen, Blähungen und Durchfälle im Wechsel. Ich leide unter Gleichgewichtsstörungen und finde nachts kaum richtigen Schlaf. Außerdem bin ich depressiv.« So oder ähnlich schildern Patienten, die an Fibromyalgie leiden, ihr Krankheitsbild.
Betroffen sind schätzungsweise drei Prozent der Bevölkerung. Am häufigsten diagnostizieren die Ärzte das Leiden bei über 35-Jährigen, Frauen erkranken zehn Mal häufiger daran als Männer.
Alles ist gereizt. Amerikanische Mediziner haben für die vielschichtige Erkrankung den Begriff »the irritable-everything-syndrom«, also, das »alles-ist-gereizt-Syndrom« geprägt. Zwar schmerzen die Muskeln, doch es ist keine Muskel(faser)erkrankung, obwohl der lateinische Name (fibro = Faser, myo = Muskel) dies vermuten lässt. Vielmehr gibt es Hinweise darauf, dass die Schmerzverarbeitung im Nervensystem gestört ist und die körpereigene Schmerzhemmung versagt.
Gestörte Schmerzhemmung. »Bei Fehlleistungen dieses Systems«, erklärt Professor Burkhart Bromm vom Institut für Neurophysiologie des Universitätsklinikums Eppendorf, »reagieren die Patienten überempfindlich – übrigens nicht nur auf Schmerz, sondern auch auf Kälte-, Hitze- oder Druckreize.« Wissenschaftliche Untersuchungen von Bromm und seinen Kollegen belegen diese erhöhte Sensibilität der Patienten. »Wir wissen, wie intensiv gesunde Menschen beispielsweise Laserreize einer bestimmten Intensität im Durchschnitt empfinden«, sagt Bromm. Fibromyalgie-Patienten geben – bei gleicher Reizintensität – stets eine größere Schmerzintensität an als Gesunde. Dies lässt sich auch mit Hilfe von Diagnosemethoden »objektivieren«: Die Reaktion des Gehirns auf die Reize – evozierte Potenziale genannt – lässt sich an den Hirnstromkurven ablesen. »Gleiche Reizstärken führen bei Patienten zu höheren Gehirnpotenzialen in schmerzverarbeitenden Regionen«, fasst Bromm die Erkenntnisse zusammen.
Die Hirnforscher führen diese gesteigerte Sensibilität auf eine Störung der körpereigenen Schmerzhemmung zurück. Dabei handelt es sich um Signale, die vom Gehirn ausgehend, schmerzverarbeitende Neuronen im Rückenmark beeinflussen. Dieses System steht wiederum unter der Kontrolle von übergeordneten Hirnarealen im Frontalhirn, welche die Bedeutung der Schmerzbotschaft für den Organismus bewerten und abschätzen. Wird die Bedeutung eines solchen Schmerzsignals überbewertet, wird das Schmerzhemmsystem gebremst, der Schmerz also stärker empfunden. Bei einer schweren Verletzung beispielsweise ist dieser Mechanismus natürlich wichtig. Wenn die Signale jedoch nicht richtig bewertet werden, führt dies zu einem ständigen Fehlalarm. Bromm: »Das kann zu einem Teufelskreis führen, aus dem zum Beispiel ein Fibromyalgiepatient immer schwerer herauskommt.«
Langes »Doctor-Shopping« bis zur Diagnose. Viele Kranke haben eine lange Odyssee durch Arztpraxen hinter sich, bevor die richtige Diagnose gestellt wird. Durchschnittlich konsultieren sie neun Ärzte 16 unterschiedlicher Fachrichtungen. Rund die Hälfte der Erkrankten sind fünf Jahre nach der Diagnose nicht mehr arbeitsfähig. Die Diagnose wird u.a. an Hand der Empfindlichkeit von 18 Druckschmerzpunkten (»Tender Points«) gestellt. Empfinden die Patienten bei elf von 18 einen Druck als schmerzhaft, sind dies entscheidende Diagnose-Kriterien.
Keine kausale Therapie. »Eine ursächliche Behandlung der Fibromyalgie ist derzeit nicht möglich«, sagt Dr. med. Uwe Junker, Leiter der Abteilung für Spezielle Schmerztherapie und Palliativmedizin am SANA Klinikum Remscheid. »Ebenso wenig gibt es Hinweise auf die Wirksamkeit einer ausschließlich medikamentösen Behandlung.« Darum kombinieren die Ärzte in multimodalen Therapiekonzepten verschiedene Medikamente mit nicht-medikamentösen Strategien, insbesondere Bewegungs- und Verhaltenstherapie. »Unser Ziel ist die Vermeidung der Chronifizierung«, betont Junker. Dazu seien die Information, Schulung und aktive Mitarbeit der Patienten unabdingbar. Als Medikamente setzen die Ärzte trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin und Doxepin ein, so genannte Natriumkanalblocker wie Tolperison, Kaliumkanalblocker wie Flurpirtin und Muskelrelaxantien. So lassen sich eine übergroße Muskelspannung sowie Schmerzen reduzieren, der Schlaf wird positiv beeinflusst und die Stimmung durch einen ansteigenden Serotoninspiegel aufgehellt. Doch eine generelle Medikamentenempfehlung gibt es bislang (noch) nicht.
