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Schmerztherapie 2 2005 |
SCHMERZTHERAPIE
Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e. V. – DGS
Editorial
Bücherecke ............................... 26
Kasuistik
glaublichen Zy-
Nehm se’n Alten?
nismus, son-
Liebe Kolleginnen und Kollegen, „Nehm se’n Alten, nehm se’n Alten“ lautet der Refrain eines Liedes von Otto Reutter; dieser Refrain drängt sich mir in den letzten Tagen und Wochen immer wieder auf. Beispiel Nummer 1:
KV Brandenburg
„Liebe Kolleginnen und Kollegen“ schreibt der Vorsitzende der KV Brandenburg, Dr. med. Hans-Joachim Helming, in seinem Editorial zu KV INTERN 6/2005. „Ein Quartal geht zu Ende
– das Zweite des Jahres und das Erste unter Wirkung des neuen Bewertungsmaßstabes (EBM) und einer in Teilen modifizierten Honorarverteilung (HVV), nunmehr unter Mitverantwortung der Krankenkassen.
Begonnen hat es mit nicht selten heftigen Aufgeregtheiten und Befürchtungen. Denken wir nur an die Prophezeiungen der oberschlauen Gurus hinsichtlich der ‚desaströsen Zeitschienen’ oder den angeblichen Zusammenbruch der schmerztherapeutischen Versorgung. Ironisch bewertet kann man heute feststellen, dass zumindest die Wortführer letzterer Spezialdisziplin heute nicht mehr zu hören sind. Also wird es wohl tatsächlich zur Auslöschung dieser Spezialpraxen gekommen sein? Nur stutzig muss man werden, wenn es keine vor Schmerzen stöhnenden Patienten
gibt, die nach behandelnden Ärzten suchend, auf den Straße umher irren ...“, um schließlich sein Editorial zu schließen mit dem Kommentar:
„... nicht auf die falschen (Gurus) hören, sondern auf diejenigen vertrauen, welche in vielen Jahren bewiesen haben, dass sie die Interessen der brandenburgischen
Ärzte so vertreten haben, dass unter den bestehenden Rahmenbedingungen ein Optimum von Ergebnissen erzielt wurde.“
Schmerzpatienten zynisch abgespeist
Nicht nur offenbaren diese Zeilen einen un
2
dern gleichzeitig wird auch deutlich, dass der dies schreibende Kollege in seinem ganzen ärztlichen B e r ufsle b e n
Gerhard Müller-Patienten mit Schwefe, Göppingen
c h r o nis c h e n
Schmerzen nie wirklich wahrgenommen oder zutreffend diagnostiziert hat.
Charakteristisch für chronisch Schmerzkranke ist gerade, dass sie soziale Kontakte, Partnerschaft und die Fähigkeit zu öffentlicher Kommunikation verlieren aufgrund ihrer krankheitsspezifischen Veränderungen.
WHO-Stufenschema zunehmend fragwürdig
Das „bewährte, alte“ WHO-Stufenschema gerät unter diesen Aspekten allerdings zunehmend ins Zwielicht. Die in Stufe I gesetzten „einfachen Analgetika“ haben den Nimbus des Einfachen und Harmlosen verloren und können deshalb heute nicht mehr unkritisch als 1. Stufe einer Schmerztherapie empfohlen werden. Vielmehr sollte heute nach individueller Schmerzanalyse sofort überlegt werden, ob Opioide in einer oralen, gut steuerbaren Galenik nicht immer dann als erste Stufe einzusetzen sind, wenn nicht entzündliche Prozesse primär im Vordergrund stehen. Immerhin sind, wie Überall zitiert, an drei deutschen Universitätskliniken Azetylsalizylsäure und Diclofenac für immerhin fast 20% aller stationären Aufnahmen verantwortlich.
Baden-Württemberg mit ihrem
UAW – Pilotprojekt
Vorstandsvorsitzenden Dr. med.
Wissenschaftliche Studien geben Achim Hoffmann-Goldmayer agiert,
aufgrund der Patientenselektion die im Interesse der Schmerzpat
oft nur sehr eingeschränkt Ausienten und der sie versorgenden
kunft über Wirkungen und NebenÄrzte mit den Kassen, die vor dem
wirkungen von Substanzen. Erst 01.04.2005 gültigen Schmerzthera
im täglichen Gebrauch zeigen pievereinbarungen als Übergangs
sich viele unerwünschte Arzneiregelung bis zum 31.12.2005 aus
mittelwirkungen (UAW), die häufig gehandelt hat.
von Ärzten gar nicht erfasst werden. Deshalb hat die Deutsche
„Nehm se’n Alten, nehm
Gesellschaft für Schmerztherapie
se’n Alten ...“
e. V. das Institut für Qualitätssiche-Nehm se’n alten Entzündungs
rung in Schmerztherapie und Palhemmer? Das bei einigen selekti
liativmedizin (IQISP) zunächst mit
wordene kardiovaskuläre Risiko hat zu einer überraschenden Renaissance der alten nicht steroidalen Antirheumatika geführt. Nach dem Motto: „Nehmen wir doch lieber die guten Alten, da kennen wir das Risiko.“ Wie sehr dies eine Scheinsicherheit ist, beleuchtet Michael Überall in seinem Beitrag über Pharmakotherapie mit entzündungshemmenden Analgetika. Die von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA durchgeführte Neubewertung der unselektiven NSAR hat ihren Niederschlag in einem generellen Warnhinweis bei allen, auch den frei verkäuflichen alten entzündungshemmenden Analgetika gefunden. Eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung ist bei jeder entzündungshemmenden Therapie angezeigt. Das von Michael Überall beschriebene individuelle Risikoprofil unter Zuhilfenahme von Scoretabellen kann sehr nützlich sein, da in absehbarer Zeit keine Alternativen zu entzündungshemmenden Analgetika in Sicht sind (siehe Seite 6).
Patienten in das Meldesystem mit einbezieht, um zunächst zu evaluieren, inwieweit diese Datenquelle für zusätzliche Sicherheit in der medikamentösen Therapie sorgen kann.
Australien, du hast es besser ...
Würde der Kollege Dr. med. Hans-Joachim Helming, Vorsitzender des Vorstandes der KV Brandenburg, in Australien leben, hätte er wahrscheinlich sein Editorial nie so geschrieben. Wie Sie im Interview mit Professor Geoffrey Gourlay, Adelaide, nachlesen können, wird an australischen Universitäten Schmerzmedizin gelehrt und ist Prüfungsfach. Darüber hinaus wird gerade ein Facharzt für Schmerzmedizin eingeführt. Offensichtlich ist dieser Kontinent eher zu Innovationen fähig als das alte Europa und insbesondere Deutschland.
In einem Gespräch mit dem Staatssekretär im Gesundheitsministerium, Dr. Theo Schröder, wurde deutlich, dass einer Änderung der deutschen Approbationsordnung
SCHMERZTHERAPIE Nr. 3/2005 (21. Jg.)
mit Schmerztherapie und Palliativmedizin als Pflichtfach erhebliche Widerstände und Hindernisse gegenüberstehen. So müssten nicht nur sämtliche Kultusminister aller bundesdeutschen Länder, sondern auch alle medizinischen Fakultäten zustimmen. Da angesichts eines vollen Lehrplanes einzelne Fächer auf Stunden verzichten müssten, scheint dies eher unwahrscheinlich, wenn auch manche Fächer wie medizinische Soziologie oder Epidemiologie an vielen Universitäten kaum ausreichend gelehrt werden können.
Der 11. Weltkongress der ISAP in Sydney
Vom 21. bis 26. August findet in diesem Jahr der Weltkongress der ISAP in Sydney statt. Hierzu finden Sie in dieser Ausgabe einen Überblick wie auch bereits eine Vorschau auf wichtige Kongressthemen und Interviews. Für diejenigen unter Ihnen, die nicht nach Sydney kommen können, werden wir im nächsten Heft über wichtige Highlights von diesem großen Schmerzkongress berichten. Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Sommerurlaub und wünsche Ihnen, dass Sie in diesem Heft SCHMERZTHERAPIE erneut viele für Sie brauchbare und gute Anregungen für Ihre tägliche Arbeit finden und grüße Sie herzlich Ihr
Dr. med. Gerhard Müller-Schwefe
Präsident Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e. V.
„Closed Shop“ in der Schmerztherapie?
Die schmerztherapeutische Versorgung sollte durch die Anerkennung einer „Allgemeinen Schmerztherapie“ verbreitert werden, fordert der Vorstand der DGS. Die Einführung einer Ziffer „Allgemeine Schmerztherapie“ könnte dieses Manko im neuen EBM beheben, erläutert Dr. med. Oliver Emrich, Vizepräsident DGS und Leiter der Arbeitsgruppe „Allgemeine Schmerztherapie“ der DGS/DGfA, Ludwigshafen.
m 1.4.2005 ist der neue EBM 2005 in Kraft getreten. Für den besonderen Versorgungsbereich Schmerztherapie Kapitel 30.7 wurden zwei neue Zuschlagsziffern 30700 und 30701 für den Bereich spezielle Schmerztherapie generiert. Die berechtigte Kritik an den katastrophalen Regelungen und Bewertungen wurde der KBV und dem Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung wiederholt deutlich vorgetragen. Bislang mit wenig Resonanz. In wenigen KV Bezirken (z.B. Bad e n -W ü r t t e m berg, Hessen und Thüringen) konnten nach langen, zum Teil zähen Ve r h a n dlu n g e n und Dank einer beispiellosen Solid a rit ä t d e r S c h m e r z t h e r ap e u t e n Ü b e rg a n g slö s u n g e n
implementiert werden, die vor-übergehend die Auswirkungen der neuen Regelungen mildern. Nicht so im Rest der Republik. Es bleibt bei einem Flickenteppich unterschiedlicher Punktbewertungen und Auslegungen der neuen Vorgaben. Wenn dies die Antwort der Gesundheitspolitik auf die Forderungen der WHO und EFIC vom Oktober 2004 („Global Day against Pain“, „Pain Therapy Should Be a Human Right“) sein soll, dann ist wiederum eine große Chance vertan worden, suffiziente und qualitätsgestützte Regelungen in der schmerztherapeutischen Versorgung zu installieren.
Wenn nach jüngsten epidemiologischen Untersuchungen jeder dritte bis fünfte Bürger einer westlichen Industrienation unter chronischen Schmerzen dauernd oder immer wiederkehrend leidet, dann ist die denkbar schlechteste und zudem peinliche Antwort auf das Problem ein „Closed Shop“ in der speziell schmerztherapeutischen Versorgung für wenige ausgesuchte Algesiologen in Deutschland (geschätzt ca. 450). Eine der exklusiven Zugangsvoraussetzungen für die neuen Schmerzziffern 30700 und 30701 ist die Ableistung von zwölf Monaten Weiterbildung in einer speziell schmerztherapeutischen interdisziplinären Einrichtung. Diese Voraussetzung können schon jetzt niedergelassene Kollegen nicht mehr erbringen, ohne ihre Existenzgrundlage (die laufende Praxis) massiv zu gefährden. Die Prävalenz von chronischen Schmerzkrankheiten in Deutschland erfordert jedoch einen Versorgungsgrad, der weit über die kleine Gruppe der hoch spezialisierten Einrichtungen hinausgeht. Diesem Erfordernis wird die neue Gebührenordnung EBM 2000plus in Kap. 30.7 nicht gerecht.
Gleichwohl arbeiten aktuell viele Kollegen, die diese zwölf Monate nicht erbringen können, schon jetzt in
Oliver Emrich, der spezialisierten
Ludwigshafen Versorgung chro
nisch Schmerzkranker. Sie versorgen zwar nicht überwiegend diese Patienten, gleichwohl verfügen sie aber ansonsten über besondere und herausragende Qualitätsvoraussetzungen, z.B. besondere Fortbildung, Methodenschwerpunkte, Teilnahme an Schmerzkonferenzen usw. und bringen ihre Fähigkeiten in die Patientenversorgung faktisch ein. Diese Kollegen stehen schon jetzt dafür, die allgemeine Kompetenz in der Schmerztherapie zu verbessern, bilden sich fort und behandeln Patientenn, ohne dass sich bislang eine Aussicht auf wirtschaftliche Absicherung ihres Einsatzes zeigen würde. Dabei muss das Versorgungsangebot in der schmerztherapeutischen Versorgung schnell verbreitert werden. 450 Algesiologen sind nicht in der Lage, über elf Millionen Schmerzpatienten zu betreuen. Hier ist der qualifizierte Hausarzt und Facharzt gefragt und muss unverzüglich in die gestufte Versorgung integriert werden. Dieser Qualitätssprung wird allerdings nur über eine angemessene Vergütung für kompetente allgemeine Schmerztherapie zu erreichen sein. Der Vorschlag der KBV zur Novellierung des Kapitels Schmerztherapie im EBM 2000plus vom Oktober 2002 hatte einen „Komplex für die allgemeine schmerztherapeutische Versorgung chronisch schmerzkranker Patienten“ noch vorgesehen und mit 1650 Allgemeine Schmerztherapie Punkten (!) bewertet bei einer Zeitvorgabe Die Deutsche Gesellschaft für Schmerztheravon 40 Minuten Arztleistung (AL). Dies war auf pie e.V. (DGS) hat deshalb erneut Vorschläge den gemeinsamen Vorschlag von DGS/DGfA/ für eine Qualifikation „Allgemeine SchmerztheVDÄA zustande gekommen. Danach aber war rapie“ erarbeitet, die unter anderem die Inhaldie „allgemeine Schmerztherapie“ urplötzlich te der schon lange bestehenden verbandsinund ohne Angabe von Gründen durch die Wei-ternen Qualifikation„Schwerpunkt Schmerzgerung der Krankenkassen wieder verschwun-therapie – DGS/DGfA/VDÄA“ berücksichtigt. den und wurde nie wieder diskutiert. Da die KBV mehrfach versprochen hat, ggf. die
Die Plausibilitätskontrolle der Ziffern 8450/8451 in Bayern
Nicht zuletzt durch die Änderungen des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes müssen sich immer mehr niedergelassene Ärzte auf eine Plausibilitätsprüfung einstellen (vgl. hierzu Heft 2/05, S. 20). Ein Ärgernis ganz besonderer Art stellen allerdings die Plausibilitätsprüfungen der Abrechnung der Ziffern 8450 und 8451 im Bereich der KV Bayern dar, die sich als Rückforderungsfalle entpuppen. Die Hintergründe und Heike Müller, rechtlichen Möglichkeiten erläutert Rechtsanwältin Sindelfingen Heike Müller, RP Rechtsanwälte, Sindelfingen.
rund
lage der durch die KVB durchge-meisten Schmerztherapeuten die überra
führten Plausibilitätskontrollen ist die schende, weil in keiner anderen Vereinbarung zum 01.10.2000 in Kraft getretene Schmerz-bundesweit enthaltene Klausel in § 7 Abs. 2 S. therapievereinbarung mit den Regionalkassen. 2 nicht bekannt war: Die hierin enthaltene zusätzliche Vergütung für „Voraussetzung für die Abrechnung der die Durchführung spezieller schmerztherapeu-Nrn. 8450 und 8451 sind mindestens fünf Arzttischer Leistungen nach den Pseudoziffern Patienten-Kontakte pro Quartal.“ 8450 und 8451 entpuppt sich drei bis fünf Jah-In Unkenntnis dieser Regelung erfüllten re nach In-Kraft-Treten der Vereinbarung zu die meisten Schmerztherapeuten die spezieiner immensen Rückforderungsfalle, da den elle Abrechnungsvoraussetzung der Ziffern jetzt implementierte Schmerztherapie nach den Ziffern 30700 und 30701 zu „überarbeiten“, bestünde jetzt wieder die Chance eine „allgemeine Schmerztherapie“ zu diskutieren und in die (inhaltlich ohnehin nachzubessernde) Qualitätssicherungsvereinbarung (QSV) nach § 135 SGB V einzuarbeiten. Die neue QSV würde dann neben der „speziellen Schmerztherapie“ die Qualität einer neu zu implementierenden Ziffer z.B. „30702“ „Allgemeine Schmerztherapie“ definieren.
Damit wären die Voraussetzungen einer „gestuften Versorgung“, wie sie immer wieder von KBV und Kassen beschworen wird, endlich ausreichend Rechnung getragen. Eine Ebene „allgemeine Schmerztherapie“ durch qualifizierte hausärztliche/fachärztliche Versorgung wird der Ebene „spezielle Schmerztherapie“, durch qualifizierte algesiologische Versorgung in der Mitbehandlung vergesellschaftet und vorgeschaltet. Diese Vorschläge wird die DGS zunächst mit dem Deutschen Hausärzteverband diskutieren und sie dann möglichst gemeinsam bei der KBV vortragen.
