| Editorial |
Koalition gegen den SchmerzLiebe Kolleginnen und Kollegen,vor wenigen Tagen erreichte mich ein Brief einer 80-jährigen Münchnerin, die unter anderem schrieb:Noch einmal möchte ich versuchen, eventuell eine Hilfe zu bekommen, man wird ja überall abgewimmelt, warum? Weil ich 80 Jahre bin zu alt!! Habe Tag und Nacht Schmerzen und? Habe ich mir das ausgesucht? ,Sind Sie nicht so empfindlich!! ist die Antwort, wenn ich sage, ich habe Schmerzen. Von 520 Euro Rente 120 Euro AOK, also bleiben 400 Euro zum Leben. Ob die Herren Abgeordneten, die dieses bestimmen, auch keine Tabletten bekommen, bloß von 400 Euro leben? |
![]() G. Müller-Schwefe, Göppingen |
| Diese Erfahrungen mit Schmerzen und Schmerztherapie sind leider kein Einzelfall. |
| Fakten und Zahlen |
| Neue epidemiologische Zahlen, die von der International Association for the Study of Pain (IASP) veröffentlicht wurden, zeigen eine Prävalenz von chronischen Schmerzen in westlichen Industriestaaten von etwa einem Drittel der Bevölkerung. Eine neue EMNID Umfrage bestätigte in Deutschland unlängst diese Zahlen. Ein Drittel dieser 20 Millionen Menschen, das sind etwa 6 bis 8 Millionen, sind stark beeinträchtigt. Etwa 10% der Betroffenen, also ein bis zwei Millionen Menschen, leiden an schweren problematischen Schmerzzuständen. Die von Politikern immer wieder genannten fünf Millionen Schmerzpatienten basieren auf Erhebungen aus den 80-iger Jahren, die in Schmerztherapeutischen Einrichtungen gewonnen wurden eine Logik, der zu Folge man die Mitglieder einer Kirche während der Sonntagspredigt an der Zahl der besetzten Kirchenbänke ablesen könnte. |
| Dimension des Problems Schmerz unbekannt? |
| Präventionsmaßnahmen und Fördermaßnahmen für die Selbsthilfe sollen stärker zwischen den Krankenkassen und mit anderen Beteiligten koordiniert werden, steht als 6. Eckpunkt in den Eckpunkten der Konsensverhandlungen zur Gesundheitsreform. Dass hierunter auch rund ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland, insgesamt also 20 Millionen Menschen, die an chronischen oder immer wiederkehrenden Schmerzen leiden, fallen, ist der Gesundheitspolitik bisher weitgehend verborgen geblieben. Trotz erneuter vollmundiger Ankündigungen sind auch in den jetzt vorgestellten Eckpunkten zur Gesundheitsreform, die zwischen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und Horst Seehofer ausgehandelt wurden, keine Ansätze erkennbar, die tatsächlich eine Prävention der Schmerzchronifizierung erkennen ließen. Dies muss um so unverständlicher sein, als durch chronifizierte Schmerzen verursachte Folgekosten das Gesundheitssystem in ganz erheblichem Maße belasten. Allein chronische Rückenschmerzen belasten das Gesundheitssystem jährlich mit über 17 Milliarden Euro, von denen 72% durch Folgekosten wie Arbeitsunfähigkeit, Frühberentung und andere Maßnahmen entstehen, ein Betrag, mit dem sich mehrere Gesundheitsreformen problemlos finanzieren ließen. Vor der Wahl großzügig gemachte Versprechungen wurden zunächst auf dem Rücken der Ärzte finanziert (Minusrunde) und entpuppen sich jetzt als Seifenblasen. Wirklich relevante Sparpotenziale, wie eine flächendeckende Ausbildung und Versorgung in der Schmerzmedizin bleiben dagegen völlig unberücksichtigt. |

| Eckpunkte der Koalition gegen den Schmerz | |
