| Düstere Zukunftsperspektiven |
| Die allerorten zu beobachtenden Ausrichtungen der
pharmazeutischen Industrie auf den wirtschaftlich so interessanten
Großraum Nordamerika und die zunehmende Fokussierung auf den
share-holder-value, d.h. die Interessen der Aktionäre, lassen
Zukunftsszenarien möglich erscheinen, in denen europäische oder gar
nationale Interessen bei der Entwicklung neuer Pharmazeutika keine nennenswerte
Rolle mehr spielen. |
| Welche Möglichkeiten ergeben sich nun für uns in
Deutschland, diese zum Teil doch recht unbefriedigende Situation rechtlich
einwandfrei zu (ver-)ändern und klinisch relevante und valide Daten zur
Wirksamkeit und Verträglichkeit neuer Produkte im Vergleich zu den bei uns
relevanten nationalen Konkurrenzprodukten zu produzieren? |
| Theoretisch bieten sich hierfür zunächst drei
Möglichkeiten an: |
| 1. Die Durchführung
(zahlenmäßig) kleinerer kontrollierter verblindeter
Vergleichsuntersuchungen zur Evaluation der klinischen Wirksamkeit und
Verträglichkeit des neuen Produktes im Vergleich zu einem/mehreren bereits
zugelassenen Alternativpräparaten in einer bereits etablierten Indikation
(z.B. Kurzzeitbehandlung postoperativer Schmerzen). |
| 2. Die Durchführung
(zahlenmäßig meist ebenfalls kleinerer) kontrollierter und
verblindeter Vergleichsuntersuchungen zur Evaluation der klinischen Wirksamkeit
und Verträglichkeit des neuen Produktes (u.U. auch im Vergleich zu
einem/mehreren bereits zugelassenen Alternativpräparaten) in einer neuen
Indikation (z.B. Einsatz für die Behandlung akuter Schmerzen
unabhängig von ihrer Ätiologie). |
| 3. Die Durchführung
zahlenmäßig umfangreicherer offener Studien zur Generierung
umfangreicher Daten zur Sicherheit und Verträglichkeit neuer
Produkte. |
| Während die Punkte 1 und 2 in dieser Liste nicht selten im
Rahmen regional umschriebener, sog. investigator initiated trials
(mit mehr oder weniger umfangreicher Unterstützung seitens des Herstellers
des zu evaluierenden Produktes) durchgeführt werden können, gibt es
in Deutschland für die Erhebung von Daten zur Sicherheit und
Verträglichkeit nach Markteinführung eine rechtliche Grundlage. |
| ... und ihre Vorteile |
| Klar sind die Vorteile einer Anwendungsbeobachtung
definiert: |
| 1. Die Anzahl der teilnehmenden
Patienten liegt in der Regel um ein vielfaches höher als die Anzahl der
Patienten in klinischen Studien. |
| 2. Die Patienten selbst sind Menschen
wie du und ich, d.h. sie müssen nicht irgendwelche artefiziellen Ein- und
Ausschlusskriterien erfüllen, um mit einem Medikament behandelt zu werden.
Sie erhalten das Medikament, so wie es in der Praxis unter Alltagsbedingungen
üblich ist (d.h. mal länger, mal kürzer, mal höher dosiert
und mal niedriger, mal alleine und mal in Kombination mit einem oder mehreren
anderen Arzneimitteln). |
| 3. Die Patienten sind Menschen aus
der Region, d.h. die Behandlungsdaten erlauben einen Einblick in die
Sicherheit und Verträglichkeit neuer Produkte unter den regionalen
genetischen Besonderheiten. |
| Aus all diesen Gründen wird klar, dass wir eigentlich erst
durch Anwendungsbeobachtungen erfahren, wie gut, wie verträglich und wie
wirksam ein neues Medikament im Alltag wirklich ist. Die systematische
Durchführung von Anwendungsbeobachtungen gehört also einerseits
für einen seriösen Arzneimittelhersteller zu einem der
fundamentalsten Instrumente überhaupt, um kontinuierlich und auf
möglichst hohem Niveau Daten über ein neues Präparat nach
Markteinführung zu erhalten. Andererseits sollten deutsche Ärzte
insbesondere angesichts der drohenden Entwicklungen zukünftig zu
erwartender Zulassungsstrategien zunehmend an derartigen
Aktivitäten teilnehmen und durch ihren Einsatz versuchen, Einfluss auf das
Design und die Konzeption derartiger Aktivitäten zu nehmen. Nur so kann
erreicht werden, dass auch zukünftig deutsche Patienten in den Genuss
neuer und mitunter ja wirklich deutlich besserer Produkte kommen
können. |
| Online-AWB ein schneller Weg |
| Um die bereits geschilderten Probleme mit Anwendungsbeobachtungen
zu umgehen, werden mitunter auch neue Wege beschritten. Einen völlig neuen
Weg schlägt zum Beispiel die Online-AWB PAIN EXIT ein, die die Pharmacia