Oliver Emrich, Ludwigshafen
8450 und 8451 nicht und werden deshalb im Rahmen von seit ca. eineinhalb Jahren durchgeführten Plausibilitätsprüfungen mit Honorarrückforderungen über einen Zeitraum von bis zu 16 Quartalen konfrontiert. Insbesondere Praxen mit schmerztherapeutischem Schwerpunkt werden durch massive Honorarrückforderungen empfindlich getroffen. Hierbei wird den betroffenen Ärzten in der Regel eine Rückzahlungsvereinbarung mit der Bitte um Unterzeichnung binnen einer Frist von zwei Wochen übersandt. Kommt eine gütliche Einigung nicht zustande, werden die Aufhebung der Honorarbescheide der jeweiligen Quartale sowie eine entsprechende Rückforderung mittels Richtigstellungsbescheid angekündigt.
YErst nach Zugang des Richtigstellungsbescheides läuft die Rechtsmittelfrist von einem Monat!
Der Gestaltungsspielraum der Vertragspartner
Auch wenn die Vereinbarung mit den Regionalkassen im Bereich der KVB im Hinblick auf das Erfordernis der fünf Arzt-Patienten-Kontakte von den übrigen Vereinbarungen bundesweit abweicht, ist zu betonen, dass den Vertragspartnern bei der Vereinbarung der Inhalte die-ser speziellen Vergütungsverträge auf KV-Ebe-ne grundsätzlich ein erheblicher Gestaltungsspielraum zusteht. Dieser hat zur Folge, dass die Rückforderungen nicht mit dem bloßen Argument, ähnliche Voraussetzungen seien in anderen Vereinbarungen bundesweit nicht enthalten, angefochten werden können.
Aufgrund des bestehenden Gestaltungsspielraums der Vertragspartner ist das Erfordernis der fünf Arzt-Patienten-Kontakte für die Abrechnung der Betreuungspauschale nach Ziffer 8451 schwerlich angreifbar, zumal sich ähnliche Anforderungen auch an anderer Stelle des EBM alter Fassung finden (z.B. Ziffer 14 EBM a. F.). Die Auslegung der KVB, dass das Erfordernis der fünf Arzt-Patienten-Kontakte nicht nur für die Ziffer 8451, sondern auch für die Ziffer 8450 gelten soll, findet demgegenüber in dem äußerst missverständlichen Wortlaut des § 7 Abs. 2 S. 2 zwar ihre Stütze, steht jedoch mit der in § 7 Abs. 2 S. 1 beschriebenen Leistungslegende der Ziffer 8450 nicht im Einklang und greift in unverhältnismäßiger Weise in die Berufsausübungsfreiheit des Art. 12 Abs. 1 GG ein:
Der Leistungsinhalt der Ziffer 8450 umfasst lediglich die anamnestische und diagnostische Analyse der Schmerzkrankheit sowie die Erstellung eines hierauf basierenden Therapieplans. Der Leistungsinhalt zielt damit gerade nicht auf eine kontinuierliche Betreuung und Behandlung des Patienten ab, sondern schafft einmalig die Voraussetzungen für eine qualifizierte Schmerztherapie. Die Erfordernis der fünf Arzt-Patienten-Kontakte ist damit
verhältnismäßig, geschweige denn erforderlich für eine qualifizierte Schmerztherapie.
Vertrauensschutz und Verjährung
Der Rückforderung der Vergütung für die Ziffern 8450 und 8451 über einen Zeitraum von 8–16 Quartalen hinweg stehen darüber hinaus Vertrauensschutzgesichtspunkte entgegen. Nach ständiger Rechtsprechung des Bundessozialgerichts ist das Vertrauen der Vertragsärzte auf den Bestand der Honorarbescheide zwar erheblich eingeschränkt. Danach ergehen Honorarbescheide im Vertragsarztrecht ungeachtet ihres Charakters als Verwaltungsakte aufgrund der bestehenden Systembeson-
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derheiten unter dem Vorbehalt späterer Überprüfung auf ihre Rechtmäßigkeit mithin als vorläufige Regelungen, ohne dass hierüber im Honorarbescheid belehrt werden muss. Die Möglichkeit nachträglicher Korrektur steht den KVen nach der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts grundsätzlich innerhalb einer Frist von vier Jahren nach Erlass des Quartalsabrechnungsbescheides zu. Die Möglichkeit der Aufhebung von Honorarbescheiden und von Honorarrückforderungen ist jedoch auch dann nicht uneingeschränkt zulässig. Folgende Vertrauensschutzgesichtspunkte können einer Rückforderung vorliegend entgegengehalten werden:
• Fehlender Hinweis der KVB auf das besondere Abrechnungserfordernis trotz Kenntnis der Abweichung von den übrigen Verträgen, insbesondere dem Ersatzkassenvertrag (nach unserem Kenntnisstand erfolgte der Hinweis
erst im KV-Blickpunkt/Extra/Gesamtprü-fung zu den Ab
rechnungsunterlagen des Quartals 1/04).
Mangelnde Sicherstellung ordnungsgemäßer Abrechnung durch zeitnahe Überprüfung der Abrechnung.
Regelmäßige Durchführung der EDV-ge-stützten Abrechnungsprüfung ohne Beanstandung.
Unzulässige Verzögerung durch Verlagerung der Abrechnungsprüfung der Ziffern 8450 und 8451 in die Plausibilitätsprüfung.
Zugeständnis der KVB
Über den Wortlaut des § 7 Abs. 2 S. 2 hinaus akzeptiert die KVB auch diejenigen Ansätze der Ziffer 8450, in denen zwar im Abrechnungsquartal selbst keine fünf Arzt-Patienten-Kontakte, im weiteren Verlauf des Krankheitsfalls jedoch innerhalb eines Quartals fünf Arzt-Patienten-Kontakte vorlagen. In den meisten Rückzahlungsvereinbarungen ist dieses Zugeständnis jedoch nicht berücksichtigt. Diese Ansätze sind aus Gründen des Gleichbehandlungsgrundsatzes (Art. 3 Abs. 1 GG) selbstverständlich bei jedem betroffenen Arzt von der Rückforderung abzusetzen.
Empfehlung
Bei Erhalt einer entsprechenden Rückzahlungsvereinbarung sollte folgendermaßen vorgegangen werden:
Überprüfung der Dokumentation der beanstandeten Behandlungsfälle im Hinblick auf das Vorliegen der fünf Arzt-Patienten-Kontakte (ggf. wurden tatsächlich vorhandene, aber dokumentierte Kontakte nicht abgerechnet).
Überprüfung der Dokumentation der Behandlungsfälle im Hinblick auf das Zugeständnis der KVB bei der Abrechnung der Ziffer 8450.
Mitteilung derjenigen Fälle, in denen die Leistungsvoraussetzungen tatsächlich gegeben sind (Übersendung der entsprechenden Karteikartenauszüge ist in der Regel notwendig).
• Besonderheit der Rückzahlungsvereinbarung: Wie bereits dargelegt ist die KVB nach der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts grundsätzlich nicht gehindert, Honorarbescheide
auch noch vier Jahre nach Erlass des Quartalsbescheides aufzuheben und entsprechende Rückforderungen geltend zu machen. Häufig beziehen sich die Rückzahlungsvereinbarungen jedoch lediglich auf acht Quartale. Kommt eine Rückzahlungsvereinbarung nicht zustande, ist zu besorgen, dass Rückforderungen über diese acht Quartale hinaus geltend gemacht werden. Je nach Höhe der Rückforderung ist die Annahme einer solchen Rückzahlungsvereinbarung ggf. wirtschaftlich empfehlenswerter als die Anfechtung des entsprechenden Rückforderungsbescheids. In jedem Fall sollte die Rückzahlungsvereinbarung dann jedoch eine Erledigungsklausel für sämtliche zurückliegenden Quartale enthalten.
Heike Müller, Sindelfingen
Einsatz entzündungshemmender Analgetika mit Score-Tabellen?
Ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko haben nicht nur die Cox-2-Inhibito-ren, sondern auch alle älteren NSAR. Welche Auswirkungen, Folgen und Perspektiven die Behördenentscheidungen zu Cox-2-selektiven wie nicht selektiven NSAR haben werden, beschreibt Priv.-Doz. Dr. med. Michael
Überall, Nürnberg.
l wieder – jedoch unverändert nicht
Ma
abschließend – hat sich die European Agency for the Evaluation of Medicinal Products (EMEA) zum Problem möglicher kardiovaskulärer Risiken unter Behandlung mit entzündungshemmend wirkenden Analgetika geäußert und ihr Vorgehen bzgl. der Beschränkungen des Einsatzes von Cox-2 selektiv wirkenden nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) bekräftigt (http://www.emea.eu.int/ pdfs/human/press/pr/20776605en.pdf). Erstmalig finden sich nun auch in den offiziellen Pressemitteilungen der europäischen Behörde Hinweise darauf, dass das ursprünglich ausschließlich auf Cox-2-Inhibitoren projizierte Problem unerwünschter Arzneimittelwirkungen im Bereich des Herz-Kreislauf-/Gefäßsystems wohl auch die bislang diesbezüglich eher als unproblematisch bzw. harmlos bewerteten informationen in Europa und Deutschland noch ein wenig auf sich warten lassen dürfte, stellt sich doch für den mit offenen Augen tätigen Kollegen die Frage, wie mit den aktuellen Warnhinweisen umzugehen ist und wie er sich
– sollte der Einsatz eines Antiphlogistikums rational sinnvoll und notwendig sein – über das mögliche Risikoprofil des zu behandelnden Patienten informieren bzw. orientieren kann.
Entsprechend den aktuellen Empfehlungen der EMEA vom 27. Juni 2005 sind Cox-2-selektive NSAR bei Patienten mit bekannter/ manifester koronarer Herzkrankheit sowie bei Patienten mit bekannten zerebrovaskulären Durchblutungsstörungen (z. B. nach einem Schlaganfall) oder bekannter arterieller Durchblutungsstörung kontraindizier t. Weiterhin sollte ihr Einsatz bei Patienten mit möglichen
Michael Überall, Risikofaktoren für
Nürnberg die Entwicklung
k ardiova skulä r er
K o m plik a tio n e n wie z. B. arterielle Hypertonie, Hyperlipidämie (insbesondere Hypercholesterinämie), Diabetes und Nikotinabusus vorsichtig und nach Abschätzung des individuellen Risikoprofils erfolgen (Zitat: „Reinforced warnings to healthcare professionals to exercise caution when prescribing COX-2 inhibitors to patients with risk factors for heart disease, such as hypertension, hyperlipidaemia (high cholesterol levels), diabetes and smoking“).
Individuelles Risikoprofil
Angesichts aktueller wissenschaftlicher Daten und der Entwicklungen in den USA – die mal wieder den europäischen Bemühungen Lichtjahre voraus sind – wird klar, dass diese Empfehlungen grundsätzlich sinnvoll, ihre ausschließliche Anwendung auf den Einsatz se
SCORE Risiko-Chart (Version 1)
res – wie üblich wahrscheinlich mehrere Jahre andauerndes – Verfahren zur Neubewertung der Substanzgruppe der unselektiven NSAR. Auslöser dieses Gesinnungswandels ist eine zunehmende Zahl an Publikationen, die auf der Grundlage umfangreicher und aufgrund ihrer epidemiologischen Bedeutung nur schwer zu negierenden Untersuchungen eindeutig aufzeigen, dass unabhängig vom Ausmaß der Selektivität der verfügbaren Präparate grundsätzlich der Einsatz entzündungshemmender Analgetika mit einem erhöhten Risiko kardiovaskulärer Komplikationen einhergeht (siehe
z.B. Hudson et al. BMJ 2005;330:1370–1375, Hippisley Cox & Coupland BMJ 2005;330: 1366–1372, Johnson, et al. Arch Int Med 2005; 165: 978–984).
Vorreiter USA
Konsequenterweise sind somit in den USA die Warnhinweise für alle NSAR (Cox-2-selektiv oder nicht, frei verkäuflich oder rezeptpflichtig) ergänzt und insbesondere unter Berücksichtigung aktueller Daten zum Herz-Kreislauf-/Ge-fäßsystem erweitert bzw. verschärft worden. Wenn auch eine derartige Änderung der Fach-lektiver Cox-2-Inhibitoren jedoch haltlos ist. Zu eindeutig zeigen die genannten Analysen bzgl. möglicher Risiken einer NSAR-Therapie, dass für eine rationale und mechanismenorientierte Schmerztherapie unter kardiovaskulären Gesichtspunkten primär nicht eine differenzierte Medikamentenauswahl, sondern eine differenzierte Patientenauswahl entscheidend ist. Dies hat zur Folge, dass zukünftig vor jeder Verordnung eines NSAR grundsätzlich Überlegungen zum individuellen Risikoprofil der zu behandelnden Patienten stehen müssen, deren Ergebnis nicht nur für die Art der nachfolgenden Therapie entscheidend ist, sondern auch noch entsprechend dokumentiert werden sollte.
Da grundsätzlich die Behandlung mit einem entzündungshemmend wirkenden Analgetikum nicht nur traditionell üblich, sondern auch aus mechanistischen Überlegungen heraus bei vielen Schmerzerkrankungen sinnvoll ist, stellt sich nun die Frage, wie im praktischen Alltag einerseits der Dokumentationspflicht genüge getan und das individuelle Risikoprofil eines Patienten schnell und praktikabel erfasst werden kann, ohne die ärztliche Arbeit am Patienten über Gebühr zu vernachlässigen.
Einen möglichen Ausweg aus diesem Dilemma bieten die erst jüngst im Deutschen Ärzteblatt von Keil et al. publizierten Ergebnisse zur Risikoabschätzung tödlicher Herz-Kreislauf-Erkrankungen anhand der neuen SCORE-Tabellen für die Primärprävention deutscher Patienten (Keil U., Fitzgerald A.P., Gohlke H., Wellmann, J., Hense H.-W. Risikoabschätzung tödlicher Herz-Kreislauf-Erkran-kungen: Die neuen SCORE-Deutschland-Ta-bellen für die Primärprävention. Deutsches Ärzteblatt 102, Ausgabe 25 vom 24.06.2005, Seite A-1808 / B-1526 / C-1441).
Scoretabellen nutzen
Unter Bezugnahme auf diese – über das Internet (http://medweb.uni-muenster.de/institute/ epi/forschung/score.html) auch kostenlos zu beziehenden – Tabellen zur Abschätzung des 10-Jahres-Risikos wird auf der Grundlage von vier Kernparametern (Alter, Geschlecht, Blutdruck und Cholesterinwert bzw. Gesamtcho-lesterin/HDL-Cholesterin) eine rasche Orientierung über das individuelle kardiovaskuläre Risikoprofil eines Patienten möglich (siehe Abbildungen 1 und 2).
Um z. B. das 10-Jahres-Risiko einer Person abschätzen zu können, an einer kardiovaskulären Erkrankung (einschließlich eines Schlaganfalls) zu versterben, wird zunächst das entsprechende Tabellenrechteck gemäß Geschlecht, Alter und Raucherstatus ausgewählt. Innerhalb dieses Rechtecks wird die Zelle gewählt, die am ehesten dem systolischen Blutdruck [in mmHg] und dem Cholesterinwert (Version 1) bzw. dem Verhältnis von Gesamt-Cholesterin zu HDL-Cholesterin (Version 2)
SCORE Risiko-Chart (Version 2)
des Patienten entspricht.Zusätzlich kann der Einfluss der Lebenszeitexposition durch die Risikofaktoren erfasst werden, wenn die Tabellen von unten nach oben gelesen werden. (Anmerkung: Dieses Vorgehen sollte gewählt werden, wenn z.B. jüngere Personen beraten oder bzgl. ihres Risikos evaluiert werden sollen.)
Grundsätzlich gelten Personen, die ein Risiko von 5% und darüber aufweisen oder dieses Risiko in nächster Zeit erreichen werden, als Hochrisikopersonen. Bei Ihnen sollte eine Behandlung mit entzündungshemmend wirksamen Analgetika sorgfältig nach Abwägung möglicher Vor- und Nachteile sowie ggf. nach entsprechender Dokumentation in der Karteikarte vorgenommen werden. Beachtet werden muss, dass unter folgenden Umständen das Gesamtrisiko höher sein kann als in den Tabellen angegeben, z. B.
wenn sich der betreffende Patient der nächsten Altersgruppe nähert,
bei asymptomatischen Patienten mit Hinweisen auf atherosklerotische Veränderungen
bei Personen mit ausgeprägter Familienanamnese für vorzeitige Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems,
bei Personen mit niedrigem HDL-Choleste-rin, mit erhöhten Triglyzeridspiegeln, mit gestörter Glukosetoleranz und mit erhöhten CRP-Werten, Fibrinogen, Homocystein, Apolipoprotein B oder Lp(a),
bei übergewichtigen Personen und solchen mit geringer körperlicher Aktivität.
