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SCHMERZTHERAPIE 3 / 2006 |
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Editorial
Pädiatrie
..... 6 Juvenile.idiopathische.Arthritis..
Gesundheitspolitik/Kommentar
Coole Rheumagelenke durch
Gesundheitspolitik
Scheuklappen hat eine Gesundheitspolitik angelegt, die als höchstes Ziel die Entmündigung der Bürger durch Einführung einer Staatsmedizin und Verfolgung einer nie da gewesenen Intransparenz betreibt. Gewaltiger und undurchsichtiger als alle bisher da gewesenen Umverteilungsprogramme (Solidaritätszuschlag, Finanzierung der Rente an der Tankstelle, Risikostrukturausgleich …) wird der geplante Gesundheitsfond durch zusätzlichen Verwaltungsaufwand nicht nur eine gigantische Geldvernichtungsmaschinerie sein, sondern eine Nivellierung der Medizin auf niedrigstem Niveau herbeiführen, gegenüber der die Staatsmedizin der DDR sich als Ausbund an Marktwirtschaft und Freiheit darstellt. Treffender als ‚Die Welt’ in Gerhard Müller
der Ausgabe vom Schwefe, Göppingen
25.07.2006 kann man den Versuch der Bundesregierung, die Bürgerinnen und Bürger über die wahren Pläne und Probleme hinters Licht zu führen, nicht beschreiben.
Staat plündert Sozialkassen
Allein durch die Mehrwertsteuererhöhung be
dient sich der Staat aus den Sozialkassen mit
zusätzlichen fünf Milliarden Euro (eine Milliarde
bei Medikamenten, vier Milliarden im Kranken
hausbereich). Scheuklappen muss diese Regie
rungihren Bürgern wirklich verordnen, damit sie
nicht wahrnehmen, wie der Staat die durch
Pflichtbeiträge gespeiste Sozialversicherungs
kasse seiner Bürger leer plündert. Mit welcher
Legitimation verlangt der Staat 19% Steuer,
wenn Patienten ihre Rücklagen für Krankheits
fälle in Anspruchnehmen müssen? Ähnlich wie
bei den durch steigende Preise immer kräftiger
sprudelnden Mineralölsteuereinnahmen scheint das Motto zu sein: „Hoffentlich merkt’s niepharmakogenetischen Forschungsergebnisse wurde die Therapie mit WHO-Stufe-III-Opioiden auf die Gabe von retardiertem Morphin reduziert. Völlig unbeachtet lässt diese Liste die Untersuchungen, die belegen, das Oxycodon und Hydromorphon im Gegensatz zu Morphin keine immunsuppressive Wirkung besitzen. Ignoriert wird ebenso, dass Oxycodon als µ- und κ-Agonist bei viszeralen Schmerzen wesentlich wirksamer ist als der reine µ-Agonist Morphin. Dass Morphin-6-Glukuronid, der aktive Metabolit von Morphin bei Niereninsuffizienz, im Gegensatz zu den inaktiven Metaboliten von Oxycodon und Hydromorphon zu einem plötzlichen, unerwarteten Koma führen kann, wird ebenso übersehen. Unter massiver Strafandrohung wird hier die schlechtere Versorgung von Patienten zur Pflicht gemacht.
Berufsverband der Schmerztherapeuten
Nahezu alle an der Schmerztherapie interessierten und engagierten Kolleginnen und Kollegen sind Mitgliedin der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie oder der DGSS. Um die Berufspolitik, die auch eigennützige Ziele schmerztherapeutisch tätiger Ärzte und Psychologen verfolgen muss, effizient zu gestalten, hat die Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie e.V. das Präsidium beauftragt, gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes und dem VDÄA einen Berufsverband der Schmerztherapeuten zu gründen. Die Vorarbeiten hierzu sind weitgehend abgeschlossen, und der gemeinsame Berufsverband der Schmerztherapeuten wird in Kürze seine Arbeit aufnehmen. Der Verband wird demokratisch gewählt und föderal strukturiert sein, um so auf die regionalen Besonderheiten der einzelnen KVen adäquat eingehen zu können, gleichzeitig aber bundesweit einheitliche Verhandlungspositionen beziehen zu können.
Eindringlich möchte ich alle berufspolitisch engagierten Kolleginnen und Kollegen bitten, ihre Kreativität und Kraft in diesen gemeinsamen Berufsverband mit einzubringen. Die Vergangenheit hat uns immer wieder gelehrt, dass der Blick durch die Scheuklappen von Partikularinteressen eingeengt wird und hierdurch gemeinsame Stärke verhindert wird.
Der Deutsche Schmerzfragebogen
Voller Ungeduld haben viele von Ihnen auf die Fertigstellung des gemeinsamen Deutschen Schmerzfragebogens gewartet. Allen Zweiflern zum Trotz hat die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie dieses wichtige Projekt inzwischen mit der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes gemeinsam entwickelt
Abb.1: Titelseite des Deutschen Schmerzfragebogens und des Schmerztagebuchs in der neuesten Version. Ebenso neu erhältlich: Zwischendokumentation und veranlasste Maßnahmen.
greiflicher, als pornografische Literatur und Champagner dem halben Mehrwertsteuersatz unterliegen.
Arzneimittelverordnungswirtschaftlichkeitsgesetz
Die moralische Fragwürdigkeit dieses Gesetzes, das das Einkommen von Ärzten
direkt mit ihrem Verordnungsverhalten koppelt, habe ich bereits früher angeprangert. Unbegreiflich ist, wie Ärzte und ihre Vertreter (z. B. Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein) dieses Gesetz gegen die eigenen Kollegen positionieren.
Me-Too-Listen = Scheuklappenmedizin?
Scheuklappen aufgesetzt haben müssen die KV Nordrhein und ihre Berater bei der Erstellung ihrer Me-Too-Liste. Unter Missachtung aller pharmakokinetischen Unterschiede und und auch validiert (Abb. 1). Allen an dieser umfangreichen Arbeit Beteiligten möchte ich hier herzlich danken. Als weltweit einziges Land sind wir in Deutschland hiermit in der Lage, einheitliche schmerztherapeutische Standards anzuwenden und zu dokumentieren.
Elektronische Auswertung ab sofort verfügbar
Grundlage des gemeinsamen Deutschen Schmerzfragebogens war die von der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie bereits früher entwickelte elektronisch auswertbare Version des Schmerzfragebogens DGS. Die Software für den neuen Deutschen Schmerzfragebogen kann als Update für bereits installierte Systeme von der GAF mbH, Adenauerallee 18, 61440 Oberursel, ab sofort bezogen werden. Für diejenigen, die (z. B. in Kliniken) keine Fremdsoftware installieren dürfen oder keine Investitionen in Software und Scanner tätigen möchten, bietet die GAF mbH einen Auswertungsservice an, in dem sie die Daten ihrer eigenen Patienten tabellarisch und grafisch abrufen können.
In der praktischen Arbeit müssen sich nun diese Instrumente bewähren. Sollten Sie bei Ihrer Arbeit auf Unpraktikables, Missverständliches oder zu Umfangreiches wie auch zu wenig Präzises stoßen, bitte ich Sie hier um Ihre Rückmeldung an die GAF mbH.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bitte Sie herzlich, dieses wichtige Instrument umfangreich einzusetzen, nimmt es uns doch die Scheuklappensicht von Ärzten und dient als wichtiges Kommunikationsinstrument zwischen Arzt und Patient. Gerade weil wir in der Schmerztherapie nicht mit bildgebenden Verfahren und Laborparametern die Erreichung des Therapieziels dokumentieren können, sind wir auf derartige Instrumente angewiesen. Dies gilt in besonderem Maße auch für die auf dem Deutschen Schmerzfragebogen basierenden Schmerztagebücher, Zwischendokumentation und Dokumentation veranlasster Maßnahmen, die alle ebenfalls elektronisch einlesbar sind.
Beratungen mit Vorstand der KBV
Auf Drängen der DGS fand am 27. Juli 2006 ein Gespräch zwischen dem Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und den Präsidenten der DGS, DGSS und VDÄA statt. Ziel dieses Gespräches war es aus der Sicht der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie,
In dem von großer Offenheit geprägten Gespräch wurde von KBV-Vorstand Ulrich Weigeldt zugesichert, bei der Neuregelung ärztlicher Leistungsverzeichnisse an den Bedürfnissen chronisch schmerzkranker Patienten orientierte Leistungsinhalte zu definieren und einzubringen. Diese Neugestaltung soll in Zukunft in enger Zusammenarbeit mit unseren Fachgesellschaften wie auch mit dem neu gegründeten Berufsverband der Schmerztherapeuten erfolgen.
Bezüglich der Korrekturen im EBM 2000plus verweigert die Kassenärztliche Bundesvereinigung Änderungen mit Hinweis darauf, dass die Laufzeit dieses EBM 2000plus nur noch kurzfristig sei und das vor allem der Durchschnittswert schmerzthera
peutisch tätiger Ärzte k ein e n Scheuklappenmedizin nützt keinem! Offenes Gespräch zwischen dem KBV-Vor-stand und den Präsidenten von DGS, DGSS und VDÄA (U. Weigeldt, G. Müller-Schwefe).
gravierenden Verlust erkennen lasse. Der Hinweis, dass hier Durchschnittswerte nur wenig aussagekräftig sind und vor allem ausschließlich oder überwiegend schmerztherapeutisch tätige Ärzte hier nicht ausreichend repräsentiert sind, wurde von der KBV vor allem mit dem Hinweis gekontert, dass in vielen Regionen Ärzte durch eine entsprechend hohe Anzahl an abgerechneten schmerztherapeutischen Fällen eher gewonnen als verloren hätten. Leider hat uns hier die Uneinigkeit bezüglich notwendiger Mengenbegrenzung, Qualitätssicherung und hieraus resultierender notwendiger Fallwerte in eine missliche Verhandlungsposition gebracht.
Scheuklappen der Fachgebiete
Mit den Scheuklappen unseres eigenen Fachgebietes begegnen wir in der Schmerztherapie immer wieder unseren Patienten. Anästhesiologische, orthopädische, neurologische oder andere Sichtweise verhindert oft den Blick auf die Gesamtproblematik von Patienten mit chronischen Schmerzen. Um den Blick hier zu öffnen, widmet sich das vorliegende Heft Schmerztherapie, insbesondere den Problemen chronischer Schmerzen bei internistischen Grunder
krankungen.
Ich wünsche Ihnen bei der Lektüre viel Freude und neue Aspekte für Ihre tägliche Arbeit und bitte Sie herzlich: Lassen Sie uns gemeinsam gegen Scheuklappen in Medizin und Gesundheitspolitik angehen!
Ich grüße Sie herzlich
Ihr
Dr. med. Gerhard Müller-Schwefe Präsident Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e. V.
Nach einer WHO-Erhebung sind Erkrankungen der Knochen-und Muskelorgane die häufigsten Ursachen von chronischen Schmerzen. Aufgrund der zunehmenden Alterung der Menschen ist auch mit einer Zunahme der rheumatologischen Erkrankungen zu rechnen. Ziel der Diagnostik muss es sein, die Beschwerden der Patienten einzelnen Krankheitsbildern zuzuordnen. Die aktuelle Therapie der rheumatoiden Arthritis beschreibt Prof. Dr. Christoph Baerwald, Medizinische Klinik und Poliklinik IV, Uni
ährend sich die Therapie von degenerativen Erkrankungen kaum
gewandelt hat, wurden auf dem Gebiet der entzündlichen Gelenkerkrankungen und
der Kollagenosen entscheidende Fortschritte erzielt. Durch die Entwicklung
neuer, innovativer Medikamente wie z. B. der Anti-Tumor-Nekrose-Faktor-α-(Anti-TNF-)Therapie gibt es jetzt erstmals ein Therapieprinzip,
bei dem über einen gewissen Zeitraum die Gelenkzerstörung, z.B. bei der
rheumatoiden Arthritis (RA) (Abb. 1), aufgehalten werden kann. Die Ansprechrate
der Patienten ist jedoch auf die neuen Therapieverfahren unterschiedlich, sodass
die bisher schon verfügbaren Medikamente weiter zum Einsatz kommen. Entscheidend
ist, wie in neuesten Untersuchungen ganz deutlich gezeigt werden konnte, dass
ein frühzeitiger Einsatz der so genannten Basistherapie die Prognose der
Patienten deutlich verbessert. Unbenommen davon haben immer noch ein großer Teil
der Patienten chronische Schmerzen, sodass eine Schmerztherapie notwendig ist.
Im Folgenden sollen an dem Beispiel der rheumatoiden Arthritis als häufigster
entzündlicher Gelenkerkrankung die Fortschritte in der Therapie und der
Stellenwert der Schmerztherapie dargestellt werden.
Alle Patienten mit einer RA sollten eine „Basistherapie“ (DMARD = disease
einer Frau als auch bei Männern bis zu drei Monate nach Beendigung der Therapie eingehalten werden. Mit einem Wirkungseintritt ist vier bis acht Wochen nach Beginn der Therapie zu rechnen. Es können verschiedene Nebenwirkungen auftreten, wobei ein Transaminasenanstieg bis über das Dreifache der Norm toleriert wird, ansonsten sollte ein Absetzen der Therapie erfolgen (beachte: Transaminasenanstieg häufig durch nicht steroidale Antirheumatika bedingt!). Folsäure, eingenommen zwei Tage nach der Methotrexat-Applikation, kann die Nebenwirkungsrate deutlich vermindern. Neben der rheumatoiden Arthritis wird Methotrexat auch noch bei Kollagenosen und bei verschiedenen Vaskulitiden eingesetzt.
Die Dosierung der Antimalariamittel (Chloroquin, Hydroxychloroquin) erfolgt gewichtsadaptiert, wobei bei stark Übergewichtigen das Idealgewicht zugrunde gelegt wird. Ein Wirkungseintritt ist nach etwa drei bis sechs Monaten zu erwarten, das Indikationsgebiet umfasst vor allem die Behandlung von leichten Fällen einer rheumatoiden Arthritis und von Kollagenosen. Das Nebenwirkungsprofil ist relativ günstig. Vor allem die Retinopathie, die relativ selten auftritt und von der Höhe der täglich eingesetzten Dosis abhängt, muss beachtet werden. Die Gefahr für eine Retinopathie steigt bei Dosierungen über 4 mg Chloroquin/kg KG/d bzw. über 6,5 mg Hydroxy-chloroquin/kg KG/d. Deswegen sollte vor der Einleitung der Therapie eine a u g e n ä r z tlic h e U n t e r s u c h u n g erfolgen, die im
Weiteren dann alle Christoph Baerwald,
sechs Monate bei Leipzig Einhalten der Maximaldosierung erfolgen sollte.
Bei Sulfasalazin wird eine einschleichende Dosierung über vier Wochen bis zu einer Erhaltungsdosis von 2 x 2 Tabletten/d (2 x 1 g) empfohlen. Eine maximale Steigerung bis zu 3 g/d ist möglich mit einem zu erwartenden Wirkungseintritt nach 4–12 Wochen. Das Indikationsgebiet umfasst die (seronegative) rheumatoide Arthritis sowie die Gruppe der Spondyloarthropathien, hier vor allem mit peripherer Gelenkbeteiligung. Die Inzidenz der schweren Nebenwirkungen ist gering, die gestörte Spermatogenese normalisiert sich in der Regel nach Absetzen innerhalb von drei Monaten, eine Beeinflussung der Potenz oder teratogene Schädigungen sind nicht bekannt.
Während die orale Goldtherapie eher selten durchgeführt wird, hat die parenterale Goldtherapie durchaus noch ihren Stellenwert in der Behandlung der rheumatoiden Arthritis, auch wenn sie in der Verordnungshäufigkeit abgenommen hat. Es erfolgt eine Aufsättigungsphase mit wöchentlichen i. m. Injektionen, wobei die Dosis initial wöchentlich gesteigert wird. Mit einem Wirkungseintritt ist nach frühestens drei Monaten zu rechnen.
Das Indikationsgebiet für Azathioprin ist vor allen Dingen die Therapie von Kollagenosen und Vaskulitiden sowie einer rheumatoider Arthritis. Die Therapie erfolgt als kontinuierliche Langzeittherapie und wird entsprechend der Symptomatik und des klinischen Befundesfest
gelegt. Typische Dosierungen
modifying antirheumatic drug) erhalten, wobei die einzelnen Medikamente kurz vorgestellt werden.
Methotrexat ist das heute am häufigsten eingesetzte Therapeutikum bei der rheumatoiden Arthritis. Die Verabreichung erfolgt 1 x/Wo-che mit einer Dosis von 7,5 bis 25 mg, wobei auch die parenterale Gabe i. v., i. m. oder s. c. möglich ist. Eine Kontrazeption muss sowohl bei der Therapie
Bildarchiv Baerwald
finden sich in einem Bereich von 2 mg/kg KG/d, eine Dosisanpassung muss bei einer Niereninsuffizienz erfolgen. SowohlbeiFrauen als auch bei Männern sind unter dieser Therapie sichere Verhütungsmaßnahmen bis zu sechs Monate nach Therapieende angezeigt. Mit einem Wirkungseintritt ist nach vier bis acht Wochen zu rechnen, eine Therapieüberprüfung sollte nach sechs Monaten erfolgen.
Die Therapie mit Ciclosporin wird vor allem bei der rheumatoiden Arthritis und der Psoriasisarthropathie eingesetzt, wobei bei letzterer Erkrankung auch der Hautbefall günstig beeinflusst wird. Die Dosis beträgt 2,5 bis 5 mg/kg KG auf zwei Tagsdosen verteilt, eine Dosisanpassung kann bei einem Kreatininanstieg erforderlich sein. Ciclosporin wirkt nicht teratogen, es sollte jedoch eine sichere Kontrazeption erfolgen, da über die Sicherheit bei Anwendung bei Schwangeren keine ausreichenden Erfahrungen vorliegen. Mit einem Wirkungseintritt ist nach ca. vier bis acht Wochen zu rechnen, nach drei Monaten kann eine Dosissteigerung bis auf 5 mg/kg KG/d erfolgen.