GmbH zu ihrem Produkt Dynastat® seit Anfang März 2003 in Deutschland
durchführt und der sich Österreich und die Schweiz im Sommer
anschließen werden. Bei der PAIN EXIT AWB dokumentieren die teilnehmenden
Ärzte die von ihnen durchgeführten Behandlungen nicht wie bisher
üblich auf einem standardisierten Papierbogen, sondern direkt
über das Internet in eine spezielle Datenbank. Gleichzeitig
erhalten die teilnehmenden Ärzte online, d.h. zeitnah, Einsicht in die
wesentlichen bislang dokumentierten Behandlungsdaten. Dabei können sie
nicht nur die von ihnen durchgeführten Behandlungen abrufen, sondern auch
in anonymisierter Form Einsicht nehmen in die Behandlungsdaten
anderer teilnehmender Kollegen. |
| Dies eröffnet völlig neue Perspektiven: Zum einen
erlaubt dieses Instrument, ganz im Sinne der von der Bundesregierung
gewünschten Qualitätssicherungsmaßnahmen, einen neutralen und
anonymisierten Vergleich der Behandlungsdaten unterschiedlicher Ärzte und
hilft dabei bessere und weniger gute Behandlungsformen zu identifizieren und
entsprechende Behandlungskonzepte zu ändern. Dabei ermöglichen die
technischen Besonderheiten der elektronischen Datenerfassung eine gerade
im Vergleich zu den bislang üblichen Dokumentationsverfahren auf
Papierbögen deutlich bessere Datenqualität. Zum anderen
können interessierte Ärzte ihre Behandlungserfahrungen in mitunter
neuen Indikationen unter Bezugnahme auf standardisierte
Dokumentationsinstrumente festhalten und somit im weiteren Verlauf die
tatsächliche Bedeutung des Einsatzes neuer Medikamente mitunter in bislang
noch gar nicht in Erwägung gezogenen Indikationen überdacht werden.
Durch die Einbeziehung von Angaben zur klinischen Wirksamkeit und
Verträglichkeit der in den jeweils teilnehmenden Institutionen (d.h.
Praxen und Kliniken) üblichen Therapiestandards eröffnen sich
darüber hinaus auch durch vergleichende Analysen zahlreiche
Möglichkeiten zur Evaluation bislang üblicher Therapieverfahren.
Dadurch wird eine der Primärforderungen deutscher Ärzte, nämlich
die nach Untersuchungen zur vergleichenden Wirksamkeit, Sicherheit und
Verträglichkeit neuer Präparate in verschiedensten Indikationen
erfüllt. |
| Erwartungen übertroffen |
| Noch ist diese einmalige Aktion der Firma Pharmacia nicht
abgeschlossen, doch schon jetzt wird offenbar, dass nicht nur die Offenheit der
Datenpräsentation, sondern auch die technischen Besonderheiten der
Datendokumentation und Datenevaluation neue Perspektiven für
zukünftige Aktivitäten auf diesem Gebiet öffnet: Anfang Juli,
d.h. nach etwa 2/3 der geplanten Laufzeit, ist klar, dass PAIN EXIT alle
Erwartungen übertroffen hat. Bereits am Ende der dritten
Dokumentationswoche waren über 140 Ärzte aktiv und hatten bis zu
diesem Zeitpunkt die Behandlungsdaten von 491 Patienten in die Datenbank
eingebracht. Aktuell verfügt die Datenbank über einen Bestand von
über 9.000 online dokumentierten Behandlungsverläufen (hinzu kommen
derzeit noch fast 3.000 konventionelle Dokumentationen auf Papierbögen,
die später zum Zwecke interner Validierungsprozesse mit den Angaben der
online-Datenbank verglichen werden sollen). Dies ist ein absoluter Rekord und
lässt erahnen, zu welchen Leistungen neue und attraktive
Dokumentationssysteme heute fähig sind. |
| Aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit PAIN EXIT wird eines
offensichtlich: Die Anwendungsbeobachtung als Instrument zur Erfassung
umfangreicher Daten zur Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit ist
unverändert wichtig, und sie ist ganz im Gegensatz zu den landläufig
üblichen Vorurteilen in aller Regel (und Ausnahmen bestätigen diese
ja bekannterweise) kein reines Marketinginstrument zur Generierung von
Umsatzzahlen, sondern ein essentielles medizinisches Instrument zur Generierung
anwendungs- und anwenderrelevanter Daten zur Wirksamkeit, Sicherheit und
Verträglichkeit neuer Medikamente. Doch klar wird auch, dass die
klassische Papierform der Anwendungsbeobachtung heute angesichts der
möglichen Alternativen ausgelebt hat. Die Zukunft gehört alternativen
Dokumentationsinstrumenten wie z.B. der elektronischen Online-AWB. |
MICHAEL ÜBERALL, Nürnberg
michael.ueberall@STK-ev.de |