Aktualisierte Tabellen nutzen
Diese nun für Deutschland aktualisierten Tabellen erlauben nicht nur eine Bewertung des kardiovaskulären Risikos eines Patienten vor Beginn einer Behandlung mit einem antiphlogistisch wirkenden Analgetikum, sondern erlauben eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Problem bzw. die Dokumentation des Problems einer angemessenen medikamentösen Schmerzbehandlung mit antiphlogistisch wirkenden Analgetika im praktischen Alltag. Damit eröffnet sich mit dem Instrument der SCORE-Risikocharts für den täglichen Umgang mit NSAR eine Perspektive, welche angesichts der zunehmenden Rechtsunsicherheit und Verwirrung bei der Behandlung mit entzündungshemmend wirkenden Analgetika erstaunlich konkret erscheint. Ein Instrument also, das wir zum Wohle unserer Patienten nutzen sollten.
Michael Überall, Nürnberg
30 Jahre IASP – Schmerztherapie weltweit
Die International Association for the Study of Pain (IASP) widmet sich nun seit 30 Jahren dem Thema „Schmerz“ und neben der engen Kooperation mit der WHO sind die Entwicklungsländer jetzt ein Schwerpunkt der IASP. Prof. Michael Bond, Präsident der IASP und Experte für Schmerzpsychologie, Glasgow, gibt einen aktuellen Überblick über die Ziele der Gesellschaft und die Aktivitäten der IASP.
Michael Bond, Glasgow
Was waren ihre Hauptaktivitäten in den letzten drei Jahren? Bond: Beim letzten Kongress in San Diego wurde ein Schwer punkt für die Entwicklungsländer beschlossen, da wir zwar auch hierzulande
Was erwarten Sie von dem Weltkongress in Sydney? Bond: Es ist ein internationales multiprofessionelles Treffen der Experten aus aller Welt. Teilnehmer sind Physiotherapeuten, Allgemeinmediziner, Anästhesisten, Grundlagenforscher, alle, die sich für das Thema „Schmerz“ interessieren. Eines der Hauptziele des Kongresses ist die Schmerztherapie und speziell die Ausbildung zu fördern; dies wollen wir auch insbesondere mit unseren Auffrischungskursen, die bereits am Tag vor dem Kongress stattfinden, erreichen. Auch auf dem Kongress gibt es eine Reihe von klinischen Themen, sodass wir erwarten, dass sich die klinische Ausbildung verbessert und die Fortschritte im Bereich Schmerz der Öffentlichkeit zugeführt werden. Zudem bieten wir damit ein Forum, bei dem sich die Experten weltweit treffen und ihre Erfahrungen austauschen können.
ie hat sich Ihre Gesellschaft entwi-
?W
ckelt? Bond: Die IASP begann vor 30 Jahren und wir feiern dieses Jahr die Gründung von John Bonica mit einer Festtagsbroschüre, die eine Reihe von Beiträgen enthalten wird, in welchen Bereichen sich unser Wissen seitdem bereichert hat. Wir haben zurzeit über 7000 Mitglieder und wir sind von Anfang an eine multidisziplinäre Gesellschaft gewesen, bei der Ärzte 60% der Gesellschaft stellen (davon 50% Anästhesisten). Wichtige Berufsgruppen sind Grundlagenforscher Psychologen, Schwestern und Physiotherapeuten.
Was sind die Hauptziele und Aktivitäten der IASP? Bond: Hauptziele der Gesellschaft sind das Wissen über Schmerz und die Ausbildung zu verbessern. So haben wir in unserer Gesellschaft zum Beispiel auch einen Verlagsbereich, die IASP-Presse, die jedes Jahr vier bis sechs Bücher produziert. Dabei handelt es sich um hoch spezialisierte Bücher zu den Schmerzthemen, die in anderen Verlagen nicht produziert werden könnten. Darüber hinaus gibt es viermal im Jahr einen Newsletter für unsere Mitglieder, regelmäßige klinische Updates, und der Star unter unseren Verlagsprodukten ist natürlich die renommierte Zeitschrift „Pain“ , die vor allem im Bereich der psychologischen und neurologischen Themen eine herausragende Stellung einnimmt. Darüber hinaus verfassen wir noch klinische Updates und Therapierichtlinien, die wir unseren Mitgliedern zur Verfügung stellen.
noch Lücken sehen, aber speziell in den Entwicklungsländern sind die Defizite enorm.
Wir haben daher Pilotprojekte gestartet, die derzeit in Südamerika und einigen afrikanischen Ländern laufen. Wenn diese erfolgreich sind, werden wir sie auf andere Gebiete übertragen.
Bis zum Kongressbeginn hoffen wir auch, dass wir auf unserer Webseite das neue aktualisierte Curriculum zum Schmerz präsentieren können. Wir haben auch zu Spezialgebieten wie der Schwesternausbildung, Zahnschmerzen etc. neue Curricula. Sie sehen also, dass wir eine Reihe von Aktivitäten haben. Was auch noch zu erwähnen ist, ist der Welttag gegen den Schmerz. Im letzten Jahr wurde er zusammen mit der WHO und EFIC in Genf vorgestellt. Die EFIC hat seit 2000 mit der europäischen Woche gegen den Schmerz eine Aktion gestartet, bei dem das Thema einer breiten Öffentlichkeit und den Verantwortlichen in den Regierungen zu Bewusstsein gebracht werden soll. Der weltweite Tag gegen den Schmerz ist aus dieser Idee hervorgegangen und wird jetzt von der IASP weltweit durchgeführt.
Des Weiteren ist die Schmerzforschung nach wie vor ein Schwerpunkt, die in der Zeitschrift „Pain“ auch publiziert wird. Mit internationalen Stipendien und Austauschstipendien für ein Jahr fördern wir die internationale Zusammenarbeit im Bereich der Schmerzforschung. Ein neues Austauschprogramm zwischen Dänemark und den USA wurde in San Diego gestartet und wird unter dem neuen dänischen Präsidenten der IASP weiter intensiviert werden.
Nach wie vor versuchen wir die Schmerztherapie durch unsere Richtlinien und Guidelines zu verbessern. Auch regional versuchen wir die Kooperationen in den verschiedenen Regionen zu fördern, wie dies z.B. mit der EFIC für Europa gut gelungen ist. Dies ist ein Zusammenschluss der europäischen Chap-
Sydney Convention Centre.
Sydney Convention and Exhibition Centre
ters. Eine ähnliche Vereinigung wurde in Lateinamerika gegründet und ist für Südostasien und die afrikanischen Länder geplant.
Des Weiteren arbeiten wir intensiv mit der WHO zusammen, bei einem Programm zum Krebsschmerz und zu AIDS. Ein weiteres Programm mit der WHO betrifft Schmerzen bei allen Formen von neurologischen Grunderkrankungen.
Was fehlt Ihnen derzeit noch im Bereich Schmerz? Bond: Nach wie vor ist die Schmerztherapie nicht optimal und nach wie vor fehlt uns die Zauberdroge gegen den Schmerz. Da Schmerz ein so komplexes Phänomen ist, gibt es das Wundermittel dagegen wohl nicht. Bei den Antiepileptika haben wir eine Reihe von Fortschritten im Bereich der neuropathischen Schmerzen. Nach wie vor bereiten uns aber die Nebenwirkungen der NSAR speziell bei
Älteren Sorgen. In anderen Bereichen haben wir technische Fortschritte gemacht, z.B. bei der Spinal Cord Stimulation. Diese Technik ist weit erfolgreicher als die frühere Zerstörung des Rückenmarks.
Auch bei den nicht medikamentösen Therapien wie Hypnose, Akupunktur und TENS haben wir neue Erkenntnisse in der Grundlagenforschung. Akupunktur und TENS beeinflussen das Rückenmark und das ZNS. Auch die Hypnose bewirkt Veränderungen im ZNS und schneidet dort die sensorische und emotionale Komponente des Schmerzes ab.
Wir haben in den Kliniken im Bereich der postoperativen Schmerzen und auch im Bereich der Palliativmedizin viel erreicht. In England sehen wir auch Defizite bei der Schmerztherapie im ambulanten Bereich nach ambulanten Operationen.
Ein anderer Bereich ist nach wie vor die Ausbildung weltweit. Schmerz sollte Bestandteil der medizinischen Grundausbildung sein
– nicht nur in Deutschland. Dies ist bislang nicht erreicht. Daher ist auch die Schmerztherapie beim Allgemeinarzt oft nicht gut und die Patienten werden viel zu spät an Spezialisten überwiesen. Hier ist noch viel zu tun. In Großbritannien haben wir gerade ein längst überfälliges Fortbildungsprogramm dazu gestartet.
Nach wie vor unterversorgt sind aber Ältere und auch Kinder. Bei den Älteren haben wir auch ein kulturelles Verständnisproblem, viele glauben immer noch, Schmerzen gehören zum Alter. Hier könnten wir weit mehr tun. Für diese beiden Gruppen haben wir spezielle Arbeitsgruppen gestartet; die Kinder sind auch das Thema des Weltschmerztages im Oktober 2005. Dazu bereiten wir bereits ein aktuelles Tatsachenpapier vor, in dem die Fakten dazu bereitgestellt werden.
Vielen Dank für das Gespräch!
11. Weltschmerzkongress in Sydney
Vom 21.–26. August dreht sich im Sydney Convention and Exhibition Center alles um das Thema „Schmerz“. Zum Weltkongress der IASP sind sämtliche Fachdisziplinen der Medizin, die sich mit den multifaktoriellen und interdisziplinären Schmerzsyndromen beschäftigen, herzlich eingeladen: Grundlagenforscher, Ärzte, Psychologen, Zahnärzte, Krankenschwestern, Physiotherapeuten, Pharmakologen, Beschäftigungstherapeuten und alle Fachdisziplinen, die sich mit akuten und chronischen Schmerzen befassen – von der Anästhesie über die Neurochirurgie, Neurologie, Orthopädie, innere Medizin, Pädiatrie bis zur Palliativmedizin.
So vielfältig wie das Angebot im Victoria Centre ist das Kongressprogramm.
chronischen Schmerzen und Krebsschmerzen. Die Teilnahme hochkarätiger Schmerzexperten aus aller Welt und die Vorbereitungsdauer von fast zweieinhalb Jahren versprechen wieder einen Kongress der Superlative in der Schmerzforschung.
Kongresslogo
Der diesjährige Tagungsort Sydney ist berühmt für seine moderne Oper, deren Muschelformen im Kongresslogo auftauchen. Diese Wel
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it 6744 Mitgliedern aus 107 Ländern ist die International Association for the Study of Pain (IASP) die größte Gesellschaft, die sich dem Schmerz widmet. In dem vielseitigen Programm wird jeder Aspekt des akuten und chronischen Schmerzes von seinen molekularen Grundlagen bis zur klinischen Praxis
Ausführliche Informationen zum Kongress finden Sie im Internet: www. iasp-pain.org und E-Mail iaspdesk@juno.com
Kongresssekretariat:
th World Congress on Pain
Tour Hosts pty Limited
GPO Box 128
Sydney NSW Australia 2001
Tel.: 61-2-9248-0800
Fax: 61-2-9248-0894
E-Mail: iasp2005@tourhosts.com.au
SCHMERZTHERAPIE Nr. 3/2005 (21. Jg.)
Foto: Uwe Junker
ausführlich diskutiert und die neuesten Daten aus Klinik und Forschung weltweit vorgestellt. Zu diesem alle drei Jahre stattfindenden Großereignis werden zwischen 3500 und 4000 Teilnehmer erwartet.
Ziele und Themen
Sinn und Zweck der Tagung ist es, die internationalen und nationalen Forschungsergebnisse für alle Interessierten zugänglich und nutzbar zu machen. Anfängern soll damit der Einstieg in die Schmerzforschung erleichtert werden. Für die Experten dient der Erfahrungsaustausch dazu, ihre eigenen Fähigkeiten auf den aktuellen Stand zu bringen und aussichtsreiche neue Therapiemodalitäten und Forschungsergebnisse kennen zu lernen. Das wissenschaftliche Programm gibt einen Überblick über den „State of the Art“ bei akuten, len erinnern auch an die Gyri des ZNS. Im Himmel stehen die fünf Sterne des Südkreuzes, die auch die australische Flagge kennzeichnen. Da diese Sterne auch an den Schmerz als fünftes Vitalzeichen erinnern, soll dieses Kongresslogo die Teilnehmer dazu inspirieren, die Geheimnisse des Schmerzes weiter zu entschlüsseln.
Praxisnahe Refresherkurse
Wie beim letzten Meeting 2002 in San Diego können die Kongressteilnehmer bereits den ersten Anreisetag am Sonntag für intensive dreistündige Refresherkurse jeweils vormittags von 9:00 bis 12:30 Uhr oder nachmittags von 13:30 bis 17:00 Uhr nutzen.
An Themen werden vormittags parallel dort angeboten: Grundlagenforschung, klinische Pharmakologie, zentrale Verarbeitung des Schmerzes, Rückenschmerz, psychologische Evaluation und Therapie, neuropathischer Schmerz, interventionelle Therapien sowie Palliativmedizin.
Nachmittags laufen dann parallel die Refresherkurse zu den folgenden Themen: molekulare und zelluläre Neurobiologie des chronischen Schmerzes, Grundlagen der Genforschung, Design und Analyse der klinischen Studien für Schmerztherapien, akuter Schmerz bei Erwachsenen und Kindern, CRPS-Syndrome, Arbeitsunfähigkeit und Rehabilitation bei Schmerzkranken, muskuloskelettale Schmerzen und Spinalanalgesie, Pharmakologie und klinische Anwendungen.
Sydney Convention and Exhibition Centre
Skyline von Sydney.
Plenarsitzungen ab Montag
Die Podiumsvorträge starten am Montag mit der Eröffnungsrede des Kongresspräsidenten Prof. Michael Bond, einem Exper ten der Schmerzpsychologie, und einem Vortrag von Prof. Cliffard Woolf, Harvard University, USA, über die Neuroplastizität, gefolgt von einem Vortrag von Prof. Rolf-Detlef Treede, Mainz, zum Schmerzgedächtnis und der zentralen Sensibilisierung. Am Dienstag folgen Themen wie die Neuroplastizität am Hinterhorn von Prof. Michael Salter, Toronto, Hypervigilanz und Aufmerksamkeit – Schmerzpsychologie von Geert Crombez, Gent, Belgien, und Geschichten und Gemeinschaft und deren Bedeutung für den Schmerz von Prof. Rita Charon, New York. Das dorsale Rückenmark und der viszerale Schmerz steht im Mittelpunkt der John-Bonica-Gedächtnis-Lesung von Prof. William D. Willis am Mittwoch und Opioide und ihr Stellenwert für die Analgesie sind das Thema von Howard Fields, San Francisco, sowie die Schmerzen nach Rückenmarksläsionen im Vortrag von Philip J. Siddall, Sydney.
Am Donnerstag werden die viszeralen Schmerzwege von Prof. Gerald F. Gebhart aus Iowa City, USA, erläutert und Prof. James C. Eisenach, Winston Salem, NC, USA, beschreibt die Physiologie und Therapie von Unterleibsschmerzen. Karen D. Davis, Toronto, stellt die Fortschritte der Bild gebenden Diagnostik von Schmerzen vor. Freitag früh stehen mit Themen wie Ionenkanäle – Fortschritte und klinische Bedeutung von Michael S. Gold, Maryland, USA, Schmerzen und neuroplastische Veränderungen von Prof. Koichi Noguchi, Hyogo, Japan, sowie die Epidemiologie – Wer und warum entwickeln sich chronische Schmerzen? von Gary
J. Macfarlane, Manchester, UK, weitere interessante Referate zur Diskussion.
Spezielle Themen
Nachmittags gibt es jeweils von 15:00 bis 15: 30 Uhr täglich eine Special Lecture zu bestimmten Schwerpunkten: Geschlecht und chronischer Schmerz ist das Montagsthema, das Dr. Linda Leresche, Washington, präsentiert. Dienstags widmet sich Prof. Stephen P. Hunt, London, der Neurobiologie der zentralen Schmerzverarbeitung. Am Mittwoch präsentiert die Kanadierin Bonnie Stevens aus Toronto das Thema „Schmerzmessung bei schwierigen Patienten (Neugeborenen, Kleinkindern, kognitiv eingeschränkten, Bewusstseinseingeschränkten und Älteren)“. Am Donnerstag stellt sich der neue IASP-Präsident Troels S. Jensen, Aarhus, Dänemark, mit einer Sondervorlesung vor. In der letzten Vorlesung gibt Prof.
Foto: Uwe Junker
Peter Goadsby einen Überblick über die Bedeutung der primären Kopfschmerzen und
Das Wahrzeichen von Sydney: Opera House bei Nacht.
deren Neurobiologie.