Das Zytostatikum Cyclophosphamid hat seine Stellung vor allen Dingen in der Therapie von Kollagenosen und Vaskulitiden wie auch bei der Therapie der rheumatischen Vaskulitis als schwerwiegender Form einer rheumatoiden Arthritis. Die Therapie wird mit zwei Schemata durchgeführt: Das Fauci-Sche-ma beinhaltet die tägliche Gabe von 2 mg/kg KG (bei schwerwiegendem Krankheitsverlauf bis zu 4 mg/kg KG/d steigerbar) mit dem Ziel
Rheumafaktor und andere Autoantikörper
die Leukozyten dauernd auf ca. 4000/ µl zu reduzieren. Das zweite Schema ist das so genannte Austin-Schema, wobei 15–20 mg/kg KG als Infusion mit einem Abstand von drei bis vier Wochen verabreicht werden. Eine erhöhte Empfindlichkeit für Cyclophosphamid besteht bei eingeschränkter Nierenfunktion und im höheren Lebensalter. Während der Cyclophosphamid-therapie und noch mehrere Monate darüber hinaus ist eine zuverlässige Kontrazeption notwendig. Mit einem Wirkungseintritt ist nach ca. zwei bis vier Wochen unter der Dauertherapie zu rechnen, bei der Bolustherapie ab dem zweiten bis dritten Bolus.
Leflunomid wirkt über die Hemmung der Synthese von Pyrimidin bzw. die dadurch vermittelte Reduzierung der Proliferation von Zellen (u.a. Lymphozyten). Ein Therapieeintritt ist frühestens nach vier bis acht Wochen zu erwarten, nach vier Monaten sollte eine Therapieüberprüfung bei Nichtansprechen erfolgen. Verschiedene Studien haben ergeben, dass die Wirksamkeit von Leflunomid mit der von Methotrexat und Sulfasalazin vergleichbar ist. Leflunomid hat eine sehr lange Halbwertszeit im Körper, weswegen bis zu zwei Jahren nach Absetzen des Präparates eine sichere Verhütung indiziert ist. Während bei Patienten mit einer leichten Niereninsuffizienz keine Dosisanpassung erforderlich ist, darf Leflunomid bei Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion nicht verabreicht werden.
Die Glukokortikoidtherapie hat ihren festen Platz in dem Therapiekonzept von chronisch entzündlichen Erkrankungen des rheumatologischen Formenkreises. Neben einer antiinflammatorischen Wirkung sind Glukokor tikoide auch immunsuppressiv wirksam, weswegen sie abhängig von der Diagnose und der Aktivität der Erkrankung in unterschiedlichen Dosierungen eingesetzt werden. Neben einer Pulstherapie mit bis zu 1 g/d wird vor allem eine orale Dauertherapie durchgeführt. Dabei sind die zu erwartenden Nebenwirkungen abhängig von der auf Dauer verabreichten Dosis.
Biologicals
Der Tumor-Nekrose-Faktor-α (TNF) stellt ein zentrales Zytokin in der Entzündungskaskade bei der rheumatoiden Arthritis dar (Abb. 2). Durch die Zulassung von Medikamenten, die gegen TNF-α gerichtet sind, konnte ein neues Therapieverfahren in der Rheumatologie etabliert werden. Drei Medikamente aus der Gruppe der so genannten Biologicals sind für die Behandlung der rheumatoiden Arthritis derzeit zugelassen. Es handelt sich dabei um ein Rezeptorfusionsprotein (Enbrel®) und zwei monoklonale Antikörper (Remicade®, Humira®), die parenteral verabreicht werden und die TNF-Spiegel senken. Die bisher durchgeführten klinischen Studien haben nun die Wirksamkeit des Therapieprinzips zum Teil eindrucksvoll bestätigen können. Im Vergleich zu einer Kombinationstherapie mit Methotrexat, Sulfasalazin und Hydroxychloroquin war das Ergebnis der Anti-TNF-Therapie in Langzeitstudien gut, aber nicht deutlich überlegen. Vor allem aber in der Kombination mit Methotrexat zeigten Anti-TNF-Therapeutika eine deutliche Verlangsamung der radiologischen Gelenkdestruktion und zum Teil sogar eine Heilung bestehender Usuren. Auch Interleukin (IL)-1 spielt in der Pathogenese der RA eine wichtige Rolle, und es wurde der IL-1-Rezeptorantagonist Anakinra (Kineret®) in die Therapie der RA eingeführt. Die Wirksamkeit konnte in Studien belegt werden, während eine Kombination der Anti-TNF-Therapie mit der Anti-IL-1-Therapie eher einen nachteiligen Effekt zeigte. Derzeit befinden sich noch andere Therapieformen aus der Gruppe der Biologicals in klinischer Erprobung, sodass eine Erweiterung der therapeutischen Möglichkeiten in der Rheumatologie zu erwarten steht. Insbesondere die gegen den
Nach: Choy EHS, Panayi GS. Cytokine pathways and joint inflammation in rheumatoid arthritis. N Engl J Med 2001;344:907-916
Interleukin-4 Interleukin-4 Interleukin-6 Interleukin-10 Th2 Interleukin-10 Makrophage
Plasmazelle
Th0
Anti-CD20-Therapie
Interferon-γ Interleukin-12 Interferon-γ
Anti-TNF-Therapie B-Zelle CD4 + T-Zelle
CD11 OPGL CD69 TNF-α,
CD69 CD11
Interleukin-1
Synovium
und Interleukin-6
Chondrozyt
Osteoklast
Fibroblast
Anti-IL-1-Therapie
Produktion von Metallproteinen und anderer Effektormoleküle
Migration der polymorphkernigen Zellen
Knochen- und Knorpelerosion
B-Zellmarker CD20 gerichtete Therapie (Abb. 2) mit einem monoklonalen Antikörper (Rituximab, MabThera®) steht kurz vor der Zulassung in Deutschland zur Therapie der RA. Der genaue Stellenwert der Biologicals in der Therapie der rheumatischen Erkrankungen wird jedoch in Zukunft noch bestimmt werden müssen, eine Ausweitung der Indikation auf andere entzündlich-rheumatische Erkrankungen ist schon erfolgt (M. Bechterew, Psoriasisarthritis) und es sind noch weitere zu erwarten. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass in die Therapie der rheumatoiden Arthritis in der letzten Zeit viel Bewegung gekommen ist und noch weitere Innovationen zu erwarten sind. Derzeit wird der Einsatz der bisher zugelassenen Biologicals nach frühestens sechs Monaten erfolgloser Therapie mit den konventionellen Basistherapeutika empfohlen.
Schmerztherapie
Trotz aller eingesetzten Therapieverfahren können nicht alle Patienten in eine Remission überführt werden, weswegen weiter zum Teil starke Schmerzzustände resultieren (Tab. 1). Zur Therapie mit Opioiden gibt es nur wenige randomisierte, doppelblinde, kontrollierte Studien bei Patienten mit Osteoarthrose oder rheumatoider Arthritis. Die ersten Studien wurden mit Codein durchgeführt, die jedoch vor allem aufgrund von Nebenwirkungen einen eher schlechten Ausgang hatten. Wenn ein guter Effekt vorhanden war, dann trat er in einer Kombinationstherapie mit nicht steroidalen Antirheumatika auf. Weitere Studien wurden vor allem mit Oxycodon durchgeführt, die einen guten Effekt zeigten. Aufgrund dieser Ergebnisse wurde ein Analogschluss auf andere µ-Agonisten gezogen, sodass die Indikation wenn eine Arthritis mit Manifestation vor dem
| Tabelle 1: Durchschnittliche Schmerzstärke der letzten sieben Tage (NRS) bei Patienten mit RA |
|---|
| Schmerz NRS % der Patienten Leicht 0 – 3 35 Mittel 4 – 6 37 Stark 7 – 10 28 Die Dauer der Erkrankung spielt dabei kaum eine Rolle: bei > 10 Jahren Erkrankung 33 % der Patienten mit starken Schmerzen |
16. Geburtstag nach Ausschluss aller anderen infrage kommenden Ursachen mindestens sechs Wochen persistiert.
Gerade zu Anfang ist besonders wichtig, dass dringlich zu behandelnde Erkrankungen wie eine septische Arthritis oder eine Leukämie, die anfangs der JIA klinisch ähneln können, nicht übersehen werden (Tab. 1).
zum Einsatz von Opioiden auch bei starken Schmerzen aufgrund degenerativer oder entzündlicher Gelenkerkrankungen steht. In jüngster Zeit wurden auch Studien mit einem günstigen Effekt von Tramadol bei Patienten mit Arthrose veröffentlicht, auch hier kam es zu den üblichen Nebenwirkungen. Neben dem schmerzstillenden Effekt gibt es erste Hinweise auf eine krankheitsmodifizierende Wirkung von Opioiden bei RA. Es wird deswegen auch die Bedeutung einer intraartikulären Injektion von Opioiden untersucht.
Nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) haben nach wie vor einen großen Stellenwert in der symptomatischen Therapie von Schmerzen im muskuloskelettalen System. NSAR sind sehr häufig verschriebene Medikamente und sind deswegen bezüglich ihres Nebenwirkungsprofils gut charakterisiert. Aufgrund der Nebenwirkungen der NSAR mit oft lebensbedrohlichen Komplikationen am Gastrointes-tinal-(GI-)Trakt wurden spezifische Hemmer (Coxibe) der Cyclooxygenase-2 (Cox-2) entwickelt, um eine bessere GI-Verträglichkeit zu erreichen. In randomisierten doppelblinden Multicenterstudien konnte gezeigt werden, dass die bisher zugelassenen Coxibe (Celecoxib, Etoricoxib) Schmerzen sowohl bei RA als auch bei Osteoarthrose analog den bisher üblichen NSAR lindern. Als Tipp für die Praxis gilt, dass wie alle NSAR auch die Coxibe ihre maximale Wirkung nach ca. fünf Tagen entfalten. In jüngster Zeit kam jedoch ausgehend von der Rücknahme von Rofecoxib eine starke Diskussion über die kardiovaskuläre Sicherheit von Coxiben auf. Im Herbst 2005 haben sowohl die amerikanische (FDA) als auch die europäische Arzneimittelbehörde (EMEA) die Datenlage beurteilt, und von der EMEA wurden folgende neuen Kontraindikationen festgelegt: Eine manifeste KHK stellt eine Kontraindikation für den Einsatz von Coxiben dar, während für NSAR eine Anamnese von GI-Blutung oder Perforation, aktive GI-Ulzera und Blutungen oder eine schwere Herzinsuffizienz Kontraindikationen darstellen. In der Zusammenschau der bis jetzt veröffentlichten Studien kann kein eindeutiger Unterschied in dem kardiovaskulären Risikoprofil zwischen NSAR und Coxiben belegt werden, während für schwere GI-Nebenwirkungen eine signifikante Reduktion für Coxibe demonstriert werden konnte. Letztendlich muss vor einer Therapieeinleitung die Komorbidität und Komedikation des jeweiligen Patienten beachtet werden, um dann die individuell beste Medikation einzusetzen. Insgesamt wird sich die Palette der Coxibe in der nächsten Zeit noch erweitern und es wird sich zeigen, ob sich aufgrund von pharmakologischen oder klinischen Parametern eine Differenzialindikation für den Einsatz einzelner Substanzen herauskristallisiert.
Christoph Baerwald, Leipzig
Renate Häfner, Hartmut Michels, Garmisch-Partenkir-Garmisch-Partenkir-chen chen
JIA-Kategorien
Während der letzten zehn Jahre wurde ein neues Klassifikationssystem für idiopathische chronische Arthritiden im Kindes-und Jugendalter vorgeschlagen [7]. Der Begriff „juvenile
Die juvenile idiopathische Arthritis ist die häufigste chronische entzünd-lich-rheumatische Erkrankung im Kindes-und Jugendalter. Diagnostik und Therapie beschreiben Dr. med. Renate Häfner und Dr. med. Hartmut Michels vom Deutschen Zentrum für Kinder- und Jugendrheumatologie,
Definition und Ausschlussdiagnostik
Die häufigste chronische entzündlich-rheu-matische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen ist die juvenile idiopathische Arthritis (JIA) mit einer Inzidenz zwischen 50 und 200 pro Million Kinder pro Jahr und einer Prävalenz zwischen 150 und 550 pro Million Kinder [13]. Eine juvenile idiopathische Arthritis liegt vor, idiopathische Arthritis“ (JIA) löst nunmehr die Bezeichnungen juvenile rheumatoide Arthritis (JRA, USA seit 1972) und juvenile chronische Arthritis (JCA, Europa seit 1977) ab. Entsprechend dem Verlauf während der ersten sechs Erkrankungsmonate wird die Erkrankung einer von sieben „Kategorien“ zugeordnet (Tab. 2).
Klinik und Diagnosestellung
Die JIA manifestiert sich vielgestaltig. Das führende Symptom, die Arthritis, kann ein, wenige oder viele Gelenke betreffen. Bei Oligoarthritis überwiegt der asymmetrische Befall einzelner Gelenke, bei Polyarthritis sind meist symmetrisch große und kleine Gelenke erkrankt. Die Arthritis ist gekennzeichnet durch Gelenkschwellung, Schmerz und Bewegungseinschränkung. Dabei kommt bei der kindlichen Arthritis dem Schmerz eine besondere Bedeutung zu.
Bedeutung des Schmerzes bei der JIA
Kinder mit Arthritis klagen vergleichsweise wenig über Gelenkschmerzen. Sie zeigen jedoch nonverbale Schmerzäußerungen, die oft übersehen werden. So fällt oft ein unruhiger Schlaf auf, bedingt durch Schmerzen bei unkontrollierten nächtlichen Bewegungen. Die Kinder ändern oft ihr Verhalten, ziehen sich zurück, werden weinerlich, quengelig oder zeigen aggressive Reaktionen. Zur Schmerzvermeidung schränken die Kinder das Laufen, Toben, Spielen ein, wollen ständig getragen werden und hängen vermehrt an Mutter oder Vater. Diese Reaktionen werden oft als faul oder ungezogen interpretiert, der chronische Schmerz als Ursache verkannt. Der Schmerz ist auch Hauptmotor bei der Entwicklung von Gelenkfehlstellungen [3, 8, 9].
Entstehung von Gelenkfehlstellungen
Jedes betroffene Gelenk wird von den Kindern unbewusst in einer schmerzentlastenden Stellung gehalten und benutzt. So weist das Kniegelenk eine Beugestellung, das Handgelenk eine Flexion und Ulnardeviation auf (Abb. 1). Die gelenkspezifische Schonhaltung wird konstant bei allen Bewe-
Bildarchiv Häfner/Michels
Abb. 1: Fehlstellung des Handgelenkes in Flexion und Ulnardeviation, welche das Kleinkind beim Greifen, Spielen etc. beibehält.
gungen beibehalten und muskulär stabilisiert. Die muskuläre Dysbalance zeigt sich in einer Hypertonie derjenigen Muskelgruppen, welche die Fehlhaltung fixieren, während die Antagonisten reflektorisch hypoton geschaltet werden. Unbehandelt entwickeln sich im Verlauf Kontrakturen mit Verkürzung der hypertonen Muskeln und des Kapselbandapparats. Dieser Folgezustand muss durch frühzeitige Diagnostik und Therapie unbedingt vermieden werden. Bei Kindern mit JIA müssen immer alle Gelenke von Kopf bis Fuß untersucht, bei passiven oder aktiven Bewegungen auf Abwehrreaktionen, Ausweichbewegungen und Fehlhaltungen geachtet werden.
Wachstumsstörungen
Die Arthritis befällt das wachsende Skelett und kann zu unterschiedlichen lokalen Wachstumsstörungen führen [10]. Ein vermehrtes Knochenwachstum, bedingt durch entzündlich verstärkte Durchblutung, findet man z. B. am Kniegelenk, an den Fingern oder Zehen. Bei kleinen Kindern erkennt man vor allem bei asymmetrischer Arthritis auch eine beschleunigte Ossifikation, insbesondere Hand-und Fußwurzel betreffend. Auf der anderen Seite führen Schonung und Minderbelastung zu vermindertem Wachstum. So können Fuß oder Hand an einer betroffenen Extremität kleiner bleiben im Vergleich zur gesunden Seite. Bei anhaltend hochentzündlichem Krankheitsbild, wie es besonders bei der systemischen JIA („Still-Syndrom“) vorliegt, kann auch das systemische Wachstum bis hin zum Kleinwuchs beeinträchtigt sein. Bei diesen Kindern kann die Wachstumskurve als Maß für die Schwere der Erkrankung und die Effektivität der Therapie herangezogen werden.