| Schmerztherapie muss Pflichtfach für Mediziner werden. Für die Schmerztherapie ist die neue Approbationsordnung kein Meilenstein, sondern ein Rückschritt, erklärte Professor Michael Zenz in Berlin, angesichts der Tatsache, dass ab dem 1. Oktober 2003 mit Inkrafttreten der neuen Approbationsordnung für | |
![]() |
Ärzte Schmerztherapie und Grundlagen der Schmerztherapie
kein Pflichtfach mehr sein wird. Deshalb ist die Verbesserung der Ausbildungssituation an Universitäten sowie auch in der Facharztausbildung eines der wesentlichen Anliegen der neuen Koalition zwischen DGSS und DGS. |
| Ein weiteres wichtiges Anliegen besteht in der Schaffung eines Fachgebiets Algesiologie mit eigener Facharztweiterbildung und Facharztbezeichnung. Nur mit einer am Versorgungsbedarf ausgerichteten Weiterbildung wird in Zukunft die Versorgung der großen Anzahl chronisch Schmerzkranker ausreichend zu bewerkstelligen sein. |
| Weitere wichtige Anliegen der Koalition gegen den Schmerz sind: |
| Öffentliche Wahrnehmung von chronischen Schmerzen als
relevantes gesellschaftliches Gesundheitsproblem, |
|
| Schmerzdiagnostik und Schmerztherapie allgemein verfügbar zu machen, | |
| wichtige Hindernisse für adäquate Schmerzmedizin zu identifizieren, | |
| klinische Forschung und Grundlagenforschung in der
Schmerztherapie zu unterstützen und zu verstärken, |
|
| Aufklärung von Patienten über die Risiken von nicht
oder unzureichend behandelten Schmerzen, |
|
| Aufklärung über Behandlungsmöglichkeiten bei verschiedenen Schmerzen, | |
| Aufklärung von Patienten über Verfügbarkeit von
schmerztherapeutischen Einrichtungen, und |
|
| Aufklärung von Patienten über ihr Recht für adäquate Schmerztherapie. |
| Viele Maßnahmen, die jetzt im Rahmen der Gesundheitsreform vorgeschlagen werden, sind für schmerztherapeutisch tätige Ärzte längst Selbstverständlichkeit. Um ihre Qualifikation zu erwerben und zu erhalten haben sie längst im Konsens zwischen den Fachgesellschaften ein qualifiziertes Fortbildungsangebot erstellt und eine jährliche Rezertifizierung etabliert. |

| Qualitätssicherung ist in der Schmerztherapie Standard |
| Schmerztherapeutisch tätig, liebe Kolleginnen und Kollegen, sind Sie alle. Sie und Ihre Patienten haben ein Recht darauf, in dieser schwierigen Arbeit wahrgenommen und unterstützt zu werden. Das soll unsere gemeinsame Koalition gegen den Schmerz leisten und politisch durchsetzen. Dass hier noch viel zu tun ist, belegt eine jüngst in der Zeitschrift Der medizinische Sachverständige (MED SACH 99 (2003) Nr. 3; 84) veröffentlichte Einschätzung von Schmerzpatienten, wo der Autor schreibt: Auch grundsätzliche Diskussionen im gesellschaftspolitischen Bereich, ob z.B. den sogenannten Schmerzpatienten ohne jegliche organpathologische Korrelate überhaupt die Möglichkeit des Leistungsbezuges eingeräumt werden soll, könnten zu einer ganz erheblichen Kostenminderung, nicht nur bei den Gutachten, führen, was jedoch mutige und wohl überlegte Entscheidungen erforderlich macht. |
| Ich bitte Sie herzlich: Unterstützen Sie unsere Koalition gegen den Schmerz, lassen Sie sich nicht entmutigen und mundtot machen, sind Sie mit uns gemeinsam für unsere Patienten und auch dafür aktiv, dass wir unsere Patienten mit chronischen Schmerzen besser versorgen können. |
| Ich wünsche Ihnen hierzu in diesem Heft viele Anregungen und grüße Sie herzlichst |
| Ihr |
GERHARD MÜLLER-SCHWEFE, Göppingen Präsident Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie - Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e. V. |