Workshops von Sonntag bis Donnerstag
Über die gesamte Kongresswoche laufen Workshops jeweils von 10:30 bis 12:00 Uhr vormittags und 16:00 bis 17:30 Uhr nachmittags. Der breite Bogen der Themen spannt sich darin von der Grundlagenforschung bis zu allen klinischen Themen: Krebstherapie, Cannabinoide, Schmerzrezeptoren, Gelenkschmerzen, Schmerzmessung in Entwicklungsländern, kognitive Therapieprogramme, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, postoperativer Schmerz, Rehabilitation.
Poster pro Tag
Wer bei der Fülle von Vorträgen noch aufnahmefähig ist, kann auch die Mittags-und Kaffeepausen zum Begehen der Postersitzungen
Blick vom Convention Centre auf Sydney.
SCHMERZTHERAPIE Nr. 3/2005 (21. Jg.)
nutzen. Mit mehreren 1000 Exponaten finden sich auch dort zu jedem Thema der Schmerzforschung und Klinik ein umfassendes Angebot und viel Diskussionsstoff für die Pausen.
Satellitensymposien
Zahlreiche Satellitensymposien finden am Rande des Weltkongresses statt. Bereits vor der Kongresswoche findet in Cairns zum Thema „Schmerz, Bewusstsein und Bewegung“ unter der Leitung von Prof. Maureen Simmonds, Southhampton, UK, ein Symposium vom 17.–19. August statt. In Adelaide wird das Thema „Viszeralschmerz“ unter Leitung von Prof. G. Gebhart, Iowa, USA, vom 17.–19. August diskutiert. In Uluru findet parallel dazu vom 17.–20. August eine Tagung über neue Erkenntnisse zu Neuropathien statt, während in Sydney bereits vom 18.-19. August die Experten über „Schmerz und Partnerschaft: Patienten, Ärzte und Schmerztherapie“ unter Leitung von Prof. Irena Madgar diskutieren.
Auch nach dem Kongress können Unermüdliche noch an einigen weiteren Satellitensymposien zu Themen wie „Orofazialer Schmerz“ vom 27.–28. August in Sydney, dem Treffen der Westlichen und fernöstlichen Schmerzexperten in Hongkong, 27.–28. August, oder vom 28.–30. August dem Symposium „Rückenmarksverletzungen, Schmerz und autonome Regulation“, unter Leitung von Prof. Wilfrid Jänig, Kiel, in Randwick/Sydney teilnehmen.
Wer sich vor Ort über einen Überblick über die pharmazeutischen Innovationen verschaffen will, kann dies auf den Kongress begleitenden Firmensymposien jeweils in den Abendstunden ab 18:00 Uhr tun.
Impressionen um Sydney
Nicht zu verachten sind auch die Angebote des Rahmenprogramms. Sydney, die älteste und schönste Stadt des fünften Kontinents, strahlt eine wunderbare Leichtigkeit aus. Schon beim Anflug zeigt sich die traumhafte Lage der Olympiametropole 2000 mit über 60 Buchten und 300 Kilometer Küste mit Stränden, die manche Mittelmeerinsel vor Neid erblassen ließen. Bevölkert oder eher einsam, mit Felsen oder Dünen, mit viel oder wenig Wellen – in Sydneys Umgebung kann sich jeder seinen ganz persönlichen Traumstrand aussuchen. Sehenswertes gibt es aber auch reichlich in der Stadt selbst: Neben dem berühmten Opernhaus, dessen Dachkonstruktion an Nonnenhauben erinnert, ist die Harbour Bridge ein weiteres Wahrzeichen der Stadt. „Old Coathanger“, alter Kleiderbügel, wird diese 1932 aus 53 000 Tonnen Stahl errichtete Brücke von den Einheimischen genannt.
StK
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Sydney Convention and Exhibition Centre
Australien – für Schmerzspezialisten ein idealer Standort
Zufriedenheit mit den Verantwortlichen im Gesundheitssystem und ein hoher Stellenwert des Themas „Schmerz“, kennzeichnen die Situation im fünften Kontinent. Die erforderlichen Reglementierungen für Opioide sind nach den klinischen Bedürfnissen gestellt, eine Fakultät für Schmerz und Algesiologie als eigenständiger Facharztbereich sind kurz vor der Einführung. Einen Überblick über die Situation in Australien und die Innovationen im Bereich der Pharmakotherapie gibt Prof. Geoffrey Gourlay, Adelaide, vom Local Arrangement Committee World Congress IASP und Experte im Bereich Pharmakotherapie mit Opioiden.
Was erwarten Sie sich als Gastgeber uns, dass Australien bereits zum zweiten Mal vom Weltkongress in Sydney? der Austragungsort des Weltkongresses ist. Gourlay: Wir sind hoch erfreut über das Echo Ich denke, dass es uns gelungen ist, eine orunseres Kongresses. Wir haben bereits über dentliche Schmerztherapie in allen australi1830 Poster, 16 Auffrischkurse und 84 The-schen Bezirken einzuführen, und dies kommt menworkshops, die sich über das gesamte der australischen Gesellschaft, die ja die Fi-Spektrum von der Grundlagenforschung bis nanzen dafür stellen muss, insgesamt zuhin zu Diagnose und Therapie erstrecken. Das gute. wissenschaftliche Programm wurde unter der Leitung von Prof. Herta Flor ausgearbeitet. ?Wird Schmerz als Forschungsgebietin
Australien geschätzt? ie ist die Entwicklung des australi-Gourlay: Wir sind hier sehr zufrieden mit der
?W
schen Chapters der IASP? Situation. Wir haben an den Universitäten Gourlay: Wir sind etwa 600 bis 700 Mitglieder, eine Fakultät für Schmerzmedizin und auch bei einer Bevölkerungszahl von 20 Millionen eine eigene Prüfung in Schmerzmedizin. Wir Australiern. Diese Organisation wurde kurz sind auch gerade dabei, den Facharzt für nach Beginn der IASP 1976 gegründet. Wir Schmerzmedizin einzuführen, sodass wir sind eine sehr aktive Organisation und freuen hoffentlich bald genügend erkennbare Exper
ten für diese Probleme haben. Soweit ich weiß, ist die Situation dies be z üglich in Deutschland weit weniger befriedigend, dort wurde sogar im Bereich der A u s bild u n g ein Schritt zurückgemacht, da Schmerz nicht mehr obligatorischer Bestandteil der ärztlichen Prüfungen ist.
Was gibt es im
Bereich Opioide an neuen Entwicklungen?
Südaustralien mit seiner gemütlichen, viktorianisch anmutenden Metropole Adelaide ist der Ausgangspunkt zum Besuch des Tier-Gourlay: Ich denke, paradieses Kangaroo Island mit seiner einzigartigen Tier-und dass es unrealistisch Pflanzenwelt mit Pinguinen, Robben, Emus, Seelöwen, Koalas und ist auf eine „Wundernatürlich Känguruhs. droge gegen Schmer-
Foto: Uwe Junker
zen" zu hoffen. Wesentlich realistischer ist es, wenn wir lernen, die jetzt vorhandenen Schmerzmittel kunstgerecht einzusetzen. Kleinere Fortschritte gibt es hier ständig über neue Formu-
Prof. Geoffrey Gour- lierungen und wei
lay, Adelaide tere Darreichungsformen.
Was sind bislang die Hemmnisse beim Einsatz von Opioiden? Gourlay: In den letzten 20 Jahren war die Hauptdiskussion, inwieweit Opioide sich auch für die Therapie nicht maligner Schmerzen eignen. Jetzt sind wir endlich soweit, dass wir akzeptieren, dass es auch bei nicht malignen Erkrankungen eine Reihe von Patienten gibt, die von Opioiden profitieren. Vorsicht ist allerdings nach wie vor bei Patienten mit komplizierter psychosozialer Anamnese geboten, da diese oft sehr schnell die Dosis erhöhen. Gerade diese Patienten neigen dazu, sich die Opioide dann von verschiedenen Ärzten verordnen zu lassen, das sog. „Doctor hopping“ zu betreiben. Hier müssen die Ärzte zusammenarbeiten. Die Schmerzkliniken alleine können derartige Problempatienten nicht erfolgreich behandeln.
Um diese Probleme besser zu lösen, haben wir zum Beispiel hier in der Region um Adelaide eine Kooperation mit den Allgemeinärzten und der Schmerzklinik begründet, bei der die Allgemeinärzte für einige Tage in unserer Schmerzklinik hospitieren können (einen Tag pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten). Wir zeigen ihnen dann, wie wir mit schwierigen Schmerzfällen umgehen und danach können diese besser ausgebildeten Allgemeinärzte unsere Arbeit im Lande stärker unterstützen. Ich denke, dass eine gute Ausbildung der Schlüssel zu einer erfolgreichen Therapie ist.
Insgesamt beurteile ich die Entwicklung hierzulande aber sehr positiv. Früher waren Probleme wie Abhängigkeit, Opioidtoleranz und Sucht die diskutierten Themen, dieses Jahr in Sydney stehen aber andere Probleme im Langzeitgebrauch wie Sexualstörungen (vor allem bei Männern) oder Körpergewichtszunahme im Vordergrund. Nach wie vor ist aber die Auswahl der geeigneten Substanz für die individuellen Patienten in der richtigen Dosis entscheidend und, dass es uns gelingt, die Patienten wieder sozial zu integrieren und arbeitsfähig zu machen.
ind die genannten Nebenwirkungen
?S
wie Gewichtszunahme und Sexualstörungen substanzspezifisch? Gourlay: Zu diesen Themen haben wir einige Poster in Sydney, die das Problem hauptsächlich für Morphin beschreiben. Aber ich denke, dass es vermutlich ein allgemeines Problem der Opioide darstellt und wir derzeit einfach die größten Erfahrungen mit Morphin haben.
In Deutschland werden Opioide aufgrund der strengen Reglementierungen immer noch zu zögerlich eingesetzt. Wie beurteilen Sie die Situation in Australien? Gourlay: Für uns stellt dies kein Problem dar. Es ist einfach vernünftig, Opioide aufgrund ihres Missbrauchpotenzials gesetzlich zu regeln. Wir müssen nur sicherstellen, dass diese Einschränkungen verständlich sind und die Ärzte nicht behindern. In Australien haben wir eine sehr enge und gute Kooperation mit den Gesundheitsbehörden, die uns in unserer Arbeit voll unterstützen. Für uns in den Schmerzkliniken stellt sich dies überhaupt nicht als Problem dar, höchstens ein paar niedergelassene Ärzte haben hier vielleicht Probleme.
Welche Applikationswege sind wichtig und gibt es hier Innovationen? Gourlay: Nach wie vor ist die orale Applikation der retardierten Opioide die Methode der Wahl, und wir sind glücklich, dass wir heute
eine Palette von Substanzen wie Morphin, Hydromorphon und Oxycodon zur Auswahl haben. Wir setzen auch das Methadon gerne ein, obwohl es in Hinsicht auf Interaktionen weit problematischer ist, da es aufgrund seiner breiteren Aktivität auch als NMDA-Antagonist vielseitig wirkt und es auch in D- und L-Form vorliegt. Das transdermale Fentanyl und das Buprenorphin haben das Problem der langsamen Absorption.
Dazu gibt es in Sydney erste Berichte über eine iontophoretische Formulierung des Fentanyls und des Morphins, das die Absorption durch die Haut
Wir Kliniker brauchen eine möglichst große Auswahl und wir haben immer wieder Patienten, wo wir die Opioide wechseln müssen und wir oft nicht verstehen, warum eine Substanz in diesem Einzelfall versagt hat. Je größer die Auswahl ist, desto mehr Patienten können wir helfen, aber umso wichtiger wird auch wieder die gute Ausbildung. Denn noch immer sehen wir eine Reihe von Patienten, bei denen es viel zu lange dauert, bis sie adäquat diagnostiziert und behandelt werden.
Vielen Dank für das Gespräch!
stark beschleunigt und verbessert. Diese neue D a r r eic h u n g sfo r m wird als topische PCA bezeichnet und damit hoffen wir die alten Nachteile der transdermalen Systeme zu beseitigen.
Eine weitere interessante Entwicklung ist das liposomale Morphin, das in Sydney für die epiduralen Applikationssysteme vorgestellt wird. Bis jetzt habe ich nur die Abstracts dazu gelesen und ich bin gespannt auf die Vorträge dazu. Selten: Ein Koala am Boden, Kangaroo Island.
Foto: Uwe Junker
Deutscher Schmerzpreis 2006 ausgeschrieben Deutscher Förderpreis für Schmerzforschung und Schmerztherapie
ie Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e.V., Trägerin des Deutschen Schmerzpreises, verleiht seit 1986 in regelmäßiger Folge zusammen mit der Deutschen Schmerzliga e. V. jährlich den Deutschen Schmerzpreis – Deutscher Förderpreis für Schmerzforschung und Schmerztherapie. Mit ihm werden Persönlichkeiten ausgezeichnet, die sich durch wissenschaftliche Arbeiten über Diagnostik und Therapie akuter und chronischer Schmerzzustände verdient gemacht oder die durch ihre Arbeit oder ihr öffentliches Wirken entscheidend zum Verständnis des Problemkreises Schmerz und der davon betroffenen Patienten beigetragen haben. Verliehen wird der Deutsche Schmerzpreis im Rahmen des Deutschen Schmerztages 2006 in Frankfurt/Main. Er wird von der Firma Mundipharma Vertriebsgesellschaft mbH u. Co. KG, Limburg, gestiftet und ist mit 10.000 Euro dotiert.
Nominierungen und Bewerbungen müssen bis zum 31. Oktober 2005 bei der Geschäftsstelle eingereicht werden: Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie
e. V. Adenauerallee 18, 61440 Oberursel
Die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e. V. ist die größte europäische Schmerzfachgesellschaft. Ihr Ziel ist die Förderung der Algesiologie als der Wissenschaft vom Schmerz, die Verbesserung der schmerztherapeutischen Versorgung, die Fort-und Weiterbildung sowie die Gründung interdisziplinärer schmerztherapeutischer Kolloquien.
Die Deutsche Schmerzliga e. V. ist die Interessenvertretung der Schmerzpatienten. Ihr Ziel ist eine bessere Lebensqualität für Menschen mit chronischem Schmerz durch eine qualifizierte Versorgung. Sie vermittelt Informationen über den chronischen Schmerz sowie über dessen Diagnostik und Therapie und unterstützt die Bildung von Selbsthilfegruppen. In der Öffentlichkeit setzt sich die Deutsche Schmerzliga für die Anliegen der Schmerzpatienten ein.
Schmerz – ein dynamisches Geschehen
Schmerzsyndrome sind auch im Zeitalter von Kernspin-und Computertomographien oft schwer zu enträtseln. Das alte Kausalitätsprinzip ist in der Algesiologie überholt. Die Dynamik des biopsychosozialen Phänomens „Schmerz“ gibt aber dennoch auch Anlass zu Optimismus, erläutert Priv.-Doz. Dr. med. Roland Wörz, Bad Schönborn.
Wenn ein Schmerzpatient den Arzt aufsucht, so will er doch in erster Linie Linderung, während die Verursachung für ihn unwichtig ist. Oder geht es bei dem Thema der Kausalität nur um Probleme bei der Begutachtung? Wörz: Die angemessene, differenzier te Schmerztherapie beruht auf der Bildung einer diagnostischen Vorstellung. Ätiologie, Pathogenese und Symptomatik eines Schmerzsyndroms werden über Informationen aus Anamnese, Schmerzanalyse und Befund erhoben, manchmal ist eine Zusatzdiagnostik erforderlich, bei komplexen Schmerzzuständen die interdisziplinäre Abklärung. Schmerzpatient mit MRT-Befunden kommt und vor den Beschwerden seine Diagnose „Bandscheibenvorfall“ präsentiert, bedeutet das überhaupt nicht, dass die Ursache von Beschwerden schon klar sei, im Gegenteil: Gerade bei Überbetonung dieser Verfahren ist die sorgfältige Erhebung von Anamnese und Schmerzanalyse mit klinischer Diagnostik erforderlich, sowohl bei Nacken-als auch bei Rücken- und bei Gelenkschmerzen.