| Tabelle 1: Dringlich auszuschließende, umgehendes Handeln erfordernde Differenzial- |
|---|
| diagnosen bei einem erstmals vorgestellten Kind mit Verdacht auf JIA |
| Erkrankung Kritische Zeit Diagnostik Therapie Folgen einer verspäteten Therapie Septische Arthritis/ Stunden bis Tage Mikrobiologie des Antibiotische Irreversible Knorpel-Osteomyelitis Punktats, Blutkultur Therapie Knochen-Zerstörung Malignome wie Wochen Knochenmarkspunk-Onkologische Verschlechterung der Leukose, tion, Bildgebung Therapie Prognose bis hin zum Knochentumor Tod Lyme-Arthritis Wochen Anamnese, Klinik, Antibiotische Verschlechterung der Serologie, Therapie Gelenkprognose, Westernblot neurologische Komplikationen Morbus Perthes Wochen Kernspintomografie, Orthopädische Verschlechterung der Röntgen Behandlung Gelenkprognose Epiphyseolysis Tage bis Wochen Röntgen Orthopädische Verschlechterung der capitis femoris Behandlung Gelenkprognose Fremdkörper-Wochen Bildgebende Entfernung des Gefahr weiterer Schäsynovialitis Verfahren, Fremdkörpers digung Arthroskopie Arthropathie Tage bis Wochen Anamnese, Klinik, Gezielte Akute Gefahr zusätzli-infolge Miss-Röntgen Intervention cher Schäden, Lebenshandlung gefahr (!) Rheumatisches Tage Klinik, Anwendung Penicillin-Irreversibler Herzklap-Fieber (bis Wochen) der JONES-Kriterien therapie/ penschaden -prophylaxe Kawasaki-Tage Klinik, diagnostische I.v. Immunglo-Koronararterien-Syndrom Kriterien buline inner-Aneurysmen halb 10 Tagen Familiäres Wochen Klinik, molekular-Colchicin-Amyloidose mit irre-Mittelmeerfieber biologische Analyse Prophylaxe versibler Schädigung des FMF-Gens, der Nieren und ande-„Colchicin-Versuch“ rer Organe |
Uveitis oder äußere Zeichen am Auge abläuft. Sie be-Die Uveitis stellt eine besonders wichtige ex-trifft typischerweise Kleinkinder mit Oligoartraartikuläre Manifestation der JIA dar. Dabei thritis und Nachweis von antinukleären Antihandelt es sich um eine Entzündung der Re-körpern. Die Uveitis kann bleibende Schäden genbogenhaut und des Ziliarkörpers (Iridozyk-am Auge mit Visusverlust hinterlassen, weslitis); auch die hinteren Augenabschnitte kön-halb die gefährdeten Kinder in den ersten Jahnen einbezogen werden. Besonders gefürchtet ren alle vier bis sechs Wochen augenärztlich ist die chronische Form, die ohne Schmerzen untersucht werden sollten. Eine akute Uveitis
| Tabelle 2: Klassifikationsschema der JIA. Das Vorliegen einer Exklusion schließt die Zuordnung in die entsprechende Kategorie aus. – Prozentangaben nach der deutschen Kerndokumentation 200 (n = 009) [6]. (RF = Rheumafaktor) |
|---|
| Kategorien Relative Definition Exklusionen1 Häufigkeit Systemische 6,0 % Arthritis mit oder nach mindestens a, b, c, d Arthritis 2-wöchigem Fieber plus mindestens einer der folgenden Befunde: 1. Flüchtige (nicht fixierte) rötliche Exantheme 2. Generalisierte Lymphknotenschwellungen 3. Hepatomegalie oder Splenomegalie 4. Serositis Oligoarthritis 52,8 % Arthritis von 1−4 Gelenken während der a, b, c, d, e ersten 6 Erkrankungsmonate 1. Persistierende Oligoarthritis: nach 6 Monaten ≤ 4 Gelenke 2. Extended Oligoarthritis: nach 6 Monaten ≥ 5 Gelenke Polyarthritis 13,2 % • Arthritis von ≥ 5 Gelenken während der ersten a, b, c, d, e (RF-negativ) 6 Erkrankungsmonate • RF-Negativität während der ersten 6 Erkrankungsmonate Polyarthritis 1,6 % • Arthritis von ≥ 5 Gelenken während der ersten a, b, c, e (RF-positiv) 6 Erkrankungsmonate • RF während der ersten 6 Erkrankungsmonate mindestens 2x positiv (Mindestabstand zwischen 2 Bestimmungen 3 Monate) Psoriasis-7,0 % „Arthritis und Psoriasis“ oder Arthritis plus b, c, d, e Arthritis mindestens zwei der drei folgenden Punkte: 1. Daktylitis 2. Tüpfelnägel oder Onycholyse 3. Psoriasis bei einem 1°-Verwandten Enthesitis-14,8 % „Arthritis + Enthesitis“ oder Arthritis oder Enthesitis a, d, e assoziierte plus mindestens zwei der fünf folgenden Punkte: Arthritis 1. Vorliegen oder Anamnese: ISG-Schmerz bzw. entzündlicher lumbosakraler Schmerz 2. HLA-B27-Positivität 3. Arthritisbeginn bei einem Jungen im Alter > 6 Jahre 4. Akute (symptomatische) anteriore Uveitis 5. Familienanamnese: ankylosierende Spondylitis, enthesitisassoziierte Arthritis, Sacroiliitis bei entzündlicher Darmerkrankung, Reiter-Syndrom oder akute anteriore Uveitis bei einem 1°-Verwandten Undifferenzier-4,5 % Arthritis, die die Kriterien keiner Kategorie oder mehr Øte Arthritis als einer Kategorie erfüllt |
1Exklusionen:
mit Schmerzen, Rötung und Lichtscheu tritt bei 10–20% der Patienten mit enthesitisassoziierter Arthritis auf. Die starke Symptomatik führt meist frühzeitig zum Augenarzt. Unter lokaler Therapie klingt die akute Uveitis in der Regel folgenlos ab.
Laborbefunde
Sie können ergänzend hilfreich sein für Diagnose und Verlauf. Erhöhte BSG-und CRP- Werte sprechen für ein deutlich entzündliches Geschehen. Normale Laborwerte schließen eine JIA jedoch nicht aus. Immunologische Marker erleichtern die Zuordnung zu den Kategorien (Tab. 2). Antinukleäre Antikörper (ANA) findet man zu über 80% bei Kindern mit Oligoarthritis, vermehrt auch bei der RFpositiven Polyarthritis und der Psoriasisarthritis. Der Rheumafaktor (RF) ist innerhalb der JIA definitionsgemäß nur bei der RF-po-sitiven Polyarthritis nachweisbar. Bei Nachweis von RF und ANA kommen differenzialdiagnostisch auch Kollagenosen infrage. Der genetische Marker HLA-B 27 kennzeichnet die enthesitisassoziierte Arthritis und ist auch bei etwa 30% der Kinder mit Psoriasisarthritis positiv.
Bildgebende Verfahren
Mit der Gelenksonografie kann man entzündliche Veränderungen wie Ergüsse, Synovialisverdickung oder Tenosynovitis nachweisen. Sie gehört zur Basisdiagnostik bei JIA.
Das Röntgenbild ist bei JIA in den ersten Wochen und Monaten meist normal und weist erst bei längerem Verlauf auf Gelenkdestruktionen hin. Kommt die Erkrankung zur Ruhe, kann man radiologisch auch Reparaturvorgänge an Knorpel und Knochen beobachten.
Die Magnetresonanztomografie hat Bedeutung für die Differenzialdiagnose und bleibt besonderen Fragestellungen der JIA vorbehalten.
Therapie
Die gezielte Behandlung der betroffenen Gelenke gehört von Anfang an zum Therapieregime bei JIA. Nur so können Funktionseinschränkungen und bleibende Behinderungen vermieden werden. Wir behandeln nach dem Garmischer Behandlungskonzept in einem Stufenplan, der den jeweils aktuellen Gelenkzustand berücksichtigt (Tab. 3 u. Abb. 2) [8].
Sie ist ein wichtiger Teil der Therapie bei chronisch rheumakranken Kindern und schließt die ganze Familie mit ein. Der individuelle Einfluss der Erkrankung auf Familie und soziales Um-feld muss von erfahrenen Sozialpädagogen und Psychologen angesprochen und bearbeitet werden. Die soziale Betreuung umfasst auch die Eingliederung in Schule, Ausbildung und Beruf sowie die Beratung hinsichtlich sozialer Hilfen und Nachteilsausgleiche.
Medikamentöse Therapie/ Nicht steroidale Antirheumatika
Kinder mit idiopathischen persistierenden Arthritiden erhalten zunächst NSAR. In der Kinderrheumatologie hat sich die Beschränkung auf einige wenige, vom Therapeuten gut abschätzbare Substanzen bewährt. Hauptsächlich werden Ibuprofen, Naproxen, Diclofenac und Indometazin, neuerdings auch Meloxicam eingesetzt. Bei Kleinkindern wird vorzugsweise auf Präparate, die als flüssige Zubereitung zur Verfügung stehen, zurückgegriffen, da diese eine präzise Dosierung pro Kilogramm Körpergewicht und eine individuelle Verteilung der Einzeldosen über den Tag erlauben und auch besser akzeptiert werden. Hinsichtlich der unerwünschten Wirkungen sind nicht nur die Wirkungen auf den Magen-Darm-Trakt, sondern auch die ZNS-Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen (Auswirkung: schlechtere Schulnoten) besonders zu beachten.
Basistherapeutika/ Immunsuppressiva
Blande oligoarthritische Verläufe bedürfen im Allgemeinen keiner Behandlung mit „Basistherapeutika“. Andererseits zeichnet sich auch in der Kinderrheumatologie bei aktiven poly- arthritischen und/oder destruktiven sowie bei systemischen Verläufen die Tendenz zu einem frühen subgruppenbezogenen Einsatz dieser Medikamente ab [2]. Die Einstellung auf Basis-therapeutika/Immunsuppressiva ist Aufgabe des Kinderrheumatologen bzw. der spezialisierten Zentren. Die Überwachung dieser Therapien wird wohnortnah durchgeführt und liegt vor allem in den Händen der niedergelassenen Kinder- bzw. Hausärzte.
Glukokortikoide
Glukokortikoide (GK) gehören nach wie vor zu den unverzichtbaren, aber nur in der Hand des Erfahrenen insgesamt gut verträglichen Therapeutika der JIA. Absolute Indikationen stellen die lokale Applikation bei rheumatischer Iridozyklitis und die systemische Gabe bei zystischem Makulaödem im Rahmen der rheumatischen Uveitis sowie bei schwerer rheumatischer Myokarditis dar. Sehr hilfreich können intraartikulär verabreichte GK (Triamcinolonhexacetonid) sein. Bei der aktiven systemischen JIA und bei Kollagenosen (SLE, DM, MK) kommt man oft ohne eine längerfristige systemische GK-Gabe nicht aus. Wegen der zahlreichen unerwünschten Wirkungen und der sich rasch entwickelnden ,,Kortisonpflichtigkeit” sollten GK systemisch nur mit größter Zurückhaltung verwendet werden. Die Dosierung wird auch unter den Spezialisten sehr unterschiedlich gehandhabt, möglicherweise wird nicht selten unnötig hoch dosiert [5]. Gerade in der Kinderrheumatologie kann eine zu hoch dosierte und zu lange verabreichte Therapie mit GK dazu führen, dass die unerwünschten Wirkungen langfristig unangenehmer sind als die Erkrankung selbst. Im Kindesalter fällt insbesondere die Störung des Längenwachstums ins Gewicht, die bei langfristiger Verabreichung irreversibel sein kann. Bei länger dauernder Therapie sollte deshalb möglichst nicht über 0,15 mg Prednison-Äqui-valent/kg KG/Tag, maximal 5 mg/d, dosiert werden. Die Tagesdosis sollte vorzugsweise in einer morgendlichen Dosis verabreicht und eine alternierende Gabe angestrebt werden. Eine im Monatsabstand wiederholbare Stoßtherapie mit Megadosen (,,Pulstherapie”), z. B. 10–20 mg Prednison-Äquivalent/kg KG an drei aufeinanderfolgenden oder alternierenden Tagen, kann in der Einstellphase auf ein Langzeitantirheumatikum die Zeit bis zu dessen Wirkungseintritt überbrücken helfen oder schwer beeinflussbare Iridozyklitiden zum Abklingen bringen.
Biologicals
Für Kinder ab vier Jahren ist seit 2000 lediglich Etanercept zugelassen (Stand: Frühsommer 2006). Einer oft guten Effektivität stehen bislang nicht sicher abschätzbare Langzeitrisiken gegenüber. Die Indikationsstellung sollte dem Kinder-und Jugendrheumatologen
| Tabelle 3: „Garmischer Behandlungskonzept“ in der Physiotherapie bei JIA |
|---|
| Physiotherapie: Garmischer Behandlungskonzept Entspannung und Schmerzlinderung • Langsames passives, aktiv-assistives Bewegen • Traktion • Lagerung • Physikalische Maßnahmen • Entlastende Hilfsmittel Verbesserung der Gelenkbeweglichkeit • Gelenkmobilisation • Dehnen der verkürzten Strukturen • Aktivieren der hypertonen Muskulatur Bahnen physiologischer Bewegungsmuster |
Bildarchiv Häfner/ Michels
Abb. 2: Gangschulung bei einem Kleinkind. Die Therapeutin korrigiert jede einzelne Phase des Gangzyklus.
vorbehalten bleiben [4}. Etanercept ist bei systemischer JIA oft nicht ausreichend effektiv; hier zeichnet sich ab, dass Anakinra eine wirksame Alternative darstellt.
Beendigung der medikamentösen Therapie
Eine Reduktion und schließlich Beendigung der medikamentösen Therapie ist indiziert, wenn die Erkrankung vier bis sechs Monate klinisch und humoral zur Ruhe gekommen ist. Da eine abrupte Therapiebeendigung von einer erhöhten Rezidivgefahr bedroht ist, sollte das Absetzen ausschleichend über Monate unter Supervision eines erfahrenen Kinder- rheumatologen erfolgen.
Zusammengefasst handelt es sich bei der juvenilen idiopathischen Arthritis um eine ätiologisch ungeklärte Erkrankung, für die bislang keine ursächlichen oder kurativen Therapien zur Verfügung stehen. Mithilfe eines mehrdimensionalen Behandlungsansatzes („Garmischer Konzept“), der gleichberechtigt medikamentöse und nicht medikamentöse Maßnahmen umfasst und ein interdisziplinäres Handeln erfordert, kann jedoch für die meisten Kinder ein befriedigender therapeutischer Weg gefunden werden.
Renate Häfner, Hartmut Michels, Garmisch-Partenkirchen
Literatur und eine ausführlichere Langfassung mit weiteren Details zur Pharmakotherapie und Physiotherapie können bei der Redaktion angefordert werden.
Oliver Emrich, Ludwigshafen
chon die bloße Ankündigung dieser neu-leidgeprüften
Schmerzpatienten im internaen Regressform wird ihre Wirkung auf die tionalen
Vergleich und im nationalen Vergleich Versorgungsrealität mit zum Teil
hochpreisigen zur Situation von vor 20 Jahren. Darüber hin-Analgetika und
Koanalgetika nicht verfehlen. aus bedeutet dieses Gesetz eine weitere exis-Schon
präemptiv werden viele Verordner Zu-tenzielle wirtschaftliche Bedrohung
schmerzrückhaltung üben, um bei Inkrafttreten der therapeutischer Einrichtungen
durch mögliche Malusregelung am 1.1.2007 „gerüstet“ zu sein. Regressforderungen
bei Überschreitung noch Dies geschieht zu einer Zeit, da die Versor-neu
festzulegender Verschreibungsgrenzen gung von Schmerzpatienten in Deutschland
über die schon bestehenden Richtgrößen gerade erst zögerlich besser wird und den
in-hinaus. ternationalen Vergleich nicht mehr scheuen Das AVWG wurde geplant und
realisiert, muss. Dabei zeigen Analysen der Arzneiver-nachdem der Kostenanstieg
bei den Arzneiordnungen in Deutschland allein z.B. für den mittelausgaben in
2005 „doppelt so hoch wie Bereich der Tumorschmerztherapie immer der von der
Selbstverwaltung vereinbarte (manoch eine Unterversorgung von 50%, gemes-ximale)
Zuwachs“ ausgefallen sei. Deshalb sen an einer leitliniengestützten Versorgung
wurden „Maßnahmen zur sofortigen Senkung von Krebsschmerzpatienten, gemäß den
der Arzneimittelausgaben“ (O-Ton Deutscher WHO-Empfehlungen. In einer solchen
Situa-Bundestag Drucksache 16/194) getroffen. tion die Rationierung der
notwendigen Arznei-Diesen Tenor kennen wir schon: Als ob diese mittelversorgung
zu implementieren, hat mit Zuwächse durch absichtliches Verprassen der an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Ressourcen durch die Vertragsärzte
entstankatastrophale Auswirkungen auf den Versor-den seien. gungsgrad von
Schmerzpatienten mit der notwendigen Medikation. Dies bedeutet auch eine absurde
Perversion der jahrelangen Kampagne der großen Fachgesellschaften für eine
bessere Versorgung von Schmerzpatienten. Noch im Jahr 2004 forderte die WHO
zusammen mit der IASP (International Association for the Study of Pain) und EFIC
(European Federation of IASP Chap-ters)am „Globalday against pain“: Pain therapy
should be a human right! Das AVWG ist aber das diametrale Gegenteil dieser
Forderung nach Schmerztherapie als einem solchen „Menschenrecht“.
Konkret befürchten wir einen Rücksturz in Zeiten der absoluten Fehl-und Mangelversorgung der besonders
Mit dem Ziel, 1,3 Milliarden � einzusparen, wurden neben extrem regulativen Veränderungen bei der Arzneimitteldistribution und direkten Eingriffen bei der P r eis g e s t alt u n g (Preisstopp, Absen
kung von Festbeträgen, Abschaffung von Naturalrabatten an Apotheken) auch eine völlig neuartige Reglementierung für das Verschreibungsverhalten der Ärzte implementiert: die so genannte Bonus-Malus-Regelung.
Fatale Sanktionen drohen
Aufgrund der erforderlichen Vorarbeiten kann dieser Sanktionsmechanismus zwar erst am 1.1.2007 in Kraft treten, aber schon jetzt zeichnen sich die Umrisse einer möglicherweise fatalen Entwicklung ab:
KBV und Spitzenverbände der Krankenkassen sollen Arzneimittelgruppen für verordnungsstarke Indikationsgebiete bestimmen. Dies wird somit nicht alle Arzneimittelgruppen betreffen, für die dann weiterhin die dann „bereinigten“ Richtgrößen gelten, aber es zeichnet sich ab, dass auch z.B. Opioide unter diese Gruppe der verordnungsstarken Arzneimittel gehören werden („Hamburger Modell“). Überschreiten die vom Arzt veranlassten Verordnungskosten die DDD (Daily Defined Dose) dieser Medikamente, so wird vom Prüfungsausschuss ab 10% bis über 30% Überschreitung zwischen 20% bis max 50% des Überschreitungsbetrages als Individualregress einbehalten. Praxisbesonderheiten zählen hier nicht (das ist neu!), sondern nur der Vergleich zur Fachgruppe. Ein Einspruch hat allenfalls aufschiebende Wirkung bis zum Bescheid des Beschwerdeausschusses, danach, vor Klage beim Sozialgericht, aber nicht mehr. Dies bedeutet einen weiteren Paradigmenwechsel in immer stärkeren Kne
belungen vertragsärztlicher Tätigkeit.
Fatal und perfide!
Diese perfiden Reglementierungen und Eingriffe in die Therapiefreiheit können allerdings ausgesetzt werden, wenn eine KV eine regionale Vereinbarung mit den Krankenkassen abschließt, die „verbindlich regelt, dass die KV den Ausgleich der Mehrkosten bei Nichteinhaltung der vereinbarten Ziele gewährleistet“. Dies bedeutet, regionale KVen können eine Ersatzlösung beschließen, die beim gleichen Einsparziel ankommen muss, nur der Regress ist dann nicht mehr auf den einzelnen Arzt bezogen, sondern wird kollektiv verordnet. Kürzungen kommen also so oder so, es ist nur nicht ganz klar wie.