Therapie-Bausteine kombinieren. Am Gemeinschaftskrankenhaus in Bonn greifen vier Bausteine ineinander: Physiotherapie, Medikamente, Trainings- und Verhaltenstherapie. »Ein multifaktorielles Krankheitsgeschehen erfordert ein ebensolches Vorgehen, das biologische, psychische und soziale Faktoren gleichermaßen berücksichtigt«, sagt Dr. Hilmar Hüneburg. Der Schmerzarzt hat für seine Fibromyalgie-Patienten ein Behandlungsprogramm zusammengestellt, das auch Kollegen anderer Fachrichtungen (Rheumatologen, Psychologen, Psychotherapeuten, Schmerz- und TCM-Therapeuten, Sportlehrer und –wissenschaftler, Physio- und Ergotherapeuten sowie Ernährungsberater) einbezieht.
Das Programm wird in der ersten Woche stationär und in den folgenden 14 Tagen ambulant durchgeführt. Nach entsprechender Aufklärung und Einweisung lernen die Patienten, wie sie ihre Schmerzen psychisch besser bewältigen, und wie entspannend Qigong-Übungen und die progressive Muskelentspannung wirken können. Sie finden beim Yoga zur inneren Ruhe, entlasten Muskeln und Gelenke im Bewegungsbad und kräftigen sie in der Ergotherapie. Als begleitende Komponente dient die Ernährungsberatung.
Krafttraining lindert Symptome und schafft Selbstvertrauen. Dass auch ein gezieltes Krafttraining sehr wirksam sein kann, zeigen die Ergebnisse einer Studie, die Hüneburg auf dem Deutschen Schmerztag vorstellt. Zwölf Wochen lang trainierten 14 Fibromyalgie-Patienten (13 Frauen, 1 Mann) an Geräten Kraft und Ausdauer. In einer Kontrollgruppe machten 13 Patienten (12 Frauen, 1 Mann) in der gleichen Zeit eine konventionelle Gymnastik.
Zunächst bestimmten die Ärzte die kräftemäßige Leistungsfähigkeit der Patienten. Im zweiwöchigen 1. Zyklus trainierten die Patienten drei Mal pro Woche. Sie absolvierten jeweils sechs Übungen, die 15 Mal wiederholt werden mussten. Das zu bewegende Gewicht entsprach 30 bis 40 Prozent jenes Gewichtes, das die Patienten im Eingangstest bei einer Übung stemmen konnten. Der 2. Zyklus erstreckte sich über fünf Wochen. Die Zahl der Übungen stieg auf acht, die der Wiederholungen auf zwölf. Das Gewicht wurde auf 50-70 Prozent der Kapazität gesteigert. Im 3. Zyklus, der ebenfalls fünf Wochen dauerte, senkten die Ärzte die Zahl der Wiederholungen auf 10, steigerten jedoch die Gewichte auf 70 bis 80 Prozent der Kapazität.
Erfreuliche Ergebnisse. Die Kraft erhöhte sich in der Trainingsgruppe um mehr als 50 Prozent. Die deutlichsten Verbesserungen registrierten die Ärzte beim Rumpfstrecken (55%), bei der Kniestreckung (37%), und bei der Rumpfbeugung (35%). Bei Schulter-Brust-Übungen (Butterfly) sowie bei der Kniebeugung kam es ebenfalls zu Verbesserungen von 30 Prozent. Bei den Patienten der Kontrollgruppe verzeichneten die Mediziner lediglich in der Rumpfstreckung ein Plus von zehn Prozent. »Diese Erfolge durch das Krafttraining geben deutliche Hinweise darauf, dass die Einschränkungen der Fibromyalgie-Patienten nicht von der peripheren Muskulatur herrühren, sondern sich im Bereich der sensiblen Schmerzwahrnehmung abspielen«, kommentiert Hüneburg.
Besonders beeindruckt waren die Ärzte von der Auswertung des so genannten FIQ-Scores, der speziell für Fibromyalgie-Patienten entwickelt wurde. Er gibt Hinweise auf den Befindlichkeits-Status und dessen Veränderungen. Insgesamt sank in der Kraft-Gruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe das Beschwerdeausmaß deutlich. In der Trainingsgruppe sank der Score um 27 Prozent, bei den Patienten der Kontrollgruppe um rund zehn Prozent. Besonders deutlich war in der Kraft-Gruppe die Veränderung der Werte bei Depressivität (-50%), Ängstlichkeit (-42%), Steifigkeit (-30%) und Schmerzempfinden (-23%). Auch Wohlbefinden, Ausgeruhtheit, Müdigkeit, psychische Verfassung und Arbeitsfähigkeit besserten sich. »Unsere Untersuchungen zeigen erstens, dass es möglich und sinnvoll ist, Fibromyalgie-Patienten ein Krafttraining durchführen zu lassen, dass dieses – zweitens – einen sehr positiven Einfluss auf die Symptome hat, und dass die Patienten – drittens – ihre Ängstlichkeit verlieren, an Selbstvertrauen gewinnen, ihre psychischen Beschwerden also besser werden und sich ihr soziales Leben deutlich verbessert«, resümmiert Hüneburg.
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