Sie können auch die manuelle Diagnostik keinesfalls ersetzen, da akute, rezidivierende und chronische Schmerzen meistens etwas Dynamisches und nichts Festes oder Star
res sind. Für alle Bild gebenden
Bei monokausal verursach-
Verfahren haben Studien in den ten Schmerzen sind die Zusam
letzten Jahrzehnten gezeigt, dass menhänge klar, wenn sich an eine
einerseits abnorme morphologi-Schädigung oder Erkrankung un
sche Befunde ohne Beschwerden verzüglich ein dazu passendes
vorliegen können und auf der an-Schmerzerlebnis anschließt. Aber
deren Seite Beschwerden ohne schon bei HWS-Distorsionen
abnorme Befunde. Gewebeschäsind die Verhältnisse schwieriger,
digungen und Organveränderunwenn die Beschwerden zeitlich
gen sind keinesfalls hinreichende verzögert auftreten und sich Begehrenshaltung, Schadenser-Roland Wörz, satzforderungen, bei Wegeunfäl-Bad Schönborn Bedingungen für Schmerz und auch keine notwendigen. Im aktuell gültigen Klassifikationssystem
len berufsgenossenschaftliche Streitfälle anschließen. Zur naturwissenschaftlichen Erklärung mit der Vergangenheitsorientierung tritt dann die zweckgerichtete Kausalität mit dem Zukunftsbezug. Die Methodik des Gutachters besteht nicht nur im Zurückführen auf die Verursachung, sondern auch im eindenkenden und einfühlenden Verstehen.
In der kurativen Medizin ist die Herstellung der Ursache-Wirkungs-Beziehung oft entscheidend für die richtige Behandlung, beispielsweise bei Einklemmungsneuropathien wie Karpaltunnelsyndrom, Supinator-logen-Syndrom oder Meralgia paraesthetica. Die unzureichende Abklärung führt leicht zu Fehlbehandlungen.
ind diese Probleme nicht durch die
?S
modernen Röntgen-, CT-und MRT-Untersuchungen gelöst worden? Wörz: Diese diagnostischen Instrumente sind Hilfen, doch können sie keinesfalls das kritische Denken ersetzen, im Gegenteil: Wenn ein
ICD-10 wurde das in der Diagnose „anhaltende somatoforme Schmerzstörung“ und im DSM-III-System der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft in der Bezeichnung „psychogene Schmerzstörung“ sozusagen amtlich bescheinigt.
ilt das Kausalitätsprinzip überhaupt
?G
bei diesen Schmerzzuständen?
Wörz: Das aus der griechischen Antike bis ins
19. Jahrhundert als gültig angesehene strenge Kausalitätsprinzip, wobei die Ursache A stets das Ereignis B mit Notwendigkeit hervorbringe, dass aus der Folge B die Ursache A ersichtlich sei, gilt nicht mehr.Im 20. Jahrhundert haben Quantenmechanik und Chaostheorie weitere Beweise für die nur eng begrenzte Gültigkeit der strengen Ursache-Wirkungs-Bezie-hung erbracht.
Heisenbergs Erkenntnisse beinhalten, dass wegen des Unschärfeprinzips nicht nur Ereignisse der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart nicht genau bestimmt werden können, sodass wir mit einer gewissen Unsicherheit leben müssen. Bezüglich der Erlebniszusammenhänge gelten ebenfalls nur statistische Gesetzlichkeiten.
Über statistische Erhebungen allein ist eine hinreichende Kausalität nicht erschließbar, vielmehr müssen zusätzliche Studien unter experimentellen Bedingungen erfolgen, möglichst viele Wiederholungen, unter Verwendung von Kontrollkohorten. Die Variation der Bedingungen bei prospektivem Vorgehen erbringt kausal verwertbare Informationen, wenngleich keine absolute Sicherheit. Auf dem Gebiet der Schmerzdiagnostik dienen Funktionsprüfungen, speziell manualtherapeutische Manöver mit Wiederholungen der Erkennung von Ursache-Wirkungs-Beziehungen, im Bereich der Pharmakotherapie Auslass- und Expositionsverfahren.
ilt die Ursache-Wirkungs-Beziehung
?G
noch für akute Schmerzen und für chronische nicht mehr? Wörz: Eine prinzipielle Schwierigkeit beim Schmerz ist, dass die Entität der Verursachung, also eine mechanische, thermische oder entzündliche Schädigung, ganz verschieden von dem möglichen Ergebnis ist, nämlich dem Bewusstseinsinhalt Schmerz. Dies setzt selbstverständlich einen bewusstseinsfähigen Träger voraus. Bekanntlich spielen beim menschlichen Organismus die erbliche oder erworbene Bereitschaft, Erlebnisse in der Biografie, mögliche somatische oder psychosoziale Schädigungen in Vorgeschichte, Kondi-tionierungen, Lernprozesse über Nachahmung, Verarbeitungs-und Bewältigungsprozesse eine große Rolle.
Insgesamt müssten wir bei akuten, bei rezidivierenden und speziell bei chronischen Schmerzzuständen meist mit Wahrscheinlichkeitsbeziehungen zwischen Ursache und Wirkung auskommen. In diesem Zusammenhang wurden Beweise vorgelegt, dass selbst bei massiven Schädigungen, die zu einem Querschnittsyndrom führen nur etwa zwei Drittel der Betroffenen von anhaltenden Schmerzen oder unangenehmen Missempfindungen betroffen sind, ein Drittel nicht und auch bei Krebserkrankungen im fortgeschrittenen Stadium sind „nur“ 70–80% von substanziellem Schmerz betroffen, der Rest jedoch nicht. Damit nach einer Schädigung oder bei einer organischen oder psychischen Erkrankung Schmerzen auftreten, müssen also zusätzliche Dispositionen vorliegen oder weitere Prozesse hinzutreten.
it welchen Krankheitsmodellen las-
?M
sen sich diese Krankheitsbilder heute besser erklären? Wörz: Schon sehr lange ist in mehreren medizinischen Gebieten klar geworden, dass über das Modell „Krankheitsursache – spezifische Pathogenese – entsprechende Symptomatik und gezielte Therapie“ nur ein Teil der Probleme lösbar ist.
Im 19. Jahrhundert haben Psychiater gedanklich das mehrdimensionale Vorgehen entwickelt. Ich habe diese Konzeption 1975 für Diagnostik und Behandlung chronischer Schmerzpatienten vorgeschlagen. Damals wurde in verschiedenen Ländern in Europa und in den USA das biopsychosoziale Modell eingeführt. Gegenwärtig scheint es bei komplexen, anhaltenden Schmerzsyndromen besser geeignet als die lineare Ursache-Wir-kungs-Beziehung.
Bei problematischen Schmerzsyndromen müssen wir wohl von einfachen Vorstellungen Abschied nehmen: Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen gibt es fast keine Schmerzkrankheiten, bei denen irgendein Medikament zuverlässig hilft, auch nicht Morphin. Das bedeutet auch, dass wir bei prognostischen Aussagen bescheiden werden sollten, für unsere Patienten Zeit brauchen, die Ergebnisse immer kritisch evaluieren und möglichst dokumentieren sollten. Bei chronischen Verläufen müssen sich Kontrollen anschließen, bei denen nicht nur Fragen des Schmerzes, sondern auch die damit verbundenen Beeinträchtigungen, das Funktionieren des Patienten in Beruf und Gesellschaft zu erheben sind. Erfreulich ist daran aber, dass die Verläufe vielfach eine erhebliche Dynamik erkennen lassen und dass sich chronische Schmerzzustände fasst immer bessern lassen, bei manchen Betroffenen sogar ganz abklingen, was noch vor 10–20 Jahren als unwahrscheinlich galt. Das ist Anlass für Optimismus!
Wir danken für das Gespräch!
Aufruf zur systematischen Schmerzerfassung
Pflegebedürftige und ältere Menschen sind besonders gefährdet, durch von Pflegenden, Ärzten und anderen Thera- Schmerzen, speziell des Bewegungsapparates und den damit verbundenen peuten sind. Einschränkungen der Mobilität, ihre Selbstständigkeit und soziale Teil-Auch bei Pflegebedürftigen ist die anal
habe einzubüßen. Sie haben einen ethischen Anspruch und ein Recht auf Schmerzerleichterung. Vor einer angemessenen Behandlung steht aber die Erfassung des Schmerzproblems. Da die Pflegenden mehr Kontakte mit den Hilfebedürftigen haben, ihnen also näher stehen, sollte die systematische Evaluation und Dokumentation durch sie zum Standard werden.
ur
Erkennung akuter, rezidivierender,
chronischer und pflegeabhängiger Schmerzen haben sich vier Erhebungszeitpunkte bewährt: nämlich morgens, mittags, abends und zur Nacht/beim Zubettgehen.
Wenn bei leichten kognitiven Funktionsminderungen Fragen zum Schmerzerleben beantwortet werden können, besteht kein Grund, an deren Gültigkeit zu zweifeln. Bei fortgeschrittener Demenz oder anderen Beeinträchtigungen muss auf die Beobachtung von nicht sprachlichem oder paraverbalem Schmerzverhalten zurückgegriffen werden. Nach Schulung der Pflegenden können bei geringem Zeitaufwand einfache Skalen in die Routinearbeit integriert werden.
Die Verbalskala mit den Graduierungen 0 = kein Schmerz, 1 = leichter, 2 = mäßiger, 3 = starker, 4 = sehr starker und 5 = unerträglicher Schmerz ist bei kognitiver Beeinträchtigung am ehesten brauchbar. Auch die nummerische Ratingskala (NRS) von 0 = schmerzfrei bis 10 = unerträglicher Schmerz liefert oft brauchbare Ergebnisse.
Wenn Eigenangaben der Betroffenen möglich sind, kommt ihnen Priorität zu. Ist ihre Erhebung nicht möglich, sollte das Schmerz-
Archiv
verhalten vorerst durch die Pflegenden mithilfe dieser Skalen eingeschätzt und dokumentiert werden, bis eingehendere Erfassungsinstrumente wissenschaftlich evaluiert sind.
Auch bei hilfebedürftigen und alten Menschen ist neu auftretendes Schmerzerleben und -verhalten ein wichtiges Warnzeichen, das gerade bei ihnen vitale Bedrohung anzeigen kann. Es muss unverzüglich zu Kommunikationsprozessen führen, wobei Schmerzdiagnostik und -behandlung gemeinsame Aufgaben
Pfleger sollten nach Schmerzen fragen.
getische Versorgung, insbesondere auch mit stark wirksamen Substanzen vom Opioidtyp häufig unzureichend, obwohl gerade hier mit oralen Opioiden den wechselnden Situationen Rechnung getragen werden kann. Auch aus der Erhebung und Dokumentation rezidivierender und chronischer Schmerzzustände ergeben sich Handlungsanweisungen. Deshalb muss Schmerz und sein Verlauf wie ein Vitalzeichen erhoben werden.
Prof. Dr. Dr. Heinz-Dieter Basler, Sprecher des Arbeitskreises „Schmerz und Alter“ der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V., 35037 Marburg.
Marion Blankenhorn, Pflegedienstleitung, Kraichgauheim, 76669 Bad Schönborn.
Prof. Dr. Jürgen Osterbrink, Leiter des Schulzentrums für Krankenpflegeberufe, 90419 Nürnberg.
Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Anästhesiologie, Spezielle Schmerztherapie, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie e.V., 73033 Göppingen.
Erika Sirsch, Fachkrankenschwester für geriatrische Rehabilitation, Auditorin im Qualitätsmanagement, Pflegewissenschaftlerin (BScN). 46519 Alpen.
Priv.-Doz. Dr. Roland Wörz (federführend), Neurologie, Psychiatrie, Spezielle Schmerztherapie, Klinische Geriatrie, 76669 Bad Schönborn.
Mehr Augenmerk auf Arzneimittelnebenwirkungen
Arzneimittel sind die Killer Nr. 1 in Deutschland und mit 12 000 bis 50 000 Todesfällen pro Jahr mit ihren Risiken bei weitem unterschätzt. Auch die Patienten in das Spontanmeldesystem einzubeziehen, ist eine neue Strategie zur Verbesserung der Arzneimittelsicherheit in Deutschland, berichtet Priv.-Doz. Dr. med. Michael Überall, DGS-Vizepräsident, Nürnberg.
ähr
lich sterben in Deutschland mehr Men
schen an unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) als bei Verkehrsunfällen.“ Diese und ähnliche anlässlich des ersten deutschen Kongresses für Patientensicherheit in Saarbrücken formulierten Aussagen sorgten für Schlagzeilen. Während die Zahl der Verkehrstoten – unter 6 000 im Jahr 2004 – jedoch sehr genau bekannt ist, debattieren die Experten in Deutschland mangels aussagekräftiger Statistiken über die Zahl der wahrscheinlichen UAW-Opfer. Dabei schwanken ihre Schätzungen zwischen 12 000 und 58 000 Todesfällen pro Jahr und liegen damit auf bzw. über dem Niveau der Verkehrstoten der Siebzigerjahre.
Häufige stationäre Therapien
Hinzu kommt eine noch weitaus höhere Zahl an Patienten, bei denen die Arzneimittelnebenwirkungen nicht tödliche Organschäden oder Erkrankungen verursacht haben, die vorübergehend ambulant und/oder stationär behandelt werden mussten. Untersuchungen belegen, dass bei etwa 5% aller medikamentös behandelten Patienten UAW auftreten. 3– 6% aller Krankenhauseinweisungen erfolgen zur Behandlung therapiebedingter UAW. Damit gehören UAW mittlerweile zur häufigsten Indikation für eine stationäre Behandlung überhaupt.
Unangefochtener Spitzenreiter im Spektrum der therapiebedingten Nebenwirkungen sind Störungen des Magen-Darm-Traktes (meist Ulzerationen, Blutungen oder Obstipation). Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Liste der für hospitalisierungsbedürftige UAW verantwortlichen Präparate nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Azetylsalizylsäure und Diclofenac anführen, die aufgrund prospektiver Untersuchungen an drei deutschen Universitätskliniken allein für fast 20% aller stationär zu behandelnden UAW verantwortlich waren (siehe: http://www.med. uni-jena.de/ikph/Projekte/uaw/uaw.htm).
Oldtimer weit gefährlicher als Newcomer?
Untersuchungen einer Forschergruppe der Universität Jena belegen, dass die unerwünschten Wirkungen altbekannter Präparate
– sicherlich auch bedingt durch deren vielfach häufigere Verordnung – sehr viel häufiger die Ursache einer UAW-bedingten Klinikeinweisung sind als jene neuer Substanzen. Dies steht in einem gewissen Widerspruch zu den jüngst für öffentliche Aufregung und Verunsicherung sorgenden spektakulären Rücknahmen neuer Medikamente (wie z. B. des Blutfettsenkers Cervistastin (Lipobay®), der 2001 vom Markt genommen wurde, oder der Schmerz-/ Entzündungshemmer Rofecoxib (Vioxx®) und Valdecoxib (Bextra®).
Grundsätzlich werden neue Medikamente vor ihrer Zulassung in umfangreichen Studien getestet. Hierzu werden im Schnitt zwischen 3000–5000 (im Falle epidemiologisch häufiger Krankheiten wie Osteoarthrose, Hypercholesteri Herzkrankheit m 20.000) Patiente werden im Rahmen en Kinder, alte und Krankheiten leschen von der ausgeschlossen Teilnahme von im gebährfähige ter restriktiv gehand habt. Erschwere kommt hinzu dass das Studie n d e sig n (inkl. der jeweils erstimmten Risikopatienten oder erst bei einer Langzeiteinnahme auftreten. Derartige UAW werden erst fassbar, wenn die Medikamente
– nach ihrer Zulassung – unter Praxisbedingungen eingesetzt und von ausreichend vielen Patienten genommen werden.
Spontanmeldesystem unzureichend
Um derartige – im Rahmen einer praktischen Behandlung auftretende – UAW zu erfassen und zu überwachen, existiert in Deutschland, ähnlich wie in anderen Ländern, ein Spontanmeldesystem. Ärzte, aber auch Vertreter anderer Heilberufe sind hierbei aufgrund ihrer Berufsordnungen verpflichtet, den zuständigen Institutionen (für Ärzte die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft – AKDÄ) bzw. Behörden (Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte – BfArM) zu melden, wenn sie den Verdacht haben, dass ein Medikament UAW haben könnte. Derartige Systeme sollen Hinweise liefern auf bislang unentdeckte UAW, auf Patientengruppen, die ein erhöhtes Risiko für UAW haben, und auf relative Häuerhalb von Arz
stem hat deut
n. Seine größind die Ärzte „Meldemuffel“, eutsche Ärzteibt. Selbst für wiegende UAW ie Meldequote h Schätzungen n Ex p e r t e n nur bei 5–10%.
Erschwerend kommt das s ele k tive bzw.
g ä n z e n den Ein- und Ausschlusskriterien bzw. des Behandlungsverlaufes) nur in Ansätzen die tatsächlich existierenden Gegebenheiten der realen Patientenversorgung in Praxis und Klinik widerspiegelt.
