|
Presse-Mitteilung
Nummer 09 • 11. März 2005
Mit dem Leiden leben
Das Anspruchsdenken auf Gesundheit führt in reichen Ländern dazu, dass Krankheit, Schmerz und Tod immer weniger akzeptiert werden. „Es scheint bedenklich, dass immer mehr Sterbende aus psychischen, weniger aber aus rein medizinischen Gründen ihren Tod verschlafen“, warnt Professor Lukas Radbruch von der Klinik für Palliativmedizin der RWTH Universität Aachen auf dem 16. Deutschen Schmerztag in Frankfurt.
Die von der Weltgesundheitsorganisation WHO kompromisslos anspruchsvoll formulierte Definition von Gesundheit als „Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und seelischen Wohlbefindens“ fördert ein Anspruchsdenken, das Leiden völlig aus dem Leben verbannt. „Wir können von den so genannten ‚Entwicklungsländern' auf diesem Gebiet viel lernen“, betont Dr. Thomas Nolte vom Schmerz- und Palliativzentrum Wiesbaden auf dem Schmerztag in Frankfurt. „In armen Ländern sind uns die Menschen in wesentlichen Punkten in ihrem Verständnis von Gesundheit voraus. Sie wissen mehr um die Fähigkeit zum Leben, welche die Fähigkeit zum Leiden einschließt.“ Sie nehmen die Begrenztheit des Lebens bewusst wahr, akzeptieren den Tod, unterstützen sich gegenseitig und leben ihre eigene Spiritualität.
Der Mythos von der Heilung. „In den Industrienationen gerät Gesundheit zu einem Kultobjekt“, so Nolte. Themen wie Tod und Sterben werden aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. „Dass therapeutische Maßnahmen auch scheitern können, will niemand wahrhaben.“ Diese Haltung spiegelt sich auch in der medizinischen Versorgung wider. Das belegen Statistiken über das Ausmaß kurativer Strategien, welche die Gesundheit wiederherstelllen sollen: mehr Operationen, Chemotherapien und Bestrahlungen für den Siegeszug gegen den Krebs.
In unserem Kulturkreis ist der Zuspruch zur aktiven Sterbehilfe der Ausdruck der Verdrängung des im Leben immanenten Anteils von Leiden. Leiden wird schon als theoretische Möglichkeit als inakzeptabel zurückgewiesen und der praktische Lösungsansatz durch die Delegation der aktiven Sterbehilfe an Ärzte weitergeleitet. „Das ist eine falsche Entwicklung“, kritisiert Nolte. Es gelte, die Kluft zwischen dem geforderten Anspruch und der Wirklichkeit mit Inhalten aus der Palliativmedizin zu füllen. Dazu gehört eine professionelle Schmerztherapie, die Kontrolle von Beschwerden , sowie eine angemessene psychosoziale Betreuung.
Hintertür zur Sterbehilfe. Im Gegensatz zu einigen europäischen Nachbarn, wie etwa den Niederlanden oder Belgien, ist in Deutschland die aktive Sterbehilfe nicht erlaubt. Erlaubt ist hierzulande die sogenannte „terminale Sedierung“. Darunter ver stehen Experten den kontinuierlichen Einsatz von Opiaten und anderen Medikamenten, um starke Schmerzen und andere quälende Beschwerden, wie Atemnot, bei Patienten in ihrer letzten Lebensphase zu lindern.
„ Die Vorstellung, das Lebensende müsse unter einem Morphintropf verschlafen werden, wird auch auf unserer Palliativstation von Angehörigen geäußert“, räumt Professor Lukas Radbrecher von der Klinik für Palliativmedizin der RWTH Universität Aachen, ein. Leider werde das Mittel der letzten Wahl häufig verlangt, um der Auseinandersetzung mit dem Tod aus dem Weg zu gehen. Dies belegt eine aktuelle Untersuchung am Berliner Klinikum Haselhöhe, an der im Zeitraum von 1995 bis 2002 548 unheilbar kranke Patienten teilnahmen. Das Ergebnis: im Beobachtungszeitraum hat sich die Zahl derjenigen Patienten, die ihre letzte Lebensphase im künstlich herbeigeführten Dämmerzustand verbrachten, nahezu verdreifacht. Im Jahr 2002 war dies bei jedem fünften Patienten der Fall. Bei fast der Hälfte dieser Patienten war die psychosoziale Belastung der Grund für die Dauerbetäubung. „Das ist aber nicht das Ziel dieser Medikation“, korrigiert der Aachener Professor. „Dieser Missbrauch der terminalen Sedierung muss strikt abgelehnt werden, da es sonst von der Ausschaltung des Bewusstseins durch die Sedierung bis zur aktiven Sterbehilfe nur noch ein kleiner Schritt ist.“
Mehr Aufklärung nötig. Das entscheidende Kriterium für Lebensqualität ist auch und gerade in der letzten Lebensphase die Autonomie des Sterbenden. Doch wissen die meisten Patienten und Angehörigen, aber häufig auch die Ärzte zu wenig über die Möglichkeiten der Palliativmedizin - jener Medizin, die nicht mehr heilen kann, aber lindern. „Menschen unter Sedierung sterben nicht unbedingt besser“, weiß der Norweger Dr. Stein Husebö aus Bergen aus seinen Erfahrungen in der Begleitung Sterbender. Andere Dinge können wichtiger sein als die Freiheit von Schmerzen, beispielsweise die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben, der Familie, dem Tod. „Darum müssen wir besonders das medizinische Fachpersonal für den Umgang mit diesem Thema sensibilisieren.“ Aufgabe des behandelnden Teams sei es, mit dem Patienten und seinen Angehörigen die Tiefe und Dauer der Ruhigstellung, sowie deren Folgen zu besprechen.
Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie e.V. :
ProScience Communications GmbH
Barbara Ritzert
Andechser Weg 17
82343 Pöcking
Tel.: 08157 9397-0
Fax: 08157 9397-97
E-mail: info@proscience-com.de |