Eine Simulationsrechnung am Beispiel eines Sc hm erzzentr u ms (hier Schmerzzentrum Ludwigshafen am Rhein) bewertet die „Arzneimittelfrühinformation“ der KV Rheinland-Pfalz nach den Vorgaben des AVWG.
Drei mögliche Szenarien sind hier durchgerechnet worden:
Szenario 1: Nur Stu-fe-3-WHO-Opioide unter Bonus-Malus sind Gegenstand der Bewertung nach DDDs: Damit würde sich der Regress im letzten Quartal 2005 auf 2429,71 � belaufen.
Szenario 2: Auch Stufe-2-Opioide (Tramadol und Tilidin/Naloxon) fallen unter diese Prüfung. In diesem Fall beliefe sich der Regress schon auf 7555,34 �.
Szenario 3: Alle Opioide sind weiterhin „nur“ Gegenstand von Richtgrößenprüfungen und fallen doch nicht unter die Malus-Rege-lung. Wie bisher werden Opioide der Stufe 3 nicht einem Regress unterzogen: Damit wäre in der KV Rheinland-Pfalz, wie in der Vergangenheit in diesem Fall auch, kein Regress zu befürchten, wenn die regionale KV nicht nach dem Muster der KV Nordrhein eine Zielvereinbarung mit den Landesverbänden der Krankenkassen schließt und eine Me-Too-Rege-lung von stark wirksamen Opioiden einführt. Der Flurschaden wären dann noch größer als in Szenario 1 und 2.
Aus für die Schmerztherapie?
Dies ist der Beweis: Gelingt es nicht, wenigstens den Status quo bezüglich der Regelungen in der Verordnung von Analgetika und Adjuvanzien fortzuschreiben, dann droht der Schmerztherapie nach dem Desaster mit dem EBM 2000 plus mit dem Damoklesschwert des Medikamentenregresses auf Opioide das endgültige Aus. Dies ist ein absoluter Widersinn in einer Zeit in der immer noch ca. nur die Hälfte dessen verschrieben wird, was nach Anzahl und Schwere von Tumorschmerzen notwendig wäre. Neben dem Budgetdruck behindern immerhin auch noch alte Mythen, Vorurteile und nicht zuletzt Unkenntnis und Ausbildungsdefizite eine ausreichende Versorgung der Schmerzpatienten mit notwendigen Analgetika.
Es ist deshalb unmissverständlich die sofortige Rücknahme der Bonus-Malus-Re-gelung im AVWG als unmittelbarer massiver Bedrohung der Schmerzpatienten und der Schmerztherapeuten zu fordern.
Appell
Schreiben Sie deshalb sofort Briefe
an Ihre regionale KV und die KBV,
die Wahlkreisabgeordneten des
Deutschen Bundestages in Ihrer Re
gion, an das Gesundheitsministe
rium Ihres Landes, die Bundesregie
rung z. Hd. Frau Bundeskanzlerin
Angela Merkel, an Frau Gesund
heitsministerin Ulla Schmidt, den
Gesundheitsausschuss des deut
schen Bundestages und an die Ge
sundheitspolitischen Beauftragten
der Parteien. Auch Ihre Patienten
sollten Sie mobilisieren. Diese sollen
auf Vordrucken an die Patientenbe
auftragte für Gesundheitsfragen der Patientinnen und Patienten, Frau Helga Kühn-Mengel, schreiben. Die entsprechenden Adressen erhalten Sie alle im Internet oder bei der Geschäftsstelle der DGS. Es reicht keineswegs, wenn hier nur die schmerztherapeutischen Verbände intervenieren. Die machen das natürlich. Sie müssen jeder für sich selbst ebenfalls aktiv werden, und zwar sofort. Die Zeit drängt.
Oliver Emrich, Ludwigshafen
Allgemeine Infekte
Entsprechend der Häufigkeit von viralen, bakteriellen und sonstigen Infekten sind hierdurch verursachte Kopfschmerzen sehr häufig. Die Patienten haben Zeichen eines Allgemeininfekts oder haben einen solchen kürzlich durchgemacht. Die Kopfschmerzen sind holozephal oder bifrontal, der Schmerzcharakter kann drückend oder auch pochend und pulsierend sein. Meist wird der Schmerz durch körperliche Aktivität verstärkt. Typisch sind zusätzliche Allgemeinsymptome wie Fieber, Gliederschmerzen und Abgeschlagenheit. Infektionen, die besonders häufig mit starken Kopfschmerzen einhergehen sind Mykoplasma-Pneumonien, Influenza, Hantavirusinfektionen und Rickett-siosen.Von den tropischen Infektionen können die Malaria und die Trypanosomiasis mit lang anhaltenden Kopfschmerzen einhergehen. Verspätet auftretende und lang anhaltende Kopfschmerzen gibt es auch bei Epstein-Barr-Virus-und Herpes-simplex-Virus-Infektionen. Die Pathogenese dieser Kopfschmerzen wie auch der häufig begleitenden Gliederschmerzen erklärt sich durch die erhöhte Freisetzung von Zytokinen, Stickoxiden und weiteren algogenen Substanzen. Hierdurch werden Nozizeptoren aktiviert und die allgemeine Schmerzschwelle wird herabgesenkt.
Differenzialdiagnostisch muss bei der Konstellation von Kopfschmerzen mit Fieber und Entzündungszeichen an eine Meningitis gedacht werden, die im Zweifelsfall mittels Liquoruntersuchung ausgeschlossen werden muss.
Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems
Kopfschmerzen treten häufig bei akuten Blutdrucksteigerungen auf, z. B. bei Phäochromozytom, hypertensiver Krise und bei der Eklampsie. Eine chronische arterielle Hypertonie stellt für sich allein keinen Grund für Kopfschmerzen dar. Allerdings kann eine arterielle Hypertonie im Zusammenhang mit weiteren prädisponierenden Faktoren das Auftreten von Kopfschmerzen begünstigen.
Aus jeder unbehandelten Hypertonie kann sich eine hypertensive Krise entwickeln. Da die Hypertonie heute in der Regel gut behandelt wird, treten hypertensive Krisen nur noch selten auf. Es kommt zu paroxysmalem Blutdruckanstieg mit diastolischen Blutdruckwerten über 120 mmHg. Während der Hochdruckkrisen können Kopfschmerzen, Schwindel, Tachykardien, Angstzustände und Angi-na-pectoris-Beschwerden auftreten. Bei der hypertensiven Enzephalopathie gehören zusätzlich Sehstörungen, Schwindel, Erbrechen, ggf. Krampfanfälle und neurologische Ausfälle zum klinischen Bild. Zur Pathophysiologie weiß man, dass bei akutem Blutdruckanstieg vermehrt Stickoxyd (NO) aus den Endothelzellen freigesetzt wird. Später kommt es zum Funktionsverlust der Endothelzellen und über lokale Entzündungsreaktionen zu vermehrter endothelialer Permeabilität, Verlust der Autoregulation, Vasospasmen und somit zu einem vasogenen zerebralen Ödem. Dabei ist die Schwere der Symptomatik abhängig von der Geschwindigkeit des Blutdruckanstiegs. Die
Therapie besteht in Blutdrucksenkung durch parenterale Gabe von
Antihypertensiva.
Phäochromozytome sind Tumoren der chromaffinen Zellen des s y m p a t his c h e n
Claudia Sommer, N e r v e n s y s t e m s Würzburg
und mit ein bis zwei
Fällen pro 100 000 Einwohner und Jahr eine seltene Erkrankung. Hierbei treten Kopfschmerzen in 70–90% aller Fälle auf, bei 10% als Erstsymptom. Leitsymptom des Phäochromozytoms ist eine schwere, oft therapierefraktäre Hypertonie, die klinisch mit einer Beschwerde-Trias von Kopfschmerzen, Schwitzen und Tachykardie einhergeht. Es können zudem auch Herzrhythmusstörungen, Hyperglykämien, Myokardinfarkte und zerebrale Insulte auftreten. Die Kopfschmerzen, die anfangs auch alleiniges Symptom sein können, treten meist anfallsartig auf. Sie haben Crescendocharakter, sind pulsierend und pochend und meist bilateral. Übelkeit und Erbrechen können vorhanden sein. Die Dauer der Attacken beträgt zwischen wenigen Minuten und einer Stunde. Als ursächlich für den Kopfschmerz stellt man sich den sekundär erhöhten intrakraniellen Druck vor. Diagnostisch ist die Bestimmung der freien Katecholamine bzw. deren Metaboliten (freie Metanephrine, Vanillinmandelsäure) im 24-Stunden-Urin als Screeninguntersuchung erforderlich. Bei einem positiven Ergebnis erfolgen ein Clonidin-Suppressionstest und eine Bildgebung zur Tumorsuche. Die Therapie besteht in der chirurgischen Entfernung des Tu-
Abb. 1: Häufigkeit von Kopfschmerzen bei beispielhaften internistischen Erkrankungen (Näherungswerte).
mors. Zur präoperativen Blutdruckeinstellung werden Alpha-Rezeptor-blockierende Substanzen wie Phenoxybenzamin oder Prazosin eingesetzt.
Kopfschmerzen bei Belastung können auch ein Leitsymptom bei koronarer Herzkrankheit sein. Die Kopfschmerzen werden als sehr intensiv und häufig als stechend beschrieben, Übelkeit kann auftreten. Die Differenzierung von einer Migräne ohne Aura ist bedeutsam, da bei der Migräne Triptane mit vasokonstriktiver Wirkung gegeben werden, die bei koronarer Herzerkrankung kontraindiziert sind. Eine weitere Differenzialdiagnose ist die durch Nitropräparate ausgelöste Migräne bei Patienten mit Angina pectoris. Da bei den meisten der Patienten gleichzeitig Brustschmerzen mit der typischen Ausstrahlung in den linken Arm auftreten, wird in der Regel die korrekte Diagnostik und Therapie eingeleitet. Bei Patienten mit Kopfschmerz bei körperlicher Anstrengung ohne Manifestation im Brustbereich sollte auch bei nur geringem Verdacht auf koronare Herzkrankheit die entsprechende kardiale Diagnostik erfolgen.
Metabolische und endokrine Störungen
Sowohl eine Hypo-wie auch eine Hyperthyreose können mit Kopfschmerzen einhergehen. Kopfschmerzen treten bei 30% aller Patienten mit Hypothyreose auf. Der Kopfschmerz ist leicht ausgeprägt, dumpf und bilateral. Die Behandlung der Wahl besteht in der Substitution mit Schilddrüsenhormonen, worunter sich auch der Kopfschmerz rasch bessert. Die Inzidenz von Kopfschmerzen bei Hyperthyreose ist nicht bekannt. Kopfschmerz tritt neben anderen Symptomen bei der thyreotoxischen Krise auf.
Akutes Fasten, wie am Yom-Kippur-Tag oder am ersten Tag des Ramadan, ruft bei 40% der Betroffenen Kopfschmerzen hervor. Bei zwei Drittel aller Personen mit einer Kopfschmerzanamnese tritt unter Fasten ein Kopfschmerz auf. Der Kopfschmerz hat meist den gleichen Charakter, den auch episodischer Kopfschmerz bei den gleichen Personen hat. Bei jüngeren Diabetikern kann der Kopfschmerz als Warnzeichen einer Hypoglykämie dienen.
Die Diagnose wird durch Anamnese und Messung des Blutzuckerspiegels gestellt. Durch Einnehmen einer Mahlzeit, ggf. in Kombination mit einem Analgetikum, wird der Kopfschmerz rasch beendet. Bei wiederholtem Auftreten ist es wichtig, die Lebensgewohnheiten des Patienten zu analysieren, um durch entsprechende Verteilung der Mahlzeiten das Auftreten von Kopfschmerzen zu reduzieren.
Archiv
Differenzialdiagnostisch muss beachtet werden, dass eine Hypoglykämie auch Migräneattacken auslösen kann, die dann als solche behandelt werden müssen.
Bei morgendlichem Kopfschmerz nach dem Erwachen, der sich bifrontal manifestiert und erst nach mehreren Stunden oder nach physischer Aktivität zurückgeht, muss an ein Schlaf-Apnoe-Syndrom gedacht werden. Die Prävalenz des Schlaf-Apnoe-Syndroms in der Bevölkerung liegt bei 1–2%. Am häufigsten betroffen sind Männer mittleren bis höheren
Lebensalters mit Adipositas und Neigung zum Schnarchen. Tagesmüdigkeit und von den Ehepartnern bemerkte nächtliche Atempausen können zur Diagnosefindung beitragen. Um Folgestörungen wie arterielle Hypertonie, Polyglobulie und Herzrhythmusstörungen zu vermeiden, ist die diagnostische Sicherung durch Polysomnografie mit Nachweis von nächtlichen Sauerstoffentsättigungen sowie eine daran anschließende Therapie erforderlich. Therapeutisch wird meist die nasale CPAP-Beatmung eingesetzt. HNO-Operati-onen sind nur bei nachgewiesener obstruktiver Pathologie im oropharyngealen Bereich indiziert. Bei adipösen Patienten ist eine Gewichtsabnahme angezeigt.
Autoimmunerkrankungen
Von der Riesenzellarteriitis oder Arteriitis temporalis sind zumeist ältere Menschen (> 65 Jahre) betroffen. Die jährliche Inzidenz beträgt etwa 30 pro 100 000 Einwohner über 50 Jahren, Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Der Kopfschmerz kann bitemporal oder holozephal lokalisiert sein, die Schmerzstärke ist mittelstark bis stark, der Schmerzcharakter variiert von dumpf-drückend zu pulsierend, es können auch einschießende Stiche vorkommen. Gesichtsschmerz beim Kauen kann durch Beteiligung des M. temporalis entstehen. Oft besteht zusätzlich eine Polymyalgia rheumatica mit generalisierten Schmerzen und Überempfindlichkeit. Ein Warnzeichen ist der intermittierende Visusverlust, der ohne rasche Therapie permanent werden kann (anteriore ischämische Optikusneuropathie). Eine Reihe anderer Symptome kann mit der Riesenzellarteriitis assoziiert sein: Antriebsarmut und Rückzugstendenz, Verwirrtheitszustände, Gewichtsverlust sowie Manifestationen der Arteriitis an Haut, Gelenken und peripherem Nervensystem. Wegen der weit reichenden Konsequenzen sollte bei jedem Patienten über 60 Jahren mit neu aufgetretenen persistierenden Kopfschmerz an eine Riesenzellarteriitis gedacht werden. Pathognomonisch ist die Kombination von neu aufgetretenen Kopfschmerzen im höheren Lebensalter und erhöhter BSG (> 40 mm/h). Eine Biopsie der Arteria temporalis kann die Diagnose erhärten, kann jedoch aufgrund des fokalen Befalls auch falsch negativ sein. Die Behandlung besteht in der Gabe von Kortikosteroiden. Initial werden 1 mg/kg KG Prednisolonäquivalent gegeben. Nach Normalisierung der BSG wird versucht, auch eine möglichst niedrige Erhaltungsdosis zu reduzieren. Die Behandlungsdauer beträgt ein bis fünf Jahre, das Rezidivrisiko ist hoch.
Der Lupus erythematodes hat eine Prävalenz von 51 in 100 000 Einwohnern, davon haben 60% eine ZNS-Beteiligung. Von diesen leiden ca. 30% an Kopfschmerzen. Die Kopfschmerzen können sich wie ein Kopfschmerz vom Spannungstyp, aber auch wie eine Migräne manifestieren. 90% der Patienten sind Frauen. Die Verdachtsdiagnose eines Lupus erythematodes sollte bei Patientinnen mit Müdigkeit, Fieber und Gewichtsverlust gestellt werden, wenn sich zudem Arthralgien, ein Ausschlag, eine Anämie oder eine Nierenbeteiligung zeigen. Die Behandlung der Grundkrankheit besteht in der Gabe von Kortikosteroiden und Immunsuppressiva. Die Kopfschmerzen bessern sich unter Behandlung der Grundkrankheit.
Rheumatoide Arthritis: Wenn die obere Halswirbelsäule betroffen ist, kann Kopfschmerz durch Entzündung der atlantookzipitalen und atlantoaxialen Gelenke und durch Überdehnung der zervikalen Wurzeln bei atlantoaxialer Subluxation bedingt sein. In diesen Fällen beginnt der Kopfschmerz okzipital und wird durch Kopfbewegungen verstärkt. Wie auch bei M. Bechterew kann bei Patienten mit rheumatoider Arthritis vermehrter Gesichtsschmerz aufgrund temporomandibulärer Dysfunktion auftreten. Kopfschmerzen sind ein häufiges Symptom bei der Zöliakie. Die Kopfschmerzen können sich wie ein Kopfschmerz vom Spannungstyp oder wie Migräne manifestieren, auch Mischtypen kommen vor.
Bei den meisten Patienten bessern sich die den, um Ursachen für symptomatische Kopf-Kopfschmerzen zusammen mit den abdomi-schmerzen nicht zu übersehen. Wenn sich nellen Symptomen unter glutenfreier Diät. Anhaltspunkte für eine internistische Grunder
krankung ergeben, muss der kausale Bezug Fazit erwogen werden. Bei unklaren Situationen In der Diagnostik von Kopfschmerzen, insbe-sollte unbedingt eine internistische Mitbetreusondere bei älteren Menschen, muss immer ung erfolgen.
die komplette Eigenanamnese erhoben wer-
Claudia Sommer, Würzburg
werden. Dazu einige Fakten:
• Bereits 1997 berichtete das Statistische Bundesamt Wiesbaden über kassenübergreifende Mortali-
Günter Baust,
tätsdaten für aus-Petersberg gewählte Diagnosen in Deutschland. Die überprüften 802 Mio. Tagesdosen der Nicht-Azetylsäure-Antiphlogistika verursachte zwischen 1200 und 2400 Todesfälle pro Jahr.