Gleichwohl reichen diese Prüfungen in der Regel aus, um häufige UAW zu erkennen. Seltene oder latente UAW, die beispielsweise nur bei einem von 10 000 Patienten oder nur bei Patienten in Verbindung mit anderen Medikamenten auftreten, werden so jedoch nicht entdeckt. Dies gilt auch für unerwünschte Wirkungen, die zeitlich verzögert, nur bei be-
Arzneimittel als Killer – ihre Risiken werden unterschätzt.
reaktive
M eld e verhalten der Ärzte hinzu. Einerseits werden Nebenwirkungen, die bekannt sind oder banal erscheinen, nicht gemeldet, andererseits steigt die Anzahl der Meldungen nach entsprechenden Mitteilungen in Fach- und Laienpresse plötzlich binnen weniger Stunden bis Tage dramatisch an. Fazit der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft: „Qualität und Quantität der Meldungen sind – nicht nur in Deutschland – unbefriedigend.“ Daher müssen „die Instrumente für die Überwachung der Risiken einer Pharmakotherapie noch intensiver entwickelt und gefördert werden“.
Bislang beruht das in Deutschland etablierte Meldesystem ausschließlich auf ärztlichen Meldungen, d.h. die AKDÄ empfiehlt Patienten, jeden Verdacht auf eine unerwünschte Arzneimittelwirkung ihrem zuständigen Arzt zu berichten. Dieser sollte dann nach Abklärung des Falles – jedoch ohne subjektive Wertung!
– den geschilderten Fall unter Nutzung eines standardisierten Meldebogens (welcher regelmäßig im Deutschen Ärzteblatt publiziert wird, aber auch als PDF-File im Internet – unter http://www.akdae.de/50/50/index.html – heruntergeladen werden kann) dokumentieren und an das BfArM oder die AKDÄ faxen. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass auch Meldungen von Patienten dazu beitragen können, UAW früher zu erkennen. So bemängelt die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft unter anderem, dass „in dem derzeit ausschließlich von Fachkreisen betriebenen Spontanmeldesystem wichtige Details möglicherweise gefiltert werden oder während der Bearbeitung in medizinischen Fachausdrücken verschwinden“.
Pilotprojekt mit Patienten
Auf diese Einsicht hat nun auch die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie reagiert und das Institut für Qualitätssicherung in Schmerztherapie & Palliativmedizin (IQUISP) mit einem Pilotprojekt zur Erweiterung des Spontanmeldesystems für UAW beauftragt (siehe auch nachfolgendes Interview). Ziel des Pilotprojekts ist es einerseits zu klären, inwieweit Patientenmeldungen zu UAW ärztliche Angaben ergänzen können, und andererseits, welche Diskrepanzen zwischen dem Meldeverhalten bzw. der Meldehäufigkeit von Ärzten und Patienten bestehen. Dazu wurde – in Anlehnung an das Standardmeldeformular für Ärzte – ein spezieller Erfassungsbogen für Patienten entwickelt, der – Fokus des Pilotprojekts liegt naturgemäß auf der Erfassung von Meldungen zu Medikamenten, die schwerpunktmäßig im Rahmen schmerztherapeutischer Interventionen verordnet werden – zunächst regelmäßig über die Zeitschrift der Deutschen Schmerzliga (DSL) an Patienten versandt wird und auch über die Homepage der Schmerzliga (unter: www.schmerzliga.de) im Internet zum Herunterladen zur Verfügung steht.
Zusätzlich wird eine spezielle Telefon-Hotline angeboten, unter der von Montag bis Freitag zwischen 9:00 und 12:00 Uhr betroffene Patienten Fragen stellen und ihre Probleme diskutieren können.
Das neue Meldesystem wird zunächst im Rahmen einer Pilotstudie hinsichtlich seiner Praxistauglichkeit und Wertigkeit ein Jahr lang erprobt. Das Ziel der Experten ist, eine realistischere Beurteilung der Nebenwirkungen von alten und neuen Medikamenten zu erhalten, die heute in der Schmerztherapie eingesetzt werden. Darüber hinaus wird sich rasch klären, welche grundsätzliche Bedeutung Patientenangaben im Rahmen medizinisch-wissenschaftlicher Fragestellung haben und ob derartige Systeme
– z. B. im Rahmen sog. „Shared-Decision-Ma-king“-Prozesse bzw. im Rahmen aktueller Verfahren zur partizpitativen Entscheidungsfindung (PEF) wertvoll sind (siehe auch S. 21).
Michael Überall, Nürnberg
Spontanmeldesystem für Patienten
Warum haben Sie das Pilotprojekt zur Meldung unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UAW) durch Patienten gestartet? Überall: UAW sind häufig, aber sie werden zu selten gemeldet. Wenn Patienten ihrem Arzt von einer Nebenwirkung berichten, überlegt dieser, ob diese Nebenwirkung bekannt ist oder nicht. Der Arzt wertet also und macht davon seine Meldung abhängig. Viele scheuen auch den bürokratischen Aufwand. Die Ärzte melden also – wenn überhaupt – nur Ereignisse, die ihnen besonders auffallen. Darum wollen wir bei unserem Pilotprojekt überprüfen, ob es sinnvoll ist, die Patienten in die Meldung von Nebenwirkungen einzubeziehen.
We
lchen Vorteil hat die Erfassung bereits bekannter Nebenwirkungen?
Überall: Durch unser derzeitiges Meldesystem werden bevorzugt Meldungen zu neuen Medikamenten gesammelt. Das ist wichtig, um zu überprüfen, ob die neuen Substanzen ein bislang unbekanntes Risiko tragen. Meldungen zu altbekannten Medikamenten spielen hingegen kaum eine Rolle. Das kann zum Problem werden, wenn Statistiken veröffentlicht und beurteilt werden. Wenn Nebenwirkungen älterer Substanzen nicht ebenso sorgfältig gemeldet werden wie jene neuerer Medikamente, kann dabei ein völlig falscher Eindruck entstehen, nämlich der, dass die neuen Substanzen gefährlicher seien als die alten. Wenn wir die Meldung eines Patienten erfassen, geschieht dies darum unabhängig davon, ob der Patient mit einem neuen oder einem alten Medikament behandelt wird. Wir werden alle Meldungen registrieren. Dadurch bekommen wir eher
Auszug Patientenbericht
ein Gefühl dafür, wie häufig Nebenwirkungen tatsächlich sind. Und wir erhalten vielleicht auch Hinweise auf Nebenwirkungen, die bislang nicht Michael Überall, erfasst wurden. Nürnberg
Bildarchiv Überall
ie geht das vor sich? Der Patient füllt
?W
den Fragebogen aus und schickt diesen an das Institut für Qualitätssicherung in Schmerztherapie & Palliativmedizin? Überall:Genau. Der Patient füllt den Fragebogen aus. Er kann mit uns auch telefonisch Kontakt aufnehmen (0911/5068205) und sich dabei helfen bzw. beraten lassen. Die Daten werden von uns gesammelt – unabhängig ob die Nebenwirkungen neu oder bekannt sind –, bearbeitet, in Statistiken erfasst und regelmäßig evaluiert.
Kann dieses Meldesystem das Spontanmeldesystem der Ärzte ersetzen? Überall: Nein. Das kann nicht unser Interesse sein. Die Empfehlung wird lauten, dass der Patient jede Nebenwirkung, die er uns meldet, immer auch seinem Arzt berichtet, damit die Meldung auch den offiziellen Weg geht. Wir wollen bei unserer Studie ja zunächst überprüfen, ob dieser Weg sinnvoll ist und neue Erkenntnisse über unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten liefert. Dann können
Das BtM-Rezept
Die Handhabung von BtM-Rezep-ten in einer Gemeinschaftspraxis, die Verhaltensweise im Vertretungsfall und die so genannten A-und N-Vermerke bereiten in der Praxis immer wieder Schwierigkeiten. Die Besonderheiten und Ausnahmeregelungen bei Notfällen und Überschreitungen der Höchstmenge schildert Dr. med. Oliver Heine, Limburg/Lahn.
n einer Gemeinschaftspraxis muss jeder Arzt seine eigenen BtM-Rezepte benutzen. Hintergrund ist, dass BtM-Rezepte immer personenbezogen mit der individuellen BtM-Num-mer des berechtigten Arztes ausgestellt werden. Darüber hinaus sind die BtM-Rezepte mit dem Ausgabedatum und der laufenden BtM-Rezeptnummer versehen (§ 8 BtMVV). Auch hat jeder einzelne Arzt einer Gemeinschaftspraxis den Nachweis über den Verbleib der BtM-Rezepte zu sichern. Handelt es sich beim verwendeten Arztstempel um den der Gemeinschaftspraxis, so ist der Name des verschreibenden Arztes zum Beispiel zu unterstreichen oder gegebenenfalls zusätzlich zu vermerken.
Für den Vertretungsfall müssen vertretende Ärzte der Bundesopiumstelle nicht mitgeteilt wir mit unseren Ergebnissen an die zuständigen Behörden herantreten und unsere Daten mit den offiziellen Daten der Behörden vergleichen und das weitere Vorgehen diskutieren.
ibt es Möglichkeiten, das Meldever-
?G
halten der Ärzte zu verbessern?
Überall: Ja und Nein. Einerseits müssen wir uns alle darüber im Klaren sein, dass in der heutigen Zeit jede Form der schriftlichen Dokumentation derart überhand genommen hat, dass für unsere eigentliche Arbeit am/mit Patienten kaum mehr Zeit bleibt. Jede zusätzliche Arbeit, die uns abhält, Patienten zu betreuen und zu versorgen stört eigentlich nur den – an sich schon kritisch belasteten – Praxisalltag. Andererseits leben wir in einer Zeit, in der wir zunehmend häufiger die Auswirkungen möglicher UAW-bedingter Prob-leme vergegenwärtigen müssen, deren Hintergründe nicht immer ganz klar waren. Damit will ich die in letzter Zeit zu beobachtenden Marktrücknahmen und die Stellungnahmen der Behörden und Ämter nicht in
werden. Allerdings kommt eine Übertragung der BtM-Rezepte lediglich bei Urlaub, Krankheit oder sonstiger Verhinderung in Betracht. Für diesen Fall ist die Verschreibung mit dem Dr. med. Oliver Heine, Vermerk „in Vertre-Limburg/Lahn. tung“ oder mit „i.V.“ zu kennzeichnen. Auch für den Ver
tretungsfall gilt, dass ein lückenloser Nachweis über den Verbleib der BtM-Rezepte gesichert sein muss (§ 9 BtMVV).
Überschreitung der Höchstmengen
Der § 2 Abs. 1 BtMVV regelt unter dem Buchstaben a die Verschreibungshöchstmengen innerhalb von 30 Tagen. Innerhalb dieser 30 Tage darf der verschreibende Arzt bis zu zwei Betäubungsmittel mit den entsprechend festgesetzten Höchstmengen verschreiben. Kommt es allerdings bei der BtM-Verschrei-bung innerhalb dieses Zeitraums zu einer Überschreitung der Höchstmengen, ist das BtM-Rezept mit dem Buchstaben „A“ zu kennzeichnen (§ 2 Abs. 2 Satz 2 BtMVV).
frage stellen. Es fällt nur auf, dass hier – ob gewollt oder nicht – ausschließlich sog. innovative Produkte betroffen waren und die Rücknahmen stets auf Grundlage von Daten/Studien erfolgten, die mit dem tatsächlichen Leben wenig zu tun haben.
Das bedeutet? Überall: Nun, das bedeutet aus meiner Sicht, dass wir hierzu grundsätzlich mehr Informationen benötigen, um unseren Kollegen mehr Sicherheit bei der Verordnung alter wie neuer Schmerzmittel geben zu können, ohne sie mit zusätzlichem Verwaltungskram von ihrer eigentlichen Arbeit abzuhalten. Ein möglicher Ansatz zur Lösung dieses Dilemmas ist sicherlich das Spontanmeldesystem durch Patienten. Ob dieser Ansatz das hält, was wir uns von ihm versprechen, wird diese Pilotstudie und die anschließenden Diskussionen mit den Behörden zeigen.
Vielen Dank für das Gespräch!
1998 hat die 10. BetäubungsmittelrechtsÄnderung (10. BtMÄndV) [4] den Weg für die so genannte Notfallverschreibung, zum Beispiel beim Hausbesuch, frei gemacht. Im Rahmen der Notfallverschreibung ist die Verordnung von Betäubungsmitteln auf einem normalen Rezeptformular oder einem Blatt Papier möglich. Die Verschreibung mit allen Pflichtangaben muss mit dem Wort „Notfallverschreibung“ gekennzeichnet werden. Der Arzt ist verpflichtet, die Verordnung unverzüglich auf einem BtM-Rezept mit dem Vermerk „N“ der Apotheke nachzureichen (§ 8 Abs. 6 BtMVV).
Änderungen der BtM-Verordnung
Stellt der Arzt während der Verschreibung Schreibfehler fest, kann er diese sofort korrigieren. Die Änderungen müssen auf allen Teilen des BtM-Rezeptes erkennbar sein und der verschreibende Arzt hat die korrigierten Angaben durch seine Unterschrift zu bestätigen (§ 9 Abs. 2 BtMVV).
Fehlerhaft ausgefertigte BtM-Rezepte, die nicht in der Apotheke eingelöst werden, sind drei Jahre aufzubewahren und auf Verlangen der zuständigen Landesbehörde vorzulegen (§ 8 Abs. 5 BtMVV).
Oliver Heine, Limburg/Lahn Literatur beim Verfasser
BtM-Rezeptblöcke sicher aufbewahren
Wie sind BtM-Rezepte aufzubewahren und welche Opioidpräparate sind für Notfälle in der Praxis bereit zu halten? Leserfragen zu Opioiden in der Praxis beantwortet Dr. med. Oliver Heine, Lim-burg/Lahn.
Dr. U. Z., Neuendettelsau: Bezug nehmend auf Ihren Artikel zur Sicherung und Aufbewahrung von Betäubungsmitteln habe ich die Frage, ob es auch besondere Regularien für das Aufbewahren der BtM-Rezeptblöcke gibt?
Dr. med. Oliver Heine, Limburg/Lahn: Vielen Dank für Ihre Anfrage! Auch der Umgang mit Betäubungsmittelrezepten wird in der Betäubungsmittel-Verschrei-bungsverordnung (BtMVV) geregelt. § 8 Abs. 4 BtMVV sieht vor, dass der Arzt, Zahnarzt oder Tierarzt seine Betäubungsmittelrezepte (BtM-Rezepte) gegen Entwendung zu sichern hat. Als Sicherungsmaßnahme kommt beispielsweise die Aufbewahrung von BtM-Rezepten in abschließbaren Schubladen oder Arztkoffern in Betracht. Der Verlust von BtM-Rezepten ist unter Angabe der Rezeptnummern unverzüglich der Bundesopiumstelle zu melden. Nicht mehr benötigte BtM-Re-zepte können der Bundesopiumstelle per Einschreiben zurückgegeben werden.
Dr. med. C. S.-O., München: Welche Betäubungsmittel sollten in einer Praxis vorrätig gehalten werden? Dr. med. Oliver Heine, Limburg/Lahn: Die Verschreibung von starken Opioiden ist heute sehr einfach geworden: Der Arzt/die Ärztin legt Arzneiform und Dosierung fest; die weiteren Formalitäten des BtM-Rezeptes kann die Helferin bzw. der Computer erledigen. Nur noch die ärztliche Unterschrift muss handschriftlich erfolgen. Da die öffentlichen Apotheken innerhalb von 24 Stunden jedes Opioid besorgen können, ist die Vorhaltung von oralen Opioiden in der Praxis nicht unbedingt nötig. Anders sieht es bei der Vorbereitung auf Notfälle aus: Jeder Arzt/jede Ärztin sollte ein starkes, intravenös zu verabreichendes Präparat in
der Praxis vorhalten. Damit ist man sowohl für schmerztherapeutische Problemfälle gerüstet als auch für Notfälle wie Myokardinfarkte oder Knochenbrüche. Dazu genügt ein Präparat, mit dem sich der Arzt auskennt, z. B. Hydromorphon 2 mg Ampullen oder Morphinsulfat (MSI Mundipharma®) 10 mg Ampullen. Diese können intravenös oder subkutan appliziert werden. Ein opioidnaiver Patient erhält bei starken Schmerzen im Notfall 1 mg (= 1/2 ml) Hydromorphon oder 5 mg Morphin intravenös. Diese Dosis kann bei unzureichender Wirkung nach zehn Minuten wiederholt werden. Die Einleitung einer Opioid-Dauertherapie kann bei den meisten Patienten problemlos mit oraler Medikation erfolgen, z. B. bei starken Schmerzen des Bewegungsapparates beginnend mit zwölfstündlich 5 mg retardiertem Oxycodon. Diese Dosis kann tageweise gesteigert werden – bis zur ausreichenden Wirksamkeit. Übelkeit und Obstipation kann mit entsprechender Komedikation vorgebeugt werden (z. B. 10 mg Metoclopramid p. o. und täglich ein Beutel Macrogol). Da alle diese Medikamente dem Patienten verordnet werden
können, ist eine Vorhaltung in der Praxis prinzipiell nicht nötig.
