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Schmerzkonsil

Was tun bei Harnverhalt unter Opioiden?

Harnverhalt ist kein Grund zur Panik und zum Abbruch einer Opioidtherapie. Harnverhalt unter Opioiden ist eine bei Erwachsenen nur selten auftretende Komplikation, die bei Kindern jedoch häufiger eine Opioidtherapie erschwert. Mit welchen einfachen Tricks sich dieser akute nephrologische Notfall oft durchbrechen lässt und in welcher Dosis Carbachol eingesetzt werden kann, beschreibt Dr. med. Oliver Heine, Limburg/Lahn.
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Oliver Heine, Limburg/Lahn

Dr. K. M., Dortmund:
Der deutsche Begriff der „Evidenz“, des offenbar Richtigen, des augenscheinlich Gewissen und der angloamerikanische Terminus der „evidence“ haben eine verschiedene Bedeutung: Die Grade der evidence sollen die externe Beweiskraft wissenschaftlicher und kennerschaftlicher Aussagen abstufen. Verschiedene Gesellschaften haben Einteilungen mit 5–6 Stufen veröffentlicht, eine die US Agency for Health Care Policy and Research (AHCPR), die von der Leitliniengruppe Hessen, hausärztlicher Pharmakotherapiezirkel, übersetzt und übernommen wurde (Tabelle 1).
Dr. med. Oliver Heine, Limburg/Lahn:
Die Schmerztherapie bei Kindern ist in den vergangenen Jahren intensiv untersucht worden, so dass Kinder heute nicht mehr auf eine optimale Analgesie verzichten müssen. Vergleichbar der Schmerzbehandlung Erwachsener hat sich die Opioidtherapie bei Kindern als hervorragende und sichere Therapieoption erwiesen. Jedoch gilt es, bei Kindern unter anderem den altersabhängigen Entwicklungsstand zu berücksichtigen [1]. Zu den wesentlichen Nebenwirkungen der Opioidtherapie bei Erwachsenen wie bei Kindern zählen Obstipation, Übelkeit, Erbrechen und Sedierung. Darüber hinaus sind bei Kindern die Nebenwirkungen Juckreiz, Atemdepression und Harnverhalt zu nennen [2]. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) führt in der medikamentösen Schmerztherapie Erwachsener den Harnverhalt als seltene Nebenwirkung auf. Bei Klein- und Schulkindern ist ein Harnverhalt unter den verschiedenen Opioiden häufiger zu beobachten [3]. Für die in der Schmerzbehandlung von Kindern üblichen Applikationsformen (oral, intravenös, subkutan, transdermal [1]) lassen sich für die verschiedenen Opioide bezüglich der Inzidenz der Nebenwirkung Harnverhalt keine Unterschiede feststellen.
Ursachen und Häufigkeit des Harnverhalts
Ursächlich kommen für den Harnverhalt neben der Opioidnebenwirkung infravesikale Blasenhals- und Harnröhrenobstruktionen (Harnröhrenstrikturen, Tumore, Entzündungen, Fremdkörper, Phimose), neurogene und psychogene sowie medikamentös bedingte Ursachen (Chemotherapie- induzierte Neuropathien, Anticholinergika und Psychopharmaka) in Betracht [4].
Esmail und Mitarbeiter [5] vom British Columbia’s Children’s Hospital untersuchten die Nebenwirkungen nach Morphininfusionen bei 110 Kindern im Alter von drei Monaten bis 16,7 Jahren genauer. Bei den nichtkatheterisierten Kindern (n=74) kam es in 13,7% der Fälle zu einem Harnverhalt. Als weitere Nebenwirkungen im Gesamtkollektiv wurden unter anderem Übelkeit/Erbrechen (42,5%), Juckreiz (12,7%), Dysphorie (7,3%) und Hypoxie (4,5%) dokumentiert. In keinem Fall wurde im Rahmen dieser Untersuchung eine Atemdepression berichtet.
Therapie
Nach den Empfehlungen der Qualitätssicherungsgruppe der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie [2] hilft bei Harnverhalt oft ein über die Blase gelegter nasser Waschlappen. Auch ein aufgedrehter Wasserhahn wirkt oft „Wunder“. Erst bei weiterbestehendem opioidinduzierten Harnverhalt sollte eine Katheterisierung oder ein Therapieversuch mit Carbachol entweder p.o. (0,5–1mg alle 8–24 h) oder s.c. (0,05–0,1 mg alle 12– 24 h [1Tbl= 2 mg; 1 Ampulle Injektionslösung (1 ml) = 0,25 mg]) erwogen werden. Als weitere Behandlungsoption gilt es, vergleichbar der Erwachsenentherapie, auch in der pädiatrischen Opioidanwendung mögliche Synergismen mit anderen Substanzen oder eine Reduktion der Opioiddosis bzw. einen Opioidwechsel zu überdenken [3].
Fazit
In den letzten Jahren hat die Opioidtherapie in der pädiatrischen Analgesie einen festen Platz gefunden. Sichere Wirksamkeit und gute Verträglichkeit der Opioide zeigen, dass Kindern jeden Alters eine adäquate Schmerzbehandlung nicht versagt bleiben muss.
Nebenwirkungen wie Übelkeit, Obstipation und Harnverhalt sind bei Kindern häufiger als bei Erwachsenen anzutreffen. Bezüglich des Harnverhalts hat sich neben allgemeinen Massnahmen (Auflegen eines nassen Waschlappens auf die Blase und/oder Wasser laufen lassen), oder der Katheterisierung vor allem eine Therapie mit Carbachol bewährt.
OLIVER HEINE, Limburg/Lahn

Oliver.Heine@mundipharma.de

Literatur
[1] Berde CB, Sethna NF. Analgesics for the treatment of pain in children. N Engl J Med 2002, 347(14): p. 1094-1103.
[2] Zernikow B, Griessinger N, Fengler R. Practice of pain control in paediatric oncology – recommendations of the quality-monitoring group of the German Society for Paediatric Oncology and Haematology (GPOH).
Der Schmerz 1999, 13(3): p. 213-235.
[3] AWMF online. Medikamentöse Schmerztherapie. http://www.uni-duesseldorf.de WWW/AWMF/ll/onko-039.htm.
[4] Zaak D. Emergencies in general practice, 13. Acute urinary retention. MMW Fortschr Med 2001, 143(18): p. 38-9.
[5] Esmail Z, Montgomery C, Court C, Hamilton D, Kestle J. Efficacy and complications of morphine infusions in postoperative paediatric patients. Paediatr Anaesth 1999, 9(4): p. 321-327.
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