• NSAR-induzierte gastrointestinale Komplikationen verursachten in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts in den USA 16500 Todesfälle pro Jahr, in Großbritannien 2 500 pro Jahr
(T. Herdegen u. J. Fauler, Arzneimitteltherapie 2006;24:84–89). Wäre die derzeit nur beiläufig geschätzte Zahl von ca. 3000 „verordneten“ Todesfällen durch eine bestimmte Medikamentengruppe nicht Anlass genug, die Ursachen unverzüglich wissenschaftlich zu klären und entsprechende Sanktionen einzuleiten? Sind sie ausschließlich auf gastrointestinale Komplikationen zurückzuführen oder könnten vielleicht andere lebensbedrohliche Zusammenhänge einen tödlichen Ausgang bewirken? Aufschlussreich wäre die Klärung, ob diese
Todesfälle nur auf nicht indizierte ärztliche Verordnungspraktiken (hohe Dosis und langfristige Verordnung) von NSAR zurückzuführen, oder im Zusammenhang mit einer Selbstmedikation der Betroffenen unter Nichtbeachtung der Warnhinweise der Beipackzettel zu beklagen sind. Auch die über 30% der durch Schmerzmittelabusus zu beklagenden Patienten mit dialysepflichtigen Nierenschäden oder letalem Ausgang bedürfen einer exakten Analyse. Über genaue Zahlen sowie Ursachen und Zusammenhänge dieser fatalen Nebenwir
we
ifellos gehören die Cox-2-Inhibitoren
als jüngste innovative Entwicklung zu den am besten klinisch untersuchten Medikamenten. Sie stellen eine sinnvolle Weiterentwicklung der NSAR dar, lösen aber nach der klinischen Anwendung unerwartete zusätzliche kardiovaskuläre Nebenwirkungen aus. Doch der Erfolg eines innovativen Medikaments wird nicht an seiner viel versprechenden Ankündigung gemessen, sondern an seinen Ergebnissen. So lassen jüngste wissenschaftliche Studien vermuten, dass die gesamte pharmakologische NSAR-Gruppe viel komplexer und profunder in das systemisch wirkende, äußerst sensible Zyklooxygenasesystem einzugreifen scheint, als wir bisher angenommen haben. Die aktuelle Debatte wird zunehmend auf die Frage fokussiert: Handelt es sich bei den fest-Medical Products (EMEA) gegenwärtig noch keine Änderungen der existierenden Ratschläge hinsichtlich der klassischen NSAR empfehlen.
Die Begründung des Leiters des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, Prof. Dr. Reinhardt Kurth dafür lautet:
„Während zu den kardiovaskulären Risiken der selektiven Cox-2-Hemmer aussagekräftige Daten vorliegen, die eine klare Stellung erlauben, ist dies für herkömmliche NSAR aufgrund unzureichender Daten und der mangelhaften Qualität der verfügbaren Studien nicht in gleicher Weise der Fall.“ Dieser konsolativen Konzession kann nur bedingt zugestimmt werden, da sie den seit Jahren latenten Todesfällen ausweicht, die der Verordnung der gesamten NSAR-Gruppe angelastet
gestellten kardiovaskulären Risiken der Coxibe um einen zusätzlichen substanz-, substanzgruppen- oder klassenspezifischen Nebeneffekt der gesamten NSAR-Gruppe?
Gegenwärtiger Stand dieser Debatte
Obwohl die amerikanische Zulassungsbehörde (FDA) für alle in den USA erhältlichen selektiven und unselektiven Entzündungshemmer einen schwarzen Warnaufdruck verfügt hat, der auf das kardiovaskuläre und potenziell tödliche gastrointestinale Risiko hinweist, wollen in Deutschland die Verantwortlichen der European Agency for the Evaluation of
Archiv
Abb. 1: Moderne Schmerztherapie erfordert Fingerspitzen-kungen existieren bis heute noch gefühl. keine brauchbaren Daten. Warum
fehlen eigentlich noch immer verlässliche wissenschaftlichen Studien und warum wurden sie bisher weder vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen noch von der Arzneimittelkommission gefor-dert?(DÄ 2003;23:1330). Entschlusslosigkeit, Leichtfertigkeit und mangelnde Kompetenz sind Vermutungen für dieses unverantwortbare Verhalten. Es könnte jedoch auch ein gemeinsames Festhalten verschiedener Interessengruppen an einer seit Jahrzehnten boomenden Medikamentengruppe sein, die sich als preisgünstige, wirtschaftlich hoch dotierte „Mehrzweckwaffe“ in der ärztlichen Verordnung und in der Selbstbehandlung bewährt hat.
Weitere Risiken
Unter dem Titel „NSAR zweischneidig?“ erschien in Nature Medicine (1999; 5: 698), folgender Hinweis: In einer experimentellen Studie (P. Colville-Nash) wurde nachgewiesen, dass Inhibitoren der Cox-2-Aktivität zwar die Entzündungsreaktion zwei Stunden nach der Verletzung reduzieren, aber die Entzündungsreaktion nach 48 Stunden sogar verschlimmern, da unter dieser Therapie die Ausschüttung von entzündungshemmenden Prostaglandinen verhindert wird. Lässt sich dies beim Menschen bestätigen, muss der großzügige Einsatz der NSAR bei entzündlichen Erkrankungen kritisch hinterfragt werden.
2002 zitierte das Deutsche Ärzteblatt aus dem amerikanischen Ärzteblatt JAMA 2001: „Kontroverse um Cox-2-Inhibitoren“: Steigern Celecoxib und Refecoxib das Risiko von Myokardinfarkt und anderen thrombotischen Ereignissen? Die VIGOR-Studie ergab mehr als doppelt so viele kardiovaskuläre Ereignisse wie in der Vergleichsgruppe, die mit Naproxen behandelt wurden, jedoch mit ASS als Prophylaxe. Die FDA fordert weitere Studien. Es folgt die Empfehlung, derzeit Cox-2-Inhibitoren vorsichtshalber bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen nicht zu verordnen.
Ein Jahr später erschien im Deutschen Ärzteblatt 10, 2002, eine Mitteilung der Arzneimittelkommission an die deutsche Ärzteschaft zur Sicherheit von Cox-2-Inhibitoren. Darin heißt es: Aufgrund von zehn Todesfällen allein durch Ulkuskomplikationen unter Einnahme von Cox-2-Inhibitoren wird vor einem unkritischen Einsatz dieses Medikaments gewarnt. Cox-2-Inhibitoren erfüllen keinesfalls die hohen Erwartungen, mit denen nach der Theorie der selektiven Cox-2-Hemmung anfänglich gerechnet wurde.“ Siehe auch Brit.Med. J. 2002; 324:1287–1288,
Archiv
VIGOR-Studie und Class-Studie. Schließlich hat die EMEA im Juni 2005 ihre Warnungen zu den Cox-2-Inhibitoren vom Februar 2005 wegen der kardiovaskulären Risiken noch einmal bekräftigt (MMW-Fortschr. Med. 2005; 3132). Mit dieser Mitteilung kündigte die Behörde die Überprüfung des Sicherheitsprofils aller NSAR an, da in einigen Fall-Kontroll-Studien
Abb. 2: Tödliche Komplikationen durch Ulkusblutungen drohen unter NSAR.
ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko ermittelt werden konnte. Dieses Problem wurde bisher einfach übersehen oder zumindest falsch eingeschätzt, schlussfolgert nun die Behörde.
Anlässlich des Europäischen Rheumatologenkongresses (EULAR) Wien 2005 wies
J. C. Frölich anhand neuer Studien darauf hin, dass die kardiovaskulären Warnhinweise für Cox-2-spezifische NSAR unbedingt auch auf die konventionellen NSAR übertragen werden müssen, da neue Studiendaten bestätigt haben, dass die häufig verordneten Klassiker wie Diclofenac, Ibuprofen und Naproxen auch ein kardiovaskuläres Risiko verursachen (BMJ, 2005; 330). In der CRESCENT-Studie konnten ähnliche Ergebnisse ermittelt werden. Zwischen Coxib plus ASS und klassischen NSAR plus ASS wurde in den bisherigen Studien kein statistisch signifikanter Unterschied hinsichtlich Ulkuskomplikationen festgestellt (DÄ 2005; 23:1331). Auch die Kombination eines NSAR mit einem Protonenpumpenhemmer anstelle eines Coxibes brachte keine Vorteile. Im tieferen Gastrointestinum haben Protonenpumpeninhibitoren generell keinen Einfluss mehr (MMW-Fortschr.Med. 2005; 31-32).
Fazit für die klinische Praxis
Ende des vergangenen Jahrhunderts gelang der wissenschaftliche Nachweis, dass die Hemmung der Prostaglandinsynthese über ein Cyclooxygenase-Enzym (Cox) sowohl für die therapeutischen als auch für die toxischen Organschäden der ASS und der NSAR verantwortlich sind. Die Gefahr, durch NSAR schwerwiegende, ja tödliche Nebenwirkungen zu erleiden, liegt offenbar in der Spezifik dieser Substanzgruppe. Die teils lebensbedrohlichen Nebenwirkungen werden jedoch in der Praxis großzügig toleriert. Doch die Vorzüge der NSAR/Coxibe liegen einzig in der Kombination eines nicht steroidalen antiphlogistischen Wirkungsmechanismus in der Kombination mit einer analgetischen Komponente. Deshalb liegen die geschätzten Vorzüge dieses bewährten Medikaments einzig und allein in der Behandlung entzündungsbedingter Schmerzen. Es ist kein universelles Schmerzmittel! Die bewährte analgetische Komponente in diesem entzündungshemmenden NSAR kann jedoch zu einer gefährlichen Falle für den Patienten werden, da sie bei über 81% der mit NSAR behandelten Patienten warnende Prodrome, z. B. den Schmerz vor der drohenden Perforation eines Ulkus im gastrointestinalen Bereich, unterdrücken können. Insbesondere bei älteren, multimorbiden Patienten, die meist obstipiert sind, kann dies zu einer erschwerten Diagnostik und gefährlichen Verzögerung der Therapie führen. Häufig wird die Diagnose erst am dritten oder vierten Tag nach der Perforation mit dem abgesetzten Teerstuhl gestellt.
Bisher wurden die NSAR-bedingten Todesfälle generell den gastrointestinalen Nebenwirkungen zugeordnet, obwohl diesbezüglich nur wenige aussagekräftige Studien existieren. Doch wie müssen die inzwischen festgestellten kardiovaskulären Todesfälle, z.
B. nach einem Herz- oder Hirninfarkt während einer NSAR-Therapie eingeordnet werden? Einzelne mögliche Ursachen sind bekannt. So hemmen die NSAR in niedrigen Dosierungen zuerst die Cox-1 (kardiovaskuläre Protektion), während in analgetischer Dosierung auch die Cox-2 blockiert wird (kardiovaskuläre Schädigung). Doch warum bleibt diese Schädigung symptomlos? Könnte auch hier das Leitsymptom Schmerz als bekannter warnender Vorbote bei diesen lebensgefährlichen Erkrankungen durch die analgetische Komponente des NSAR gleichfalls stumm für den Betroffenen bleiben und somit ohne jegliche Warnsignale einen tödlichen Ausgang verursachen? Müssten wir z. B. die bekannten stumm verlaufenden Herzinfarkte vielleicht damit in Zusammenhang bringen, die möglicherweise während einer laufenden NSAR-Therapie „stumm gemacht“ worden sind und als schicksalhafter Verlauf in die Mortalitätsstatistik der NSAR gleichfalls „stumm“ eingehen? Diese gedankliche Konstruktion könnte vielleicht in weiteren wissenschaftlichen Studien berücksichtigt werden. Denn für das Neue, das uns die Wissenschaft oft aufdrängt, müssen alte, noch ungelöste Probleme von bewährten medizinischen Methoden wieder auf den Prüfstand gebracht werden. Das sind wir unseren Patienten schuldig.
Schlussfolgerungen
2 oder 3 des WHO-Stufenschemas treten. Eine bestmögliche Schmerzlinderung hat immer das Primat für den Patienten. Diese sollte bei chronischen schmerzbetonten Erkrankungen als Langzeittherapie stets die Basis bilden.Tritt intervallmäßig erneut ein akuter Entzündungsschub auf, wird das NSAR oder ein anderes entzündungshemmendes Medikament kurzfristig zusätzlich verordnet, ohne die Opioidbasistherapie zu verändern.
3. Nach den Empfehlungen der EMEA vom Februar 2005 sind die Coxibe bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen kontraindiziert. Wir sollten die klassischen NSAR in die Empfehlung mit einbeziehen. Ab dem 65. Lebensjahr haben die meisten Älteren zunehmend therapiepflichtige kardiovaskuläre Erkrankungen. Deshalb ist eine Therapie mit der NSAR-Gruppe wegen der bekannten lebensbedrohlichen, vielseitigen Nebenwirkungen generell nicht empfehlenswert, eigentlich kontraindiziert.
Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die oft gewählte hohe Dosierung und/ oder eine nicht dem Indikationsspektrum der NSAR verordnete Langzeittherapie, eine falsche Indikation (Universalschmerzmittel!) sowie eine unkontrollierte Selbstmedikation mit rezeptfreien NSAR den guten Ruf dieser bewährten Medikamentengruppe zunehmend belasten könnte. Wer NSAR zur preisgünstigen „Mehrzweckwaffe“ degradiert, befindet sich in einem gefährlichen Konflikt. Er negiert die hervorragenden Möglichkeiten des vielseitigen Angebots bewährter und neuer Analgetika, deren adäquate Verordnung stets mit den bestehenden Fähigkeiten des verordnenden Arztes korrespondiert. Oft dienen die NSAR noch immer bei einigen Ärzten als „kostengünstiges Alibi“, um die eigentliche Scheu vor einer längst notwendigen, da indizierten Verordnung eines retardierten Opioids so lange wie nur möglich bewahren zu können. Es gibt somit noch genügend Ansatzpunkte für die wissenschaftliche und klinische Forschung, aber auch für die Weiterbildung, mit denen wir gezielt die Innovation eines bewährten Medikaments zum Wohle unserer Patienten unterstützen können.
Günter Baust, Petersberg
ielen Dank für diesen interessanten Aufsatz, zum ersten Mal habe
ich nun eine logische Erklärung für chronischen Muskelschmerz. Nun möchte ich
Sie sehr freundlich um eine praktische Hilfe bitten: Wegen einer Fußdeformität
rechts mit Abkürzung laufe ich auf Fußballen, in leichter Supinationsstellung,
mit orthopädischem Schuh ist alles korrigiert. Bislang konnte ich beschwerdefrei
laufen. An der Außenseite des Fußballens ist seit Jahren eine Hornhautverdickung
entstanden, ca. 3 x 3 cm groß, ohne Probleme. Seit einigen Wochen aber spüre ich
beim Laufen und sogar bei bloßem Stehen (Druckerhöhung) enorme Schmerzen. Laufen
ist eine Qual. Ein Kollege riet mir, eine Ampulle Cortison-Triam 40 mg
darunterzuspritzen. Die Injektion war dermaßen schmerzhaft, dass ich zusätzlich
Lidocain injizieren musste. Direkt nach der Injektion machte Laufen wieder Spaß.
Als die Lidocainwirkung zu Ende war, kamen die Schmerzen wieder. Morgens beim
Aufstehen tut die Stelle gar nicht weh, aber nach einigen Schritten höllische
Schmerzen. Nach Ihren Ausführungen handelt es sich um einen latenten
Triggerpunkt, verursacht durch einen vorgeschädigten Muskel durch falsche
Druckbelastung.
Meine Frage an Sie ist nun: Wie kann ich diese Hyperalgesie neutralisieren? Gibt es lang wirkende Lokalanalgetika dafür? Könnte man hier nicht durch Injektion eines Anti-NGF den Nervenwachstumsfaktor für immer beseitigen, durch Nozizeptorengifte oder Ähnliches?
Prof. Dr. med. Siegfried Mense, Heidelberg:
Zunächst muss ich vorausschicken, dass ich keine Patienten behandle, sondern mich als Basiswissenschaftler mit Schmerzmechanismen in der Muskulatur beschäftige.
Bei dem geschilderten Fall könnte es sich um eine schmerzhafte Überlastung des muskuloskelettalen Systems handeln, wie sie bei Skelettdeformitäten oft vorkommt. Durch die Fehlstellung des Fußskeletts werden die Muskeln des Unterschenkels und die kleinen Fußmuskeln chronisch überlastet, da sie versuchen, durch tonische Kontraktionen die Fehlstellung zu kompensieren. Dies ist eine der Bedingungen für das Auftreten von myofas- zialen Triggerpunkten (MTrPs), allerdings müsste in diesem Fall durch entsprechend ausgebildete Kollegen das Vorliegen oder Fehlen eines MTrP festgestellt werden. Ein aktiver
MTrP verursacht neben dem Beweg u n g s s c h m e r z ü b e r t
r a g e n e Schmerzen, die oft distal vom Ort des MTrP empfunden werden. Ein
latenter MTrP verursacht
Siegfried Mense, dagegen spontan Heidelberg und bei Bewegungen keine Beschwerden, ist bei Palpation aber lokal schmerzhaft. Denkbar ist es durchaus, dass sich z.B. in den ständig überdehnten Peroneusmuskeln ein MTrP formiert hat. Die lokalen Schmerzen am lateralen Fußrand könnte man dann als Insertionstendopathie deuten, die durch den Zug des kontrakten Muskelfaserbündels („taut band“) verursacht wird, in deren Zentrum sich der MTrP befindet. Ein MTrP ist aber sicher nicht die einzig mögliche Erklärung für die Schmerzen. Eine gegen NGF gerichtete Therapie ist bisher in Form von NGF-Antikörpern im Tiermodell eingesetzt worden; meines Wissens liegen noch keine Berichte über Erfolge und Nebenwirkungen beim Menschen vor.
Prof. Dr. med. Siegfried Mense, Heidelberg
Kommunikationsebene und einer aktiveren Einbeziehung der Schmerzpatienten. Für die algesiologischen Fachassistenten ist es eine weitere gute Möglichkeit, ihre schmerztherapeutische Kompetenz anzuwenden.
Stellungnahme aus Sicht der algesiologischen Fachassistenten (Eddy Nicolas)
Das Ziel, eine Atmosphäre zu schaffen, die den vielfältigen Ängsten des Patienten/Kli-enten in seiner besonderen Lage durch Freundlichkeit und Zuwendung entgegenwirkt, ist nicht immer einfach zu erreichen.
Parallel zur medizinischen Versorgung muss der Patient/Kunde spüren, dass er verstanden wird. Empathie ist die wichtigste Basis für eine gelingende und zum Erfolg führende Kommunikation. Fehlt echte Empathie, sind therapeutische Fehlschläge oder sogar der Abbruch der Therapie durch den Patienten unvermeidlich.
Am Sankt-Josef-Zentrum für Orthopädie und Rheumatologie schaffen wir ein solches Forum, wo der Patient/Kunde dieses Gefühl vermittelt bekommt und sich verstanden fühlt und wird. Das Schmerzforum führt Fortbildungen zu schmerztherapeutischen Themen durch, wobei der Dialog untereinander und miteinander im Vordergrund steht.
Stellungnahme aus Sicht der Schmerzpatienten
„Ihr Schmerzforum gefällt uns sehr gut.“ Dieses positive Urteil fällt die Leiterin der „Selbsthilfegruppe Schmerz“, Wuppertal, Rosemarie Faber: „Wir Patienten erhoffen uns von dem Schmerzforum besser verstanden zu werden, aber auch Ärzte und Pflegekräfte besser zu verstehen. Wenn man Dauerschmerzen oder häufig starke Schmerzattacken hat, verdrängt man die zwangsläufig entstehenden Gefühle. Bei einem Arzttermin sollen wir einen Zustand beschreiben, mit dem wir uns im Moment vielleicht nicht befassen und auseinander setzen wollen. Dazu kommt noch, dass viele Patienten Hemmungen haben,
n den Kursen zur algesiologischen Fachassistenz wurde mit den
Teilnehmern die Planung von Schulungsmaßnahmen geübt. Resultat ist eine
Checkliste, die sich für die Weiterbil-
dung von Schmerz-Eddy Nicolas,
patienten eignet. Wuppertal
mit einem Arzt zu sprechen.
Aber Ärzte haben Gott se
Dank auch eine Seele und
ind nicht grenzenlos be-
s
lastbar.“
EddyNicol
as,
OliverSeibert,
Dabei steht heute bundesweit eine große Zahl von Absolventen der Weiterbildung „Algesiologische Fachassistenz“ als kompetente Referenten zur Verfügung. Am Sankt-Josef-Zen-trum für Orthopädie und Rheumatologie wurde vom dortigen Institut für Anästhesiologie und Schmerztherapie und dem angegliederten DGS-Schmerzzentrum Sankt Josef Wuppertal in Zusammenarbeit mit der regionalen Selbsthilfegruppe der Deutschen Schmerzliga unter Leitung von Frau Rosemarie Faber ein Pilotprojekt gestartet.
Fürdiese erste Schulungsmaßnahme standen mit vier ausgebildeten Fachassistent(en)/ innen kompetente Referent(en)/-innen zur Verfügung. Dabei sind die ersten Themen „Entstehung chronischer Schmerzen“, „Wirkung und Nebenwirkung von Schmerzmittel“ zum richtigen Verstehen, „Tipps und Tricks für den Alltag“, „Schmerzlindernde Maßnahmen“, „Alternative Methoden der Schmerzmedizin“.
Die ersten Schulu n g s m a ß n a h m e n haben stattgefunden und sind auf großes
Interesse der Schmerz
pat
ienten gestoßen.
Hierbei wurde nicht nur
informiert, sondern di
e
Patienten gestal
teten
BildarchivSchmerzforumWuppertal
die Veranstaltung aktiv mit. Es besteht die
Absicht, die aktuell
e
Bedürfnisse der Schmerzpatienten anzupassen und durch Zusatzveranstaltungen wie z.B. „TENS für Anwender“, „Alternative Methoden“, „Ernährung“ etc. zu ergänzen. Die Wichtigkeit von Patienteninformation wird allseits anerkannt, der mündige und aufgeklärte Patient ist dabei in aller Munde. Besonders chronisch kranke Schmerzpatienten haben einen hohen Informationsbedarf und Information ist hier auch therapeutisch wichtig. Wer seine eigene Erkrankung versteht, kann sie besser akzeptieren, wird aktiver in die Therapie eingebunden und gewinnt neues Selbstbewusstsein.
Stellungnahme aus ärztlicher Sicht: Dr. Thomas Cegla, Wuppertal:
Gerade eine nicht ärztliche Schulungsmaßnahme bietet die Möglichkeit einer anderen
Vor dem Hintergrund der Änderungen der Musterberufsordnung durch den 107. Deutschen Ärztetag 2004 in Bremen (Schmerztherapie Heft 1/ 2006, S. 20) und der hierdurch bedingten Öffnung des Berufsrechts für neue Kooperationsformen ist eine Änderung des SGB V und der ÄrzteZulassungsverordnung unabdingbar. Diesbezüglich liegt derzeit ein Entwurf eines Gesetzes zur Weiterentwicklung des Vertragsarztrechts (VÄG) vom 24.05.2006 vor, dessen wichtigste Änderungen Rechtsanwältin Hei
Niederlassung und Praxissitz
Entsprechend den Regelungen der Musterberufsordnung ist nun auch in § 98 Abs. 13 SGB V die Öffnung für eine vertragsärztliche Tätigkeit an einem anderen Ort als dem Praxissitz angelegt. Details regelt § 24 Ärzte-ZV dahingehend, dass die vertragsärztliche Tätigkeit außerhalb des Vertragsarztsitzes an weiteren Orten zulässig ist, wenn und soweit dies die Versorgung der Versicherten an den weiteren Orten verbessert und die ordnungsgemäße Versorgung der Versicherten am Ort des Vertragsarztsitzes nicht beeinträchtigt wird. Hierbei handelt es sich um eine in Zukunft vermutlich äußerst streitige Voraussetzung. Eine Verbesserung der Versorgung dürfte jedoch bereits dann gegeben sein, wenn z. B. Fahrtzeiten der Patienten verkürzt werden können. Eine Höchstzahl der weiteren Tätigkeitsorte ist entgegen der Musterberufsordnung (zwei weitere Orte) nicht vorgegeben. Die überörtliche vertragsärztliche Tätigkeit bedarf der Genehmigung durch die zuständige Kassenärztliche Vereinigung. Eine vertragsarztsitzübergreifende Tätigkeit des Arztes ist auch über die Gebietsgrenzen der für den Sitz zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung zulässig, bedarf dann jedoch einer Ermächtigung. Die Versorgung der Patienten an den weiteren Orten der vertragsärztlichen Ausübung kann unter Berücksichtigung der Bedarfsplanung auch durch angestellte Ärzte erfolgen.
Zulassung und Anstellungsverhältnis
§ 20 Abs. 2 Ärzte-ZV stellt nun klar, dass auch die Tätigkeit eines zugelassenen Arztes in oder die Zusammenarbeit mit einem zugelassenen Krankenhaus oder einer Vorsorge-oder Rehabilitationseinrichtung zulässig ist. Damit ist es z. B. Krankenhäusern, die Träger eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) sind, möglich, Ärzte sowohl in der Abteilung als auch im MVZ einzusetzen.
Die „halbe“ Zulassung
Während die Tätigkeit eines zugelassenen Vertragsarztes aufgrund der Regelung in § 20 Abs. 1 Ärzte-ZV bislang lediglich in Vollzeit möglich war und anderweitige Beschäftigungsverhältnisse im Umfang von mehr als einem Drittel der üblichen Wochenarbeitszeit vertragsarztrechtlich unzulässig waren, findet sich im vorliegenden Entwurf des VÄG eine bedeutende Flexibilisierung der beruflichen Betätigungsmöglichkeit für Ärzte. § 95 Abs. 3 SGB V bestimmt, dass die Zulassung entweder im Umfang eines vollen oder eines hälftigen Versorgungsauftrages möglich ist. Die detaillierte Regelung findet sich in dem neu in die ÄrzteZV eingefügten §19a Ärzte-ZV. Hierbei gibt es
grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder beantragt der angehende Vertragsarzt eine Zulassung lediglich im Umfang eines hälftigen Versorgungsauftrags oder er beschränkt seinen vollen Versorgungsauftrag durch Erklärung gegenüber dem Zulassungsausschuss auf die Hälfte. Der hälftige Versorgungsauftrag wird in der Bedarfsplanung mit dem Faktor 0,5 berücksichtigt. Interessant ist diese Konstellation Heike Müller,
z. B. dann, wenn ein Sindelfingen Vertragsarzt zusätzlich in einem Krankenhaus als angestellter Arzt tätig sein oder zusätzlich eine anderweitige Beschäftigungsmöglichkeit ausüben will. Auch könnte eine solche Konstellation Frauen nach einer „Babypause“ den Wiedereinstieg in die vertragsärztliche Tätigkeit erleichtern. Auf Antrag des Vertragsarztes ist eine Erweiterung des halben Versorgungsauftrages durch Beschluss des Zulassungsausschusses möglich. Die 55-Jahres-Grenze gilt hier nicht. Eine Erweiterung ist allerdings nur unter Berücksichtigung der Bedarfsplanung möglich.
Lockerung der Altersgrenze
Um der sich bereits jetzt drohenden Unterversorgung insbesondere im Bereich der hausärztlichen Versorgung entgegenzuwirken, besteht nun die Möglichkeit, gem. § 95 Abs. 7 Satz 8 SGB V auch nach Vollendung des 68. Lebensjahres vertragsärztlich tätig zu sein, wenn der für die Bedarfsplanung zuständige Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen feststellt, dass in einem bestimmten Gebiet eines Zulassungsbezirks eine ärztliche Unterversorgung eingetreten ist oder unmittelbar droht. Die Zulassung des
Arztes endet in diesem Fall spätestens ein Jahr nach Aufhebung dieser Feststellung.
Anstellung von Ärzten
Die Begrenzung, dass ein Vertragsarzt lediglich einen ganztags oder zwei halbtags beschäftigte Ärzte ein
stellen kann, entfällt, § 95 Abs. 9 SGB V. Sind in einem Planbereich für die Arztgruppe, der der anzustellende Arzt angehört, keine Zulassungsbeschränkungen angeordnet, ist eine zahlenmäßig unbegrenzte Anstellung von Ärzten möglich. Fachgebietsidentität ist nicht mehr erforderlich. Diese Anstellungen bedürfen nach wie vor der Genehmigung durch den Zulassungsausschuss. Sind Zulassungsbeschränkungen angeordnet, verbleibt es jedoch beim Erfordernis der Fachgebietsidentität und der bisherigen Leistungsbegrenzung (Durchschnitt der letzten vier Quartale zzgl. 3% des Fachgruppendurchschnitts). Aus § 103 Abs. 4b SGB V folgt nun auch die Möglichkeit eines zugelassenen Vertragsarztes, bei Vorhandensein von Zulassungsbeschränkungen auf seine Zulassung zu verzichten, um bei einem Vertragsarzt als angestellter Arzt tätig zu werden.
Überörtliche Berufsausübungs- gemeinschaft
Wie in der Musterberufsordnung ist es nach dem aktuellen Entwurf des VÄG auch vertragsarztrechtlich möglich, überörtliche Berufsausübungsgemeinschaften mit mehreren Vertragsarztsitzen zu bilden, § 33 Abs. 2 Satz 2 Ärzte-ZV. Dies gilt unter der Bedingung, dass die Erfüllung der Versorgungspflicht des jeweiligen Mitglieds an seinem Vertragsarztsitz unter Berücksichtigung der Mitwirkung angestellter Ärzte in dem erforderlichen Umfang gewährleistet ist. Auch darf das jeweilige Mitglied und die bei ihm angestellten Ärzte an den Vertragsarztsitzen der anderen Mitglieder nur in zeitlich begrenztem Umfang tätig werden. Dieser zeitlich begrenzte Umfang wird sich vermutlich alsbald als Streitfrage herausstellen. Insbesondere wird fraglich sein, ob und inwieweit der zugelassene Arzt seiner Präsenzpflicht auch dadurch genügt, dass er an seinem Vertragsarztsitz einen angestellten Arzt beschäftigt. Eine überörtliche Berufsausübungsgemeinschaft ist dem Gesetzesentwurf zufolge nun auch KV-überschreitend möglich. Die Mitglieder der überörtlichen Berufsausübungsgemeinschaft können die für die Praxis zuständige Kassenärztliche Vereinigung durch Bestimmung des maßgeblichen Vertragsarztsitzes für die Dauer von zwei Jahren unwiderruflich wählen.
Teilgemeinschaftspraxis
§ 33 Abs. 2 Satz 3 Ärzte-ZV sieht nun ebenfalls wie die Musterberufsordnung eine lediglich auf einzelne spezifische Leistungen beschränkte gemeinsame Berufsausübung unter Beibehaltung der Einzelpraxis vor. Diese ist jedoch dann nicht möglich, wenn die Berufsausübungsgemeinschaft zur Erbringung überweisungsgebundener medizinisch-technischer Leistungen mit überweisungsberechtigten Leistungserbringern gebildet werden soll (sog. Kickback-Konstellationen).
MVZ als fachübergreifende Einrichtung
Seit Inkrafttreten des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes zum 01.01.2004 war immer wieder streitig, wann eine fachübergreifende Einrichtung als Voraussetzung der Zulassung eines MVZ gegeben war. Der vorliegende Entwurf des VÄG stellt nun klar, dass diesbezüglich auf die Regelungen der Musterweiterbildungsordnung für Ärzte abgestellt werden muss. So ist eine Einrichtung danach gem. § 95 Abs. 1 Satz 3 SGB V dann fachübergreifend, wenn in ihr Ärzte mit verschiedenen Facharzt-oder Schwerpunktbezeichnungen tätig sind. Dies bedeutet, dass ein MVZ nun z. B. auch durch einen fachärztlichen Internisten ohne Schwerpunktbezeichnung und einen fachärztlichen Internisten mit der Schwerpunktbezeichnung „Onkologie“ gebildet werden kann. Nicht möglich ist ein MVZ demgegenüber zwischen zwei Ärzten, die an der hausärztlichen Versorgung nach § 101 Abs. 5 SGB V teilnehmen oder wenn die Ärzte der psychotherapeutischen Arztgruppe gem. § 101 Abs. 4 SGB V angehören. Möglich ist demgegenüber jedoch ein MVZ zwischen einem hausärztlich tätigen Internisten und einem fachärztlich tätigen Internisten ohne Schwerpunktbezeichnung. Ob ein MVZ zwischen Ärzten und Zahnärzten zulässig ist, bleibt weiterhin streitig. Aus der Gesetzesbegründung lässt sich jedoch eine Tendenz zur Zulässigkeit eines solchen MVZ entnehmen.
Ausblick
Auch wenn der derzeit vorliegende Entwurf des VÄG noch in vielen Punkten umstritten ist, wird bereits jetzt deutlich, dass es das geltende Vertragsarztrecht grundlegend reformieren wird. Begrüßenswert ist vor allem die Öffnung für mehr Wettbewerb durch die Zulassung von Filialbildungen und überörtlichen Gemeinschaftspraxen sowie die weit gehende Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen von Vertragsärzten. Leider ist der Zeitpunkt des Inkrafttretens des Gesetzes noch immer ungewiss.
Rechtsanwältin Heike Müller, Sindelfingen
eutscher Förderpreis für Schmerzforschung und Schmerztherapie
2007:
Die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e. V., Trägerin
des Deutschen Schmerzpreises, verleiht seit 1986 in regelmäßiger Folge zusammen
mit der Deutschen Schmerzliga e.V.jährlich den DEUTSCHEN SCHMERZPREIS –
Deutscher Förderpreis für Schmerzforschung und Schmerztherapie. Mit ihm werden
Persönlichkeiten ausgezeichnet, die sich durch wissenschaftliche Arbeiten über
die Diagnostik und Therapie akuter und chronischer Schmerzzustände verdient
gemacht oder die durch ihre Arbeit oder ihr öffentliches Wirken entscheidend zum
Verständnis des Problemkreises Schmerz und der davon betroffenen Patienten
beigetragen haben.
Verliehen wird der Deutsche Schmerzpreis im Rahmen des Deutschen Schmerztages 2007 in Frankfurt/Main. Er wird von der Firma Mundipharma Vertriebsgesellschaft mbH u. Co. KG, Limburg, gestiftet und ist mit 10 000 Euro dotiert.
Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e. V. Adenauerallee 18 61440 Oberursel
Die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e. V. ist die größte europäische Schmerzfachgesellschaft. Ihr Ziel ist die Förderung der Algesiologie als der Wissenschaft vom Schmerz, die Verbesserung der schmerztherapeutischen Versorgung, die Fort-und Weiterbildung sowie die Gründung interdisziplinärer schmerztherapeutischer Kolloquien. Die Deutsche Schmerzliga e. V. ist die Interessenvertretung der Schmerzpatienten. Ihr Ziel ist eine bessere Lebensqualität für Menschen chronischem Schmerz durch eine qualifizierte s c h m e r z t h e r a p e utische Versorgung. DDeutsche Schmerzliga vermittelt Informationen über den chronischen Schmerz sowie über dessen Dgnostik und Therapie und unterstützt die Bildung von Selbsthilfegruppen. In der Öffentlichkeit setzt sich die Deutsche Schmerzliga für die Anliegen der Schmerzpatienten ein.
aupt-und Leitsymptome für das Fibromyalgiesyndrom sind der
ausgeprägte Schmerz, der vor allem durch körperliche Belastung zunimmt, die
körperliche und geistige Erschöpfung und weitere überwiegend vegetative
Symptome. Gerade diese Vielzahl der Symptome, die sich im Verlauf der Erkrankung
noch häufig mehren, ist kennzeichnend für das Krankheitsbild. Führende Symptome
stellen Schlaf- und Durchschlafstörungen, Leistungsabfall,
Konzentrationseinbußen, ausgeprägte Erschöpflichkeit, Kopfschmerzen und die
Symptome des Reizdarmes dar. Zusätzlich bestehen häufig Schmerzen in der unteren
LWS oder oberen HWS, auch wird ein Trauma oder eine Operation als Auslöser
angegeben, bevor der Schmerz dann generalisiert. Für die Diagnose der
Fibromyalgie kommt dabei neben den „Tender Points“ der Vielzahl an Symptomen im
Verbund mit der klinischen Untersuchung eine gewichtige Rolle zu.
Prävalenz und Pathogenese
Die Häufigkeit des Krankheitsbildes, das sicherlich bei einer Prävalenz bei 2–4(8)% der weiblichen Bevölkerung liegt, nimmt wahrscheinlich nicht jenseits des 60. Lebensjahres ab, sondern steigt eher weiter in seiner Prävalenz an bis zu etwa 8% der Frauen. Damit besitzt es eine wesentliche gesundheitspolitische Dimension, die nicht nur die medizinische Versorgung im Alltag, sondern auch alle Ebenen der Begutachtung, Rentenverfahren und sozialen Versorgung betrifft. Dabei kommt der medizinischen Integration dieser Patientengruppe als Schmerzpatienten eine wesentliche
Abb.1: Funktionelle Beschwerden und vegetative Symptomatik [8].
Axel Hoffmann, Christof Keller, Köln Alzey
Rolle zu. Denn leider erfahren diese Patienten immer wieder Ablehnung oder werden sogar mit der Simulation körperlicher Beschwerden konfrontiert. Die Erkenntnis über den Schmerz beim Fibromyalgiesyndrom und auch aktuelle eigene Untersuchungen unterstreichen, dass der Schmerz nicht in erster Linie durch periphere Prozesse, sondern vielmehr durch zentrale Regulationsänderungen bestimmt wird. Dabei kommen den häufig erlebten traumatischen Erlebnissen im Hinblick auf Veränderungen neuroregulativer Prozesse durch Stress eine neue Dimension zu.
Die Fibromyalgie kommt sowohlals Einzelerkrankung (primär) als auch als Folgeerkrankung (sekundär) bei anderen rheumatischen wie Spondyloarthritiden, dem systemischen Lupus erythematodes und der rheumatoiden Arthritis vor. Die Angabe, ob primär oder sekundär, wird heute nicht mehr empfohlen und es wird generell nur noch vom Fibromyalgiesyndrom gesprochen.
In der Ätiopathogenese werden immer wieder infektiöse Pathogene diskutiert. Neuroendokrine und biochemische zentrale regulative Prozessänderungen sind derzeitig vorrangig. Es gibt bis heute kein klares und stichhaltiges Argument für eine Ursache, sondern eine Vielzahl von Einzelmechanismen, die noch nicht zu einer stichhaltigen Hypothese zusammengefügt werden konnten. Beispielhaft seien die Veränderungen zu den neurohumeralen und hypothalamisch-hypo-physären endokrinen Achsen erwähnt. Es zeigen sich zwar klare Veränderungen in den Achsen, Erniedrigungen z. B. in der Wachstumshormonsekretion, jedoch die Erklärung der Veränderungen ist kaum möglich bzw. nur hypothetisch. So kann sicherlich der gestörte REM-Schlaf zu Veränderung der somatotropen Achse führen, weil die pulsatile Sekretion von Wachstumshormon nicht mehr stattfinden kann [1]. Als weiteres Beispiel seien die Veränderungen in den zentralen Regelkreisen der Schmerzempfindung aufgeführt mit Erhöhung der Substanz P im Liquor und Erniedrigung der Transmitter Serotonin und der Vorstufe Tryptophan. Unklar bleibt in der Diskussion der erhobenen Befunde, ob diese nun primärer oder sekundärer Art oder ob sie Folge psychosomatischer Einflüsse sind.
Drei Schritte
Der Weg zur Diagnose und Therapie kann in folgende drei Schritte gegliedert werden:
Erster Schritt: Die Anamnese mit Schilderung einer Vielzahl körperlicher Beschwerden und die körperliche Untersuchung mit Druckschmerz der Tender points (> 4 kp) ist in der Zusammenschau mit unauffälligen Laborparametern und Zusatzbefunden ein wesentlicher Schritt zur Diagnose (Abb. 1). In der Differenzialdiagnose sollte ein besonderes Augenmerk dem Rückenschmerz gelten. Denn häufig bestehen Symptome des entzündlichen Rückenschmerzes, dem Leitsymptom der Spondyloarthritiden. Deshalb sollte in der Anamnese und Befunderhebung speziell nach weiteren möglichen Manifestationen gefragt werden wie z. B. nach der Uveitis anterior, der Psoriasis vulgaris oder einer entzündlichen Darmerkrankung. Vorhandene radiologische Untersuchungen sollten auf eine Manifestation der Spondyloarthritis durchgesehen werden wie z.B. eine Sacroiliitis, Andersson-Läsionen oder entzündliche Veränderungen des vorderen Längsbandes (siehe Abb. 2a und 2b).
Mit der Untersuchung und dem Erstellen einer (Verdachts-)Diagnose wird ein wesentlicher Schritt gemacht. Es gilt das Vertrauen des Patienten zu bewahren und zu hinterfragen, welche therapeutischen Schritte er unternommen hat und welche in seiner Vorstellung bestehen.
Beim zweiten Schritt sollten pathophysiologische Aspekte des Schmerzbildes Fibromyalgie in Einklang mit Symptomen gebracht und erklärt werden. Dabei kann die Wichtigkeit des Tiefschlafes in Bezug auf körperliche und geistige Leistung und Konzentration diskutiert werden. Durch eine erklärende Darstellung von körperlichen Symptomen und Befunden zusammen mit pathophysiologischen Aspekten können dem Patienten Zugänge zu seinem chronischen Schmerz erarbeitet werden. Zusätzlich sollten Fragebögen, die Depression und Angstsymptome erfassen, durchgeführt werden (z.B. SCl-90R; Fibromyalgie Impact Questionnaire Fragebogen [FIQ]). Die Ergebnisse aus den Testverfahren können eine Hilfe zum Erklären und damit später zur Therapie sein.
Häufig werden Symptome wie Kribbel-, Par- und Dysästhesien mit Ameisenlaufen der Unterschenkel angegeben. Diese Beschwerden erinnern an die Small-Fiber-Neuropathie (SMN). Aktuelle Untersuchungen mit QST-Messungen ergaben keine unmittelbaren Veränderungen im Sinne der SMN, jedoch eine Störung der zentralen Schmerzverarbeitung im Sinne des Wind-up-Phänomens [2].
Therapie
Der dritte Schritt führt zur Therapie und baut auf den ersten beiden Schritten auf. Die meisten Patienten mit Fibromyalgie stehen einer Therapie zurückhaltend gegenüber. Dafür sind verschiedene Gründe anzuführen. Meist sind es aber Nebenwirkungen, die zum Abbruch der Medikation führen. Die gängigste Therapieoption mit Amitriptylin als Antidepressivum bei Fibromyalgie, durch kleine Therapiestudien belegt, führt häufig zu einer Overhang-Symp-tomatik mit vermehrter Müdigkeit und Erschöpfung, aber auch zur Mundtrockenheit und wird deshalb oft schon nach wenigen Tagen abgebrochen. Deshalb ist es wichtig, dem Fibromyalgiepatienten die therapeutischen Optionen darzulegen und diese auch durch allgemeine Maßnahmen in der Lebensführung zu ergänzen [3].
Bei den therapeutischen Optionen ist strikt eine Medikation mit entsprechender Studienlage (evidenzbasierte Medizin) und in solche Therapieoptionen, für die es wenig gesicherte Ergebnisse gibt, zu trennen (Tab. 1).
Zu den Therapieoptionen mit positiver Studiengrundlage gehört die Substanz Amitriptylin. Durch die Beeinflussung des Tiefschlafes (REM-Schlaf), die Wirkung auf die deszendierende Schmerzhemmung, aber auch auf die Stimmung (Depression) führt Amitriptylin zur Schmerzlinderung. Wichtig bei der Verordnung des trizyklischen Antidepressivums bei Fibromyalgie ist eine einschleichende Dosierung, gegebenenfalls in Tropfenform. Auf mögliche Kontraindikationen, z. B. Blasenentleerungsstörungen wie auch kardiale Nebenwirkungen, ist zu achten. Allgemein wird die Therapie gerade beim Fibromyalgiesyndrom
Bildarchiv Hoffmann
Bildarchiv Hoffmann
mit Amitriptylin limitiert durch Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit und Erschöpfung. Für die Gruppe der Serotonin-Reuptake-Hem-mer wie z. B. Fluoxetin, Paroxetin, Venflaxacin oder Citalopram bestehen keine eindeutigen Hinweise für eine Schmerzlinderung beim Fibromyalgiesyndrom, eine Einflussnahme auf Symptome wie Depression und Angst gelingt. Duloxetin hat sich als Noradrenalin-Serotonin-Reuptake-Hemmer in einer multizentrischen Studie durch seinen positiven Effekt auf Depressionen und durch die Einflussnahme auf den Aspekt Schmerz einen besonderen Stellenwert in der Behandlung erworben. Die entsprechende Studienlage basiert auf einem wesentlich größeren untersuchten Kollektiv als für die Therapie mit dem trizyklischen Antidepressivum Amitriptylin, dabei mit positivem Ergebnis. Innerhalb der Therapiestudien wurden sogar Dosierungen bis 120 mg Duloxetin täglich verordnet. Im Alltag zeigen allerdings die eigenen Erfahrungen, dass entsprechend hohe Medikationen mit Duloxetin kaum notwendig sind. Die Therapie mit Duloxetin ist zur Behandlung des Fibromyalgiesyndrom nicht zugelassen [4].
Die verschiedenen pathophysiologischen Aspekte deuten bei dem Fibromyalgiesyndrom auf zentrale Störungen der Schmerzregulation hin; hier soll das Schlagwort des Wind-up-Phä-nomens angesprochen werden. Eine wesentliche Substanzklasse, die in solche Prozesse der zentralen Regulation eingreifen kann, sind Antikonvulsiva. Innerhalb der Gruppe der Antikonvulsiva gibt es wesentliche Unterschiede. So ist nach Studienlage die Therapie mit Gabapentin ohne wesentliche Effekte auf eine Fibromyalgie. Dagegen ergab eine doppelblinde plazebokontrollierte multizentrische Studie mit fast 800 Patienten mit Pregabalin – dies ist die größte Therapiestudie zur Fibromyalgie überhaupt – eine wesentliche Schmerzlinderung. Eine Zulassung der Substanz Pregabalin für die Behandlung der Fibromyalgie besteht nicht. Studien zur Kombination beider Substanzen sind noch nicht durchgeführt worden (Abb. 3).
Nicht steroidale Antirheumatika, ob traditionelle nicht steroidale Antirheumatika oder Coxibe, sind nicht erfolgversprechend in der Behandlung des Fibromyalgiesyndroms. Diverse traditionelle nicht steroidale Antirheumatika wurden untersucht und ergaben keinen positiven Studienerfolg. Für Coxibe gibt es keine entsprechenden Therapiestudien. Glukokortikoide sind in der Therapie des Fibromyalgiesyndroms obsolet.
Die Therapie mit Tramadol wird immer wieder kontrovers diskutiert. Obsolet sollte die Therapie mit Tramadol Tropfen sein.
| Tabelle 1: Evaluierte Therapieverfahren bei Fibromyalgie, mod. nach [6]. | |
| Evidenzbasiert Widersprüchliche Evidenz Keine Evidenz | Nicht untersucht |
| NSAR + | |
| Coxibe | + |
| Steroide + | |
| Amitriptylin + | |
| Duloxetin + | |
| SSRI-Gruppe + | |
| Pregabalin + | |
| Tramadol + | |
| Tilidin/Naloxon | + |
| Ausdauertraining + | |
| Krankengymnastik + | |
| Massage + |
meter und Warmwassergymnastik deutliche Effekte auf. Ihr Einsatz darf als bedeutend in der Behandlung des Fibromyalgiesyndroms bezeichnet werden.
Ergänzend sollte im Sinne des multimodalen Konzeptes die psychotherapeutische Intervention aufgebaut werden. Dabei sollten Coaching, Verhaltenstherapie und Entspannungsübungen vor tiefenpsychologischen Verfahren stehen.
Verhaltenstherapeutische Maßnahmen, Kriseninterventionen, Stressabbau, sowie Problem- und Konfliktbewältigungen innerhalb der Familie und/oder am Arbeitsplatz sollten einen inhaltlichen Schwerpunkt bilden.
Axel Hoffmann, Köln Christof Keller, Alzey
Literatur bei den Autoren oder der Redaktion
[7].
Retardierte oder ultralang retardierte Darreichungen von Tramadol können hilfreich in der Schmerztherapie bei Fibromyalgie sein [5]. Nebenwirkungen wie Übelkeit, Brechreiz und Schwindel sind sehr häufig und damit ein wesentlicher limitierender Faktor. Zur Therapie mit Tilidin/Naloxon gibt es in der Indikation Fibromyalgiesyndrom keine Studien.
Äußerst selten und meist nur in sehr ausgewählten Fällen sollte auf eine Therapie mit Opiaten zurückgegriffen werden.
Multimodales Gesamtkonzept
Ergänzt werden sollte eine entsprechende medikamentöse Therapie im Sinne des multimodalen Schmerzkonzeptes durch physikalische Maßnahmen. Innerhalb der physikalischen Maßnahmen weisen ein leichtes Kreislauf-Zir-keltraining unter Kontrolle der Kreislaufpara-
Abb. 3: Therapiealgorithmus modifiziert nach
kann. Die geringste Inzidenz für eine opioidind uzie r t e At e m de p r e s sio n fanden Dertwinkel et al. (1998) in einer Ingrid Spohr, Metaanalyse bei Limburg/Lahn der oralen Gabe (0,1%), wobei die wenigen Fälle im Zusammenhang mit der oralen Gabe von Methadon standen. Etwas häufiger war die Atemdepression nach transdermaler (2,3%) bzw. intravenöser Gabe (4,5%) von Opioiden.
Schmerz verursacht offensichtlich eine Stimulation des Atemzentrums durch Erhöhung der Aktivität der Formatio reticularis. Schmerz wird als physiologischer Antagonist zu einer opioidbedingten Atemdepression angesehen. Orientiert man sich in der Schmerztherapie mit Opioiden an der von dem Patienten angegebenen Schmerzreduktion, ist eine Atemdepression nicht zu befürchten. Darüber hinaus entsteht eine Toleranzausbildung gegenüber der atemdepressiven Wirkung der Opioide bei wiederholter Einnahme(Klaschik, 2003). Andererseits lässt sich der dämpfende Einfluss der Opioide auf das Atemzentrum auch klinisch nutzen, so z.B. bei Patienten die unter Dyspnoe leiden. Dies ist in der Palliativmedizin bei Patienten, die sich in der Finalphase befinden, eine bewährte Therapieoption (LeGrand et al. 2003; Strohscheer und Samonigg, 2005).
Antagonisierung einer Atemdepression
Tritt trotz aller Vorsichtsmaßnahmen eine opioidbedingte Atemdepression auf, hängt es von der klinischen Situation ab, ob eine Antagonisierung mit Naloxon erfolgen sollte. In vielen Fällen reicht es aus, die Opioidgabe vorübergehend einzustellen. Eine Antagonisierung würde auch die analgetische Wirkung komplett aufheben. Hierbei sollte beachtet werden, dass die Halbwertszeit von Naloxon wesentlich kürzer ist als die der Opioide. Eine wiederholte Gabe des Antagonisten kann erforderlich sein. Dies gilt insbesondere, wenn Retard-Opioide eingesetzt wurden (cave: transdermale Systeme!). Der Patient sollte daher ständig überwacht werden, um das erneute Auftre
ten einer Atemdepression zu verhindern.
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Asthma achten, dass Opioide Histaminliberatoren sind. Das Vorliegen von leichtem bis mittelschwerem Eine Histaminfreisetzung kann zu einer Asthma stellt keinen Grund dar, einem Pati-Schwellung der Bronchialschleimhaut und daenten eine Schmerztherapie mit Opioiden vor-mit zu einer weiteren Verengung der Atemwezuenthalten. Die Dosistitration sollte hier aber ge führen. grundsätzlich immer unter sorgfältiger Thera-Bei schwerer COPD sind Opioide kontrapiekontrolle und in kleinen Schritten erfolgen. indiziert. Entscheidend für den Ausprägungs-Zu beachten ist auch, dass Opioide unspezi-grad einer COPD sind aber nicht allein der fische Histaminliberatoren sind und über diese FEV1-Wert, sondern auch das klinische Bild Eigenschaft in seltenen Fällen bei Asthmapa-bezüglich einer möglichen respiratorischen tienten sogar zum Anfallauslöser werden kön-Insuffizienz (Blutgase!) und die Genese der nen. Für Hydromorphon (Palladon®) wird eine COPD (allergische Komponente oder chroim Vergleich zu anderen Opioiden möglicher-nischer Nikotoinabusus). Von schwerer COPD weise geringere Histaminfreisetzung disku-spricht man etwa bei einem FEV1-Wert von < tiert, was für diesen Kreis von Patienten ein 50% und kritischen Blutgaswerten oder einem Vorteil wäre. Auch bei Patienten mit schwergra-FEV1-Wert von < 30% und unkritischen Blutdigem Lungenemphysem vom Pink-Puffer-Typ gaswerten. und bei schweren Asthmaanfällen bestehen positive Erfahrungen mit der Gabe von Opio-Atemdepression iden aus einer Pilotstudie von Schönhofer und Die klinischen Erfahrungen in der Therapie von Köhler (1998). Die Ergebnisse der Studie las-Tumorschmerzen mit retardierten Opioiden sen sich folgendermaßen erklären: Patienten haben gezeigt, dass bei einer Opioiddosiemit obstruktiven Atemwegserkrankungen kom-rung, die sich an der Schmerzstärke orientiert, pensieren ihre unzureichende Lungenfunktion eine klinisch relevante Atemdepression ein je nach Krankheitsstadium mehr oder weniger äußerst seltenes Ereignis ist. Dies gilt auch für stark durch eine Zunahme der Atemfrequenz. den Hochdosisbereich bei chronischer Anwen-Diese Hyperventilation bei gleichzeitig durch dung. die Obstruktion erschwerter Atmung trägt ei-Atemdepression ist ein Substanzklasseneffekt, nerseits zum Erschöpfungszustand der Pati-der bei allen Opioiden auftreten enten bei und bewirkt andererseits durch den CO2-Abfall ein subjektives Gefühl der Atemnot. Durch Gabe eines retardierten Opioids kann die Atemfrequenz auf ein verträglicheres Maß gesenkt und die Atemnot vermindert werden.
Das Vorliegen einer leichten bis mittelschweren COPD stellt ebenfalls keinen Grund dar, einem Patienten eine Schmerztherapie mit Opioiden vorzuenthalten. Die Dosistitration sollte aber auch hier unter ärztlicher Aufsicht vorsichtig und in kleinen Schritten erfolgen. Beruht die COPD auf allergischen Ursachen wie
z. B. Asthma, sollte man wiederum be-
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und Saarland, Alter und Schmerz Stomatognathes System inkl. Kopf- und Kieferge-22.09. bis 23.09.2006 in Ludwigshafen am Rhein; Gelenke als Ursache vieler chronischer Erkrankungen
schäftsstelle der DAfNA
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Regionales
Geruchs-, Geschmacks- und Schmerzbahnen beeinflussen sich
Archiv
Unangenehme Gerüche können bei Patienten mit neuropathischen Schmerzsyndromen die Schmerzen verstärken oder sogar akute Schmerzattacken auslösen. Dass diese klinischen Beschwerden nicht auf bloßer Einbildung beruhen, belegt die psychophysische Untersuchung, die mit einer funktionalen Magnetresonanzuntersuchung gekoppelt wurde, von C. Villemure et al. an einem 49-jährigen Patienten, der an dieser Beschwerdeaggravation durch Gerüche litt, eindrucksvoll. In der bildgebenden Magnetresonanzuntersuchung zeigte sich nach Exposition gegenüber unangenehmen Gerüchen eine erhöhte Aktivierung im Thalamus, Amygdala, Insularareal und im
Gerüche können Schmerzen provozieren ...
vorderen cingulären Kortexbereich. Klinisch führte dies bei diesem Patienten zu elektroschockartigen Schmerzen im Bereich seiner Neuropathie im rechten Ellbogen, in der Faust und in den Fingern. Derartige Phänomene lassen sich, so die Autoren, durch eine Synästhesie oder eine Verknüpfung der olfaktorischen Nervenwege mit den Schmerzbahnen erklären.
Auch bei chronischem Rückenschmerz werden die Patienten für Geschmackseindrücke sensibler, zeigte die Arbeitsgruppe von D. M.Small et al. Im Unterschied zu elf altersgematchten Kontrollen reagierten elf Patienten mit chronischen Rückenschmerzen auf die Geschmacksreize süß, sauer, salzig und bitter intensiver und bei einer geringeren Schwellendosis. Visuelle Graureize erkannten die Gesunden und Schmerzkranken dagegen gleich gut. Die Autoren folgern, dass zwischen den Geschmacksempfindungen und den Schmerzbahnen komplexe Verbindungen bestehen.
C. Villemure et al.: Unpleasant odors increase pain processing in a patient with neuropathic pain: Psychophysical and fMRI investigation. Pain, 2005, Epub ahead of print.
D. M. Small et al.: Increased taste intensity perception exhibited by patients with chronic back pain. Pain, 2005, Epub ahead of print.
Was steckt hinter dem CRPS-1-Syndrom?
Was verbirgt sich hinter dem regionalen chronischen Schmerzsyndrom vom Typ 1 (früher auch Sudeckdystrophie)? In einer aufwendigen histochemischen und neurologischen Untersuchung an 18 Patienten mit CRPS-1-Syndrom untersuchten A. L. Oaklander et al. von der Bostoner Universität, welche Veränderungen sich bei diesem rätselhaften Syndrom nachweisen lassen. Neben der quantitativen mechanischen und thermischen Testung (QST) wurden Hautbiopsien entnommen. Bei der QST zeigte sich eine mechanische Allodynie und eine Hitze-Hyperalgesie auf der betroffenen Seite. Die axonale Dichte war bei 17 der 18 Patienten auf der betroffenen Seite vermindert und auf der Seite kam es zum Untergang von Neuriten im Sinne einer minimalen distalen Nervenverletzung, die vor allem die nozizeptiven kleinfaserigen Neuriten betraf. Gerade diese Art der Nervenverletzung wird in der Regel bei der klinischen Untersuchung übersehen.
In einer weiteren immunfluoreszenmikroskopischen Untersuchung konnten P. J. Albrecht et al. zeigen, dass sich auf der betroffenen Seite abnorme dünne Axone fanden, die die Haarfollikel innervierten, während sich die Innervation der Schweißdrüsen und Blutgefäße reduzierte und die Produktion von CGRP an den vorhandenen Gefäß- und Schweißdrüsen nicht mehr stattfand. Damit ging die vaskuläre endotheliale Integrität verloren und es entwickelte sich eine vaskuläre Hypertrophie. Somit ließen sich beim CRPS-1 weit reichende neuropathologische Veränderungen an der Haut der betroffenen Seite nachweisen.
Was leistet die Epiduroskopie?
Günter Schütze: Epiduroskopie. Ein praxisorientierter Leitfaden zur epiduroskopischen Diagnostik und Therapie rückenmarksnaher Schmerzsyndrome. 152 S., 80 Farbabb., €35,00 l, Pabst Science Publishers, Lengerich, Berlin, 2006, ISBN 3899672526.
In dem Sinne von A.G. Bell „Geh nicht immer auf dem vorgezeichneten Weg, der nur dahin führt, wo bereits andere gegangen sind!“ bringt Günter Schütze mit unermüdlichem Forschungsdrang und Begeisterung für invasive rückenmarksnahe Diagnose- und Therapieverfahren Licht in die Black Box „Epiduralraum“. Für alle Schmerztherapeuten ist dieser Raum dunkel, wir haben ihn zwar therapeutisch im Visier, über Struktur und Pathomorphologie wissen wir aber nur wenig!
Es ist Schützes Verdienst, hier einen neuen Weg in der Betrachtung ungeklärter rückenmarksnaher Schmerzsyndrome zu bringen, die zwar immer schon Ausgangspunkt von therapeutischem Aktionismus gewesen sind, während über die Zusammenhänge und insbesondere über die Auswirkungen
Impressum
Organ der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie
Herausgeber
Gerhard MüllerSchwefe,
Schillerplatz 8/1, D-73033 Göppingen Tel. 07161/976476 · Fax 07161/976477 E-Mail: gp@dgschmerztherapie.de
Schriftleitung
Thomas Flöter, Frankfurt; Olaf Günther, Magdeburg; Winfried Hoerster, Gießen; Dietrich Jungck, Hamburg; Uwe Junker, Remscheid; Stephanie Kraus, (verantw.), Stephanskirchen, Tel.: 08036/1031; Thomas Nolte, Wiesbaden; Reinhard Thoma, Tutzing; Michael Überall, Nürnberg
Beirat
Joachim Barthels, Bad Salzungen; Wolfgang Bartel, Halber- stadt; HeinzDieter Basler, Marburg; Günter Baust, Halle/ Saale; Klaus Borchert, Greifswald; Burkhard Bromm, Hamburg; Kay Brune, Erlangen; Mathias Dunkel, Wiesbaden; Oliver Emrich, Ludwigshafen; Andreas Ernst, Berlin; Gerd Geisslinger, Frankfurt; Hartmut Göbel, Kiel; Henning
operativer Maßnahmen bisher jedoch wenig bekannt war. So sind gerade auch die Folgen von Bandscheibenoperationen mit ihren persistierenden Schmerzen eine der hauptsächlichen Indikationen für epiduroskopischen Interventionen, die eine gezielte Diagnostik und auch therapeutische Eingriffe unter Sichtkontrolle ermöglichen.
Insbesondere auch die selbstkritische Einschätzung der Methode mit ihren Chancen und Risiken erhöht den Informationswert enorm, da der Autor hiermit möglicherweise überzogene und unkritische Erwartungen an diese sinnvolle, aber gezielt einzusetzende Methode relativiert! Für alle im Bereich der Wirbelsäule agierenden Kolleg(en)/-innen ein unbedingt empfehlenswerter Leitfaden für mehr Überblick im Dreh- und Angelpunkt „Epiduralraum“!
Wer dann noch optische Unterstützung benötigt, kann sich alle Abläufe in einer aktuell erschienenen DVD mit dem Titel „Epiduroscopy“ von G. Schütze anschauen. Die interaktive DVD ist kostenlos zu beziehen über die Firma Storz, Mittelstr. 8, 78532 Tuttlingen, ISBN 3-89756-757-1.
Dr. Thomas Nolte, Wiesbaden
Harke, Krefeld; Ulrich Hankemeier, Bielefeld; Stein Huse bø, Bergen; Klaus Jork, Frankfurt; Edwin Klaus, Würzburg; Eberhard Klaschik, Bonn; Lothar Klimpel, Ludwigshafen; Bruno Kniesel, Hamburg; Marianne Koch, Tutzing; Bernd Koßmann, Wangen; Peter Lotz, Bad Lippspringe; Christoph MüllerBusch, Berlin; Robert Reining, Passau; Robert F. Schmidt, Würzburg; Günter Schütze, Iserlohn; Hanne Seemann, Heidelberg; Ralph Spintge, Lüdenscheid; Birgit Steinhauer, Limburg; Georgi Tontschev, Bernau; Roland Wörz, Bad Schönborn; Henning Zeidler, Hannover; Walter Zieglgänsberger, München; Manfred Zimmermann, Heidelberg
In Zusammenarbeit mit dem Fachverband Schmerz, Ver band Deutscher Ärzte für Algesiologie e.V., Deutsche Ge sellschaft für Algesiologie e.V., Deutsche Gesellschaft für Algesiologische Fachassistenz e. V., Deutsche Akademie für Algesiologie, GAF Gesellschaft für algesiologische Fortbildung mbH, Deutsche Schmerzliga e.V., Verband ambulant tätiger Anästhesisten e.V., Gesamtdeutsche Gesellschaft für Manuelle Medizin e.V., Deutsche Gesell schaft zum Studium des Schmerzes e.V. und Deutsche Gesellschaft für Mund, Kieferund Gesichtschirurgie Mit der Annahme eines Beitrags zur Veröffentlichung erwirbt der Verlag vom Autor alle Rechte, insbe
Kopfschmerz für die Praxis
Matthias Keidel: KopfschmerzManagement in der Praxis. 182 S. m. 12 Abb., kt., 2006, ISBN 3131342617, Thieme Verlag, Stuttgart.
In diesem gelungenen Mehrautorenwerk werden einleitend Kopfschmerzen (von der Abrechnung, über Diagnostik und Klassifikation bis hin zur apparativen Diagnostik) fachübergreifend dargestellt. Neben der aktuellen Klassifikation werden die aktuellen therapeutischen Konzepte gemäß der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft vorgestellt. Neben den primären Kopfschmerzen werden Gesichtsschmerzen, sekundäre Kopfschmerzen und die nicht medikamentöse Kopfschmerztherapie (Verhaltenstherapie, Naturheilkunde und Akupunktur) vorgestellt. Wertvolle Tipps und Tricks zur Betreuung von Patienten mit primären Kopfschmerzen gibt der Münchner Neurologe Volker Pfaffenrath. Dieses Buch ist in erster Linie eine Orientierungshilfe für Praktiker, die mit dem Problem Kopfschmerz tagtäglich konfrontiert werden.
StK
sondere das Recht der weiteren Vervielfältigung zu gewerblichen Zwecken mithilfe fotomechanischer oder anderer Verfahren. Die Zeitschrift sowie alle in ihr enthaltenen einzelnen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt.
Bezugspreis: Einzelheft 12,– Euro Abonnement für 4 Ausgaben pro Jahr 40,– Euro (zzgl. Versand, inkl. MwSt.). Der Mitgliedsbeitrag des DGS schließt den Bezugspreis der Zeitschrift mit ein. Die Zeitschrift erscheint im
22. Jahrgang.
Verlag
© URBAN & VOGEL GmbH, München, August 2006
Leitung Medical Communication:
Ulrich Huber (verantw.) Schlussredaktion: Dr. Brigitte Schalhorn Herstellung/Layout: Martin Lipah Druck: Vogel Druck und Medienservice GmbH & Co. KG, Höchberg
Titelbild: Bildarchiv Urban & Vogel
Juvenile idiopathische Arthritis
Opioidanalgetika spielen bei den primär kausal orientierten, die schmerzverursachende Entzündung hemmenden Therapiekonzepten der juvenilen idiopathischen Arthritis (JIA) eine Nebenrolle. Dennoch können retardierte Opioide wie Oxycodon bei komplizierteren Behandlungsverläufen gut kombiniert werden, um die Umsetzung der physiotherapeutischen Therapiekonzepte zu erleichtern, wie der folgende Fall von Dr. med. Michael Überall, Vizepräsident der DGS, Nürnberg, zeigt.
Praxisfall
Ein zwölfjähriger Junge mit erweiterter ANA-konzepte konsekutiv intensiviert und funktiopositiver Oligoarthritis (Knie-, Schulter-, Fin-nell – durch die Einbeziehung ergotherapeu-gergrund-und Kiefergelenk) seit 14 Monaten tischer Trainingseinheiten – ausgebaut werstellt sich vor. Aufgrund der entzündlichen Ge-den. lenkveränderungen lokale Wachstumsstörun-Nach insgesamt achtwöchiger Opioidgen mit sekundärer Beinlängendifferenz (be-therapie konnte die Oxycodondosis über zwei troffene Seite durch Entzündungsreiz länger!), Wochen ausgeschlichen und die physiothe-Gesichtsasymmetrie und Schonfehlhaltung. rapeutischen Behandlungen auch ohne „rein Zusätzlich Iridozyklitis der vorderen Augenab-analgetisch“ wirksame Komedikation fortgeschnitte. Zustand nach mehreren Zyklen intra-führt werden. artikulärer Glukokortikoidinjektionen und zweimaliger systemischer Hochturen gedehnt werden, wobei auf eine gelenkentlastende Ausgangssituation zu achten ist. Im Anschluss an Mobilisation und Dehnung kann die hypotone Muskulatur aktiviert werden. Dabei müssen Kompensations-und Ausweichbewegungen sofort korrigiert oder durch Fixation verhindert werden. In einem letzten Schritt werden schließlich die falsch eingeschliffenen Bewegungsmuster korrigiert und durch physiologische Bewegungsabläufe ersetzt.
Physiotherapie ohne Schmerz
Grundsätzlich darf im Rahmen der physiotherapeutischen Behandlungsmaßnahmen die Schmerzgrenze nicht überschritten werden, wenngleich die Folgen der Übungen bis zur Schmerzgrenze reichen können. Da diese individuell höchst unterschiedlich sind und im praktischen Alltag die individuellen Bedürf-nisse/Ziele des betroffenen Patienten (insbesondere wenn dieser noch ein Kind ist) hinsichtlich Schmerztoleranz unverändert nicht erfasst werden, sind sekundäre, aufgrund schlechter Erfahrungen im
dosis-Pulstherapie mit i.v. Methylprednisolon (20 mg/kgKG/ED); aktuelle systemische Dauertherapie mit Ibuprofen (40 mg/kg KG/Tag in vier Einzeldosen) und Methotrexat (10 mg/m2/Wo-che), Komedikation mit Chloroquin (3 mg/kg KG/Tag) wegen ausgeprägter Knorpeldestruktionen; lokale Kortisonbehandlung der Uveitis.
Als problematisch erwies sich die für den weiteren Krankheitsverlauf essenzielle Durchführung physiotherapeutischer Behandlungen, die bei ausgeprägten Verkürzungen von Mus-Rahmen von physiotherapeutischen Übungsverfahren erlernte Abwehrreaktionen im Kindesalter eher die Regel denn die Ausnahme. Hier kann, wie im vorliegenden Fall am Beispielvon Oxycodon beschrieben, der vorübergehende Einsatz stärker wirksamer Opioidanalgetika – auch bei entzündlich bedingten Gelenkerkrankungen – durchaus indiziert sein. Die Auswahl des letztlich zum Einsatz kommenden Opioids hängt dabei von der individuellen Erfahrung und der Ausgangssituation ab.
Im beschriebenen Fall wurde mit
Oxycodon bewusst ein modernes
retardiertes Opioid gewählt, dessen kulatur und Kapselbandapparat – auch
in Kombination mit physikalischen
Maßnahmen und Hilfsmittelversorgung
Bildarchiv U&V
Einsatz
– nicht zu einer Beschwerdelinderung Abb.: Juvenile Gonarthritis, rechts: Normal, links: Gelenk
a) bei schmerzhaften Erkranführte, sondern sitzungsabhängige spalt verkleinert (rotes Oval), Röntgenaufnahme, Falschfar-Schmerzexazerbationen und sekun-kungen des Bewegungsap
ben.
däre Teilnahmeverweigerungen provozierte.
Therapie und Verlauf
Aus diesem Grund wurde zusätzlich vorübergehend eine niedrig dosierte Oxycodonbehandlung (initial: 0,125 mg/kg KG/Tag in einer Einzeldosis = 1 x 5 mg Oxygesic®, nach einer Woche vorübergehende Steigerung auf 0,25 mg/kg KG/Tag in zwei Einzeldosen = zwölfstündlich 5 mg Oxygesic®) begonnen. Unter dieser Therapie konnten die durch die physiotherapeutischen Therapien provozierten Schmerzen nahezu vollständig gelindert und in der Folgezeit die entsprechenden Übungs-
SCHMERZTHERAPIE Nr. 3/2006 (22. Jg.)
Diskussion
Die Physiotherapie steht bei der Behandlung der JIA gleichberechtigt neben der medikamentösen Therapie. Bei hochentzündlicher, schmerzhafter Arthritis kommen zunächst Maßnahmen zur Schmerzlinderung und Entspannung zum Einsatz. Bei eingeschränkter Beweglichkeit müssen Maßnahmen zur Verbesserung der Gelenkfunktion/-mobilisation erfolgen. Hierzu eignet sich in erster Linie passive bzw. aktiv-assistive Bewegung, welche selbst auch im Verlauf zur Schmerzlinderung beitragen kann. Bei Verkürzung von Muskulatur und Kapselbandapparat müssen die Struk
parates sinnvoll und mit ausreichender Evidenz belegt ist, b) das aufgrund seiner Molekularstruktur keine zusätzliche Immunsuppression auslöst,
c) das pharmakokinetisch keine Interaktionen mit der bestehenden Basistherapie auslöst und
d) aufgrund seiner Zulassung (ab dem zwölften Lebensjahr)und Darreichungsform als 5 mg Oxygesic®-Tablette die Möglichkeit des gewichtsadaptierten Einsatzes auch bei jüngeren Patienten im Kindes-und Jugendalter bietet.
Michael Überall, Nürnberg
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