Fragen, Kritik, Anregungen Schreiben Sie der Redaktion!
redaktion@dgschmerztherapie.de Stephanie Kraus Nikolaus-Lenau-Str. 3 83071 Stephanskirchen
Tel.: 0 80 36/10 31 • Fax: 0 80 36/39 49
DGS-Veranstaltungen
WeitereInformationen zu den Seminaren erhalten Sie über die Geschäftsstelle des DGS Oberursel, Tel.: 0 61 71/28 60 20·Fax: 0 61 71/28 60 22·E-Mail:info@dgschmerztherapie.de. Die aktuellstenInformationen zu denVeranstaltungen und den Details finden SieimInternet unter www.dgschmerztherapie.de mit der Möglichkeit der Onlineanmeldung.
September 2005
Workshop Manuelle Medizin
14.10. bis 15.10.2005 in Wiesbaden; Dr. Thomas Nolte
Strahlentherapie und Radionuklidtherapie in der Palliativmedizin Myofaziale Schmerzen – Diagnostik und The
rapie
07.09.2005 in Mühlhausen; Dr. Marina Schlegel
14.10. bis 15.10.2005 in Klötze; Dipl.-Med. Bernd
Schulter- Arm-Schmerz
Hesse 09.09. bis 11.09.2005 in Halberstadt; Geschäftsstelle GGMM e. V., Rostock
Arthroseschmerzen, vom Analgetikum bis zur Endoprothese Spirale Endoskopie
15.10.2005 in Eichstätt; Dr. Stephan Grunert
Rückenmarksnahe Therapie
6. Stuttgarter Schmerztag
09.09. bis 10.09.2005 in Köln; Dr. Günther Schütze, 15.10.2005 in Stuttgart; Prof. Dr. Henner Reineket Iserlohn
Refresherkurs – orthomolekulare Medizin 14.09.2005 in Bocholt; Dr. Kamal Salem Komplex regionales Schmerzsyndrom (CRPS) – Diagnostik und Therapie
Gesichtsschmerz – craniomandibuläre Dysfunkti- 19.10.2005 in Dinslaken; Dr. Sylwester Minko on – Trigeminusneuralgie – atypischer Gesichts-Schmerzen im Alter schmerz Myofaziale Schmerzen / Fibromyalgie 14.09.2005 in Gießen; Dr. Winfried Hoerster (Behandlung des geriatrischen Schmerzes) 20.10.2005 in Bad Säckingen; Dr. Paul Wagner
28.09.2005 in Bielefeld; Dr. Dirk Buschmann, Her-
Basiskurs „Palliativmedizin für Ärzte“ ford Zervikalsyndrom / KISS / Orofaziales Syndrom
14.09. bis 18.09.2005 in Stade; Dr. Hubertus Kayser, Physiotherapie und chronischer Schmerz – Ver-21.10. bis 23.10.2005 in Berlin; Geschäftsstelle GGMM Bremen e. V., Rostock
fahren, Dauer der Anwendung
Begutachtung chronischer Schmerzpatienten 28.09.2005 in Aachen; Bernd Heinrichs Techniken der Injektionstherapie Refresher-Kurs 15.09.2005 in Bad Säckingen; Dr. Paul Wagner 22.10. bis 23.10.2005 in Randersacker Dr. Edwin
9. Pfälzer Schmerztag Klaus, Würzburg Im Fokus: Prävention von chronischen Schmerzen Oktober 2005 Bedeutung der Psychotherapie in der Schmerzthe-
16.09. bis 17.09.2005 in Speyer; Dr. Oliver Emrich, rapie Ludwigshafen 24.10.2005 in Mainz; Oliver Löwenstein
Workshop: Ketamin in der Schmerztherapie Lumbalsyndrom Schmerztherapie und ökonomische Verordnungs-
17.09.2005 in Pforzheim; Dr. Claudius Böck 03.10. bis 07.10.2005 in Alcudia/Mallorca weise Geschäftsstelle GGMM e.V., Rostock 26.10.2005 in Aachen; Bernd Heinrichs
Curriculum Spezielle Schmerztherapie,Teil 1 17.09.-18.09. und 24.09.-25.09.2005 in Stuttgart; Ge-Kopfschmerz durch Arzneimittel und Drogen Curriculum Spezielle Schmerztherapie,Teil 1 schäftsstelle DGS in Oberursel, 06.10.2005 in Tübingen; Dr. Alfons Linke 27.10. bis 30.10.2005 in Kassel; Geschäftsstelle DGS
Einführung in die Triggerpunkt-Medizin 4. Südwestdeutsche Schmerztage in Oberursel, 18.09.2005 in Marburg; Dr. Branco Marcovici 07.10. bis 08.10.2005 in Göppingen; Dr. Müller-Schwefe Alter und Schmerz / Demenz und Schmerz Notfälle in der ärztlichen Praxis Das algogene Psychosyndrom 28.10.2005 in Halle/Saale; Ingunde Fischere Megacode Training für Praxisteams 08.10.2005 in Ahrenshoop; Dr. Axel Krau, Bielefeld 4.Wiesbadener Palliativtag - „Über den Tod hinaus: 21.09.2005 in Berlin-Prenzlauer Berg; Dr. Kai Her-Konzepte der Akutschmerzbehandlung bei chroni-Wenn die Trauer nicht enden will“ manns
schen Schmerzen Patientenveranstaltung Notwendige Diagnostik / 13.10.2005 in Trier;Dr. Achim Ensgraber 29.10.2005 in Wiesbaden; Dr. Thomas Nolte
red flags aus der Sicht der Neurologie
21.09.2005 in Bad Salzungen; Dr. Joachim Barthels
Therapeutische Aspekte beim Rückenschmerz: Wann konservativ, wann operativ?
21.09.2005 in Wuppertal; Dr. Thomas Cegla
Curriculum Palliativmedizin, Modul 3
21.09. bis 25.09.2005 in Wiesbaden; Dr. Thomas Nolte
Reanimations-Refresherkurs
23.09.2005 in Hamburg; Dr. Dietrich Jungck
PIR – Die sanfte Manualtherapie für jeden Arzt und jeden Patienten
23.09. bis 25.09.2005 in Göppingen; Dr. Müller-Schwefe
Kampo-Medizin Chinesisch-japanische Phytotherapie
24.09. bis 25.09.2005 in Bad Säckingen; Dr. Paul Wagner
tenseitig immer präsent) im weiteren Verlauf
Der Patient als Partner der Therapie verfehlt werden.
Die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie und die Deutsche Schmerzliga setz(t)en Zeichen, denen BMGS und BÄK nun folgen, berichtet Priv.-Doz. Dr. med. Michael Überall, Nürnberg, Vizepräsident der DGS.
at
ienten wollen/müssen an ärztlichen
Entscheidungen beteiligt werden, um eine tragfähige und solide Voraussetzung für medizinische Maßnahmen zu gewährleisten“, so der Tenor eines Artikels in einer der letzten Ausgaben des Deutschen Ärzteblatts (Jg. 102; Heft 22, 3. Juni 2005, A 1560). „Partizipative Entscheidungsfindung“ (PEF) von Arzt und Patient bzw. „Shared Decision Making“ (SDM), so lauten die Schlagwörter, die mit entsprechendem publizistischen und vor allem finanziellen Aufwand aus dem Berliner Elfenbeinturm des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) anlässlich einer Tagung des entsprechenden Förderschwerpunktes nun verkündet wurden. Was in der Routine des schmerztherapeutisch tätigen Arztes schon seit Jahren etablierte Grundvoraussetzung für eine sinnvolle und Ziel führende Arbeit ist, wird nun (endlich) auch vom BMGS und der Bundesärztekammer mit mehrjähriger Verzögerung als relevant erkannt und als „revolutionär“ gefeiert.
Gemeinsame Entscheidungen
Grundsätzlich fokussieren die genannten Projekte auf das Problem der Beteiligung des Patienten bei der Festlegung des diagnostischen und therapeutischen Vorgehens innerhalb des ärztlichen Entscheidungsbaumes. Essenzielle Voraussetzung hierfür ist eine Änderung im Verständnis der Rollen von Arzt und Patient. So fordert PEF vom Arzt, dass er dem Patienten das Spektrum der jeweils verfügbaren Möglichkeiten erläutert, Für und Wider bestimmter Richtungsentscheidungen gemeinsam – unter Einbeziehung und Berücksichtigung der jeweils völlig unterschiedlichen Ausgangssituationen – diskutiert und letztlich auf der Grundlage dieses Vorgehens gemeinschaftlich Entscheidungen getroffen werden, die den Bedürfnissen und Anforderungen des Patienten entsprechen. Aber auch für den Patienten gilt es grundsätzlich umzudenken, denn er muss in seine neue aktive Rolle als Partner behutsam eingeführt und durch entsprechende Führung des Therapeuten erst einmal mit entsprechender Kompetenz ausgestattet werden.
Beratung, Diskussion und Entscheidungsfindung auf (einer) Augenhöhe sind also gefordert
– ein Paradigmenwechsel steht an.
Paradigmenwechsel?
Eigentlich nichts wirklich Neues, möchte man auf den ersten Blick meinen, während man einerseits im Hinterkopf schon einmal überschlägt, wie viel (unvergütete) Zeit für all die hierfür notwendigen Diskussionen fällig werden und andererseits seine Position als „Halbgott“ in Weiß gerade untergraben sieht. Aber rein nüchtern betrachtet eine sicherlich sinnvolle Entwicklung in eine Richtung, die gerade von der Schmerztherapie in Deutschland seit Jahren konsequent – durch die aktive Beteiligung des Patienten, z. B. im Rahmen von interdisziplinären Schmerzkonferenzen, bei der Dokumentation seiner Beschwerden in Schmerzfragebögen und -tagebüchern und die Festlegung individueller Behandlungsziele – beschritten wird.
Und so hält nun auch in die allgemeinmedizinische Versorgung so langsam Einzug, was im alltäglichen Leben schon immer üblich war: der Aufbau einer tragfähigen Beziehung zur gemeinschaftlichen Bewältigung der anstehenden Aufgaben, die Festlegung einer verbindlichen und von beiden Seiten akzeptierten diagnostischen und therapeutischen Vorgehensweise und die schriftliche Fixierung individuell höchst unterschiedlicher, aber gemeinsam konsentierter realistischer Zielvereinbarungen.
Umfassende Aufklärung
Gerade die umfassende
Insbesondere für chronisch kranke Schmerzpatienten, bei denen der oft mehrjährige Krankheitsverlauf keine Ansätze (mehr) für eine kausale Therapie ermöglicht, ist die Festlegung individueller Behandlungsziele essenziell und öffnen realistische Zielvereinbarungen Perspektiven für dringend notwendige und realisierbare Erfolgserlebnisse. Und so verwundert es nicht, dass gerade im Bereich der Schmerztherapie durch die seit Jahren bestehende enge Kooperation zwischen Arzt und Patient bzw. Ärzteorganisation (DGS) und Patientenorganisation (DSL) Instrumente entwickelt und Mechanismen etabliert wurden, die den gegenwärtigen Überlegungen des BMGS zur partizipativen Entscheidungsfindung weit voraus sind und in umfangreichen Praxistests hunderttausendfach evaluiert wurden: den DGS-Schmerzfragebogen und das DGS-Schmerztagebuch.
Durch die Überarbeitung im Rahmen einer gemeinsamen Arbeitsgruppe von DGS und DGSS an die Herausforderungen der Zukunft angepasst erfüllt der in naher Zukunft verfügbare Deutsche Schmerzfragebogen der DGS nicht nur die Dokumentationsanforderungen der Qualitätssicherungsvereinbarung zur schmerztherapeutischen Versorgung chronisch schmerzkranker Patienten gem. § 135 Abs. 2 SGB V, sondern auch alle Anforderungen, die vom BMGS, der BÄK und den am Modellprojekt PEF beteiligten Zentren als „essenzielle Voraussetzungen für eine partnerschaftliche Beteiligung von Patienten an ärztlichen Entscheidungen“ konsentiert wurden.
Michael Überall, Nürnberg
Aufklärung des Patienten und die im Rahmen intensiver Gespräche erfolgende Diskussion der beiderseitigen Erwartungshaltungen – vor Behandlungsbeginn – ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für tragfähige Beziehung und eine hohe Pa tie n t e n c o m plia n c e . Hauptursache der immer wieder zu beobachtenden Patientenunzufriedenheit sind (unrealistisch) hohe bzw. vom Behandlungsziel des Therapeuten abweichende Erwartungshaltungen, die (meist unausgesprochen, jedoch patien-Der Patient als gleichberechtigter Partner.
Foto Mundipharma GmbH
Individuelle Behandlungsziele definieren
Was sind die Ziele der medikamentösen Schmerztherapie? Wer definiert sie? Wer hinterfragt sie? Wer überprüft sie? Wen kümmern sie? Solange Behandlungsziele nicht individuell bestimmt werden, scheitern viele Medikamente in der Praxis. Die Behandlungsergebnisse aus kontrollierten klinischen Studien sind auf den praktischen Alltag der Schmerztherapie kaum übertragbar, kritisieren Priv.-Doz. Dr. med. Michael A. Überall, Nürnberg, und Dr. med. Gerhard Müller-Schwefe, Göppingen.
ie Task Force of Taxonomy der International Association for the Study of Pain (IASP) definierte 1979 Schmerz als „eine unangenehme Sinnes- und/oder Gefühlsempfindung, die mit einer akuten oder möglichen Gewebsschädigung einhergeht oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird“. Bewusst haben die Verfasser dieser Zeilen subjektive Wahrnehmungs-und objektiv nur schwer fassbare Befindlichkeitsdimensionen als wesentliche Bestandteile der inter-und zum Teil auch intraindividuell recht unterschiedlich empfundenen Sinnesqualität Schmerz erkannt, zum zentralen Element ihrer Definition erklärt und bis heute beibehalten.
Subjektive Einschätzung ist das A und O
Hintergrund dieser von vielen als „methodisch unscharf“ umschriebenen und nicht selten kritisierten Definition ist die subjektive Bedeutungsvielfalt des Erlebnisses Schmerz, die sich durch den unverändert nur ansatzweise verstandenen Vorgang der sog. Nozitranslation, d. h. der Übersetzung zentraler neuronaler Aktivitätsmuster in bewusste Empfindungen und Wahrnehmungen, erklärt.
Einfacher könnte man es auch wie folgt umschreiben: „Schmerz ist das, was der Patient beschreibt, wann auch immer er es beschreibt.“ Ein für die Medizin zu Beginn des
Michael Überall, Nürnberg
21. Jahrhunderts geradezu unerhört antiquiert wirkender Vorgang, der in krassem Gegensatz zu den allgegenwärtig in den medizinischen Kreisen der westlichen Welt verspürbaren Bestrebungen zur Operationalisierung und objektivierbaren Klassifizierung von Befunden und Krankheitsbildern steht.
Konsequenterweise sollten die Vorgänge des „Schmerzenmessens und -dokumentierens“ für den chronisch kranken Schmerzpatienten und seinen betreuenden Arzt genauso zum Basisrepertoire des Behandlungsmanagements gehören wie das Blutdruckmessen für einen Patienten mit einer arteriellen Hypertonie, das Fiebermessen für einen Patienten mit einer Infektionserkrankung oder die Bestimmung des Blutzuckerspiegels für einen Patienten mit einem Diabetes mellitus. Existieren diesbezüglich für die apparativ objektivierbaren und „organisch gut fassbaren“ chronischen Erkrankungen wie die arterielle Hypertonie oder den Diabetes mellitus weithin akzeptierte Grenzbereiche, deren Erreichen für die Akutbehandlung und deren Einhaltung für die Dauertherapie als nachvollziehbare Behandlungsziele etabliert wurden, so fehlen derartige Therapieziele für die Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen völlig!
Schmerzfreiheit nur beim Akutschmerz
Für den Fall akut aufgetretener Schmerzen ist das Behandlungsziel klar und eindeutig definiert: Schmerzfreiheit ist oberstes Gebot und in der Mehrzahl der (sonst gesunden) Patienten mit plötzlich aufgetretenen akuten Schmerzen auch zu realisieren! Doch welches Ziel gilt es bei einem Patienten mit chronischen Schmerzen anzustreben? Was ist ein realistisches Behandlungsziel bei einem Patienten mit einer chronischen degenerativen Gelenkerkrankung? Welche Schmerzlinderung empfindet ein Patient mit einem seit mehreren Jahren anhaltenden Phantom-
Entspannung – Balance für Körper und Seele!
Warum gerade Entspannung für das Schmerzmanagement wichtig ist und wieso kognitive Verfahren und Entspannungsmethoden ihren festen Platz in der Algesiologie verdient haben, erläutert Petra Ruhnke im dritten Teil ihrer Serie.
eder hat schon einmal gespürt, wie unsere Muskeln auf Stimmungen und körperliche Anspannung reagieren. Unter Stress und Angst werden unsere Nackenmuskeln fest wie Beton. Wenn wir emotional erschöpft oder traurig sind, ist bei uns die Luft raus, wir sinken in uns zusammen. All das sind Signale der Seele und des Körpers.
Schmerzmanagement
Für Schmerzpatienten ist es oft ein großes Problem, ihren Angehörigen, Freunden oder Arbeitskollegen zu vermitteln, wie sehr die Schmerzen sie belasten, da Schmerzen nicht sichtbar sind wie etwa ein Gipsbein. Häufig treffen Patienten deshalb auf Unverständnis und werden diskriminiert.
Die Folge: Sie ziehen sich zurück und brechen viele soziale Kontakte ab – Kontakte,
Archiv
die nötig sind, um den Schmerz zu besiegen. Es gilt Schmerzkranke darin zu unterstützen und zu motivieren, aktiv am Leben teilzunehmen. Eine positive Lebenseinstellung und gesunde Lebensführung können die Schmerzwahrnehmung reduzieren.
Die medikamentöse Behandlung wird durch die aktive Mithilfe der Betroffenen wesentlich in ihrer Effektivität gesteigert. Eine gute Voraussetzung dafür ist auch die Einsicht der Patienten in die Prinzipien und die Notwendigkeit der Therapie. Hilfreiche Ratschläge für Schmerzkranke sind:
Nehmen Sie den Schmerz ernst
Lassen Sie sich nicht vom Schmerz beherrschen
Schmerzen nicht aushalten, sondern bekämpfen
Regelmäßiger und ausreichender Schlaf
Gesunde abwechslungsreiche Ernährung
Trinken Sie wenig oder keinen Alkohol
Positive Dinge des Lebens verstärken
Entspannen Sie mal wieder
Suchen Sie neue Herausforderungen, Aktivitäten oder Sportgruppen, die auf Schmerzpatienten spezialisiert sind
Achten Sie auf einen hohen Spaßfaktor bei Ihren Freizeitaktivitäten
Gehen Sie unter Menschen, denn soziale Kontakte wirken Wunder, Einsamkeit verstärkt das Schmerzempfinden.
Kognitive Verfahren und Entspannungstechniken
Verspannung verursacht Schmerzen, Entspannung lindert Schmerzen: Es gibt viele einfache Dinge, die für Entspannung sorgen, zum Beispiel ein heißes Bad nehmen, gute Musik hören oder in die Sauna gehen. Zusätzlich fördern spezielle Schmerzbewältigungstechniken, die man erlernen kann, die Fähigkeit zu entspannen. Ein bewährtes Verfahren ist das autogene Training, mit dessen Hilfe man Puls, Atmung und Hautdurchblutung beeinflussen kann. Eine andere, leichter zu erlernende Methode ist die so genannte progressive Muskelrelaxation nach Jacobson. Mit diesem Verfahren lernt der Patient, einzelne Muskeln kontrolliert anzuspannen und dann wieder zu entspannen. Um die leisen Signale des Körpers zu erkennen, wird auch oftmals das Biofeedback-Ver-fahren angewandt. Mittels Bildschirm oder über Kopfhörer kann der Betroffene seine eigene Muskelanspannung erkennen. So wird beispielsweise ein angenehm tiefer Ton erzeugt, wenn der Muskel entspannt ist, ein unangenehm hoher Ton, wenn er angespannt ist. Diese Verfahrensweise zeigt, dass die An-und Entspannung der Muskulatur willentlich steuerbar ist.
Ein weiteres Verfahren ist die Lachtherapie. Lachen – die beste Medizin, ist ein bekannter Spruch im Volksgebrauch. Wer es umsetzen kann, wird die Wirkung erfahren und erleben. Übrigens: Ein Lächeln ist der kürzeste Weg von Mensch zu Mensch!
Petra Ruhnke, Berlin
Modulation des Tumorschmerzes durch NMDA-Antagonisten?
Zyklen der gleichen Therapie sind während der
Eine internationale Studie unter
achtwöchigen Studienphase erlaubt.
sucht ein neues Therapiekonzept bei Patienten mit Knochenmetas-
Machen Sie mit!
tasen, berichten Priv.-Doz. Dr. C.
Ärzte, die Interesse haben, als Prüfer an dieser
Konrad aus dem Universitätsklini-
Studie teilzunehmen oder geeignete Patienten zwecks Studienteilnahme bei einem der zwölf deutschen Prüfzentren vorstellen möchten,
kum Mannheim und Dr. Oliver Em
rich, Ludwigshafen, Vizepräsident
wenden sich bitte an den Leiter der Klinischen
der DGS.
Prüfung: Priv.-Doz. Dr. C. Konrad is zu 80% aller Tumorpatienten leiden im
Schmerzambulanz Terminalstadium unter Schmerzen; oft-
Institut für klinische Medizin Mannheim mals ist Schmerz auch das Erstsymptom bei
der Universität Heidelberg metastasierenden Tumoren. Bei schmerzhaf-
Theodor-Kutzer-Ufer ten Knochenmetastasen kommen im Wesent
68167 Mannheim lichen Analgetika aus dem WHO-Stufensche-ma zur Anwendung, Opioide bilden hierbei
Oliver Emrich, Ludwigshafen den Hauptbestandteil der Therapie. Ergänzt
C. Konrad, Mannheim werden diese um nicht steroidale Antiphlogis-
Archiv
tika, andere nicht steroidale Analgetika (z.B. Metamizol), Bisphosphonate, Strahlentherapie und chirurgische Maßnahmen sowie Antiepileptika und Antidepressiva zur Behandlung bei neuropathischen Schmerzkomponenten. Obwohl bei der überwiegenden Mehrzahl der Patienten so eine befriedigende Einstellung zu erreichen ist, gibt es trotzdem Fälle, bei denen dieser Therapiealgorithmus nicht ausreicht. Offen bleibt die Frage nach dem zukünftigen Stellenwert der nicht steroidalen Antiphlogistika in der Schmerztherapie. Es besteht daher weiterhin großer Bedarf nach völlig neuen Therapiekonzepten in der Behandlung des Tumorschmerzes.
Warum NMDA-Antagonisten?
Dem NMDA-Rezeptor (N-Methyl-D-Aspartat) kommt vermutlich eine Schlüsselrolle bei der Schmerzchronifizierung und der Ausprägung des Schmerzgedächtnisses zu. Die exakten Mechanismen sind nicht vollständig aufgeklärt. Es ist jedoch bekannt, dass es bei chronischem Schmerz und einer Dauerstimulation der Schmerz leitenden C-Fasern zur Glutamatausschüttung im Bereich der Hinterhornzellen im Rückenmark kommt. Die Daueraktivierung des NMDA-Rezeptors durch Glutamat führt dann zur zentralen Sensitivierung und sekundären Hyperalgesie mit einer Herabsetzung der Schmerzschwelle und Weiterleitung vormals nicht schmerzhafter Reize in den Thalamus. Eine Kombinationstherapie von Opioiden und einem NMDA-Antagonisten als Schmerzmodulator böte hier mit großer Wahr-
Knochenmetastasen im Röntgenbild.
scheinlichkeit einen neuen therapeutischen Ansatz.
Hoffnung auf Neramexane
In Fallbeschreibungen wurde in der Fachliteratur über den teilweise erfolgreichen Einsatz von Ketamin, das auch als Antagonist am NMDA-Rezeptor wirkt, bei therapierefraktären Tumorschmerzpatienten berichtet. Größere klinische Studien zum Einsatz von NMDA-Re-zeptor-Antagonisten bei Tumorschmerz fehlen bisher jedoch. Zurzeit wird die Wirksamkeit und Verträglichkeit eines neuen NMDA-Rezep-tor-Antagonisten (Neramexane, Fa. Merz Pharmaceuticals, Frankfurt/M.) in verschiedenen Schmerzindikationen untersucht. Eine Studie untersucht Wirksamkeit und Verträglichkeit von Neramexane zur Schmerzprävention und als Koanalgetikum im perioperativen Bereich. Des Weiteren wird die Zusatztherapie zu Opioiden auch bei insgesamt 150 Patienten untersucht, die an mittelschweren bis schweren bewegungsabhängigen Schmerzen aufgrund von Knochenmetastasen leiden. Geeignete Patienten für diese Studie haben ein Alter zwischen 18 und 75 Jahren und erhalten Opioide, die einer Tagesdosis von mindestens 60 mg oralem Morphin entsprechen. Die Patienten sollten noch aktiv sein und keine schwer wiegenden Begleiterkrankungen aufweisen. Der Abstand zum letzten Zyklus der Chemotherapie sollte zwei Wochen betragen, weitere
Patientenratgeber zur Palliativmedizin
Ein Ratgeber für Patienten mit unheilbaren Krankheiten Dr. Erika Mendoza und Reinhard Zoske, 152 S., broschiert, 12,45 €, 2004, ISBN 3-9808990-3-9, Arrien Verlag, Wunstorf
Mit diesen zwei sehr ansprechenden und didaktisch gut aufgelockerten Büchern „Palliativmedizin“ und „Leitfaden für Pflegende Zugehörige“ werden die Probleme laienverständlich und doch sehr umfassend dargestellt. Nach wie vor sind Pflegende in vielen schweren Fragen auf sich allein gestellt, und der Leitfaden bietet eine Fülle von Anregungen, wie die Bedürfnisse von Schwerkranken und Sterbenden erfüllt werden können. Mit Reinhard Zoske ist ein Pastor und Hospizbeauftragter der Hospizstiftung Niedersachsen aktiv geworden, der durch ständige Schulungen von ehrenamtlichen Hospizhelfern weiß, mit welchen Fragen
Impressum
Organ der Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie
Herausgeber
Gerhard Müller-Schwefe,
Schillerplatz 8/1, D-73033 Göppingen Tel. 07161/976476 · Fax 07161/976477 E-Mail: gp@dgschmerztherapie.de
Schriftleitung
Oliver Emrich, Ludwigshafen; Thomas Flöter, Frankfurt; Winfried Hoerster, Gießen; Dietrich Jungck, Hamburg; Uwe Junker, Remscheid; Stephanie Kraus, (verantw.), Stephanskirchen, Tel.: 08036/1031; Thomas Nolte, Wiesbaden; Hanne Seemann, Heidelberg; Michael Überall, Nürnberg
Beirat
Joachim Barthels, Bad Salzungen; Wolfgang Bartel, Halberstadt; Heinz-Dieter Basler, Marburg; Günter Baust, Halle/ Saale; Klaus Borchert, Greifswald; Burkhard Bromm, Hamburg; Kay Brune, Erlangen; Mathias Dunkel, Wiesba-
Leitfaden für Pflegende Zugehörige
Dr. Erika Mendoza und Reinhard Zoske 168 S., broschiert, 12,45 €,, 2004, ISBN 3-9808990-2-0, Arrien Verlag, Wunstorf
die Betroffenen ständig konfrontiert sind. Für die ärztlichen Probleme wurde mit Dr. med. Erika Mendoza eine Ärztin gefunden, die das Thema nicht nur durch ihre palliativmedizinische Zusatzausbildung, sondern auch durch die langjährige Begleitung ihres verstorbenen Ehemannes aus nächster Nähe kennt. Zwar wenden sich beide Ratgeber eigentlich an Laien, sind aber sicher auch für viele Ärzte lesenswert, da sie viele Denkanstöße zum Thema „Sterbebegleitung“ kompetent und praxisnah vermitteln.
StK
den; Andreas Ernst, Berlin; Gerd Geisslinger, Frankfurt; Hartmut Göbel, Kiel; Henning Harke, Krefeld; Oliver Heine, Limburg; Ulrich Hankemeier, Bielefeld; Stein Husebø, Bergen; Klaus Jork, Frankfurt; Edwin Klaus, Würzburg; Eberhard Klaschik, Bonn; Lothar Klimpel, Ludwigshafen; Bruno Kniesel, Hamburg; Marianne Koch, Tutzing; Bernd Koßmann, Wangen; Peter Lotz, Bad Lippspringe; Christoph Müller-Busch, Berlin; Robert Reining, Passau; Robert
F. Schmidt, Würzburg; Günter Schütze, Iserlohn; Ralph Spintge, Lüdenscheid; Birgit Steinhauer, Limburg; Georgi Tontschev, Bernau; Roland Wörz, Bad Schönborn; Henning Zeidler, Hannover; Walter Zieglgänsberger, München; Manfred Zimmermann, Heidelberg
In Zusammenarbeit mit dem Fachverband Schmerz, Verband Deutscher Ärzte für Algesiologie e.V., Deutsche Gesellschaft für Algesiologie e.V., Deutsche Gesellschaft für Algesiologische Fachassistenz e. V., Deutsche Akademie für Algesiologie, GAF Gesellschaft für algesiologische Fortbildung mbH, Deutsche Schmerzliga e.V., Verband ambulant tätiger Anästhesisten e.V., Gesamtdeutsche Gesellschaft für Manuelle Medizin e.V., Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. und Deutsche Gesellschaft für Mund-, Kiefer-und Gesichtschirurgie Mit der Annahme eines Beitrags zur Veröffentlichung
Schmerzen natürlich bekämpfen
Dr. med. Inge Kelm-Kahl: Auf die sanfte Tour – Schmerztherapie mit natürlichen Mitteln. 144 S., broschiert, , 2005, 12,90 €, ISBN 3-936676-27-5. Aurelia-Verlag GmbH, Baden-Baden.
Auch wenn Schmerzen nur selten mit sanften Methoden allein zu bekämpfen sind, ist der Wunsch der Patienten nach natürlichen Methoden doch ungebrochen. In diesem Buch von Dr. med. Inge Kelm-Kahl werden die verschiedensten Hausmitteln – von den Kräutern bis hin zur Akupressur und manuellen Medizin – für die verschiedensten Schmerzsyndrome anschaulich und laienverständlich dargestellt. Dieser Ratgeber motiviert Schmerzkranke, auch selbst aktiv gegen den Schmerz mit naturheilkundlichen Methoden vorzugehen und eignet sich für Schmerzpraxen sicher als War
erwirbt der Verlag vom Autor alle Rechte, insbesondere das Recht der weiteren Vervielfältigung zu gewerblichen Zwecken mithilfe fotomechanischer oder anderer Verfahren. Die Zeitschrift sowie alle in ihr enthaltenen einzelnen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt.
Bezugspreis: Einzelheft 12,– Euro Abonnement für 4 Ausgaben pro Jahr 40,– Euro (zzgl. Versand, inkl. MwSt.). Der Mitgliedsbeitrag des DGS schließt den Bezugspreis der Zeitschrift mit ein. Die Zeitschrift erscheint im 21. Jahrgang.
Verlag
© URBAN & VOGEL GmbH, München
Leitung Medical Communication:
Ulrich Huber (verantw.) Schlussredaktion: Dr. Brigitte Schalhorn Herstellung/Layout: Martin Lipah Druck: Vogel Druck und Medienservice GmbH & Co. KG, Höchberg
Titelbild: Sydney Convention and Exhibition Centre
Pleuramesotheliom
Häufig sind bei progredient verlaufenden metastasierenden Tumorerkrankungen die Leberfunktion und/oder die Nierenfunktion deutlich eingeschränkt. Komplikationen können daher die Schmerzbehandlung erschweren und mitunter zur Opioidrotation zwingen. Retardiertes Hydromorphon, eine Substanz mit verlässlicher Pharmakokinetik, kann die Analgesie verbessern und Nebenwirkungen reduzieren und sollte daher nicht erst als Medikament der zweiten Wahl zum Einsatz kommen, berichten Dr. med. Ilka Kniesel, Muri, Schweiz, Dr. Junker, Remscheid, und
| Abrechnung (Beispiele) |
|---|
| EBM 2005 (hier Allgemeinärzte/spezielle Schmerztherapie) Ersttermin 03120 Beratung, Erörterung und/oder Abklärung, je vollendete 10 Minuten, Prüfzeit je 10 Minuten (Tag), 150 Punkte 03311 Ganzkörperstatus, Prüfzeit 11 Minuten (Tag), 300 Punkte oder 03312 klinisch neurologische Basisdiagnostik, Prüfzeit 7 Minuten (Quartal) 175 Punkte Folgetermine 03115 Konsultationsgebühr GOÄ (Nur diagnostische „Basisleistungen“) Ersttermin 3 Eingehende, das gewöhnliche Maß übersteigende Beratung – auch mittels Fernsprecher (Dauer mindestens 10 Minuten), 150 Punkte als alleinige Leistung – oder nur neben 5, 6, 7, 8, 800, 801, je nach tatsächlicher Er-bringung 34 Erörterung der Auswirkungen einer Krank-heit (Dauer mindestens 20 Minuten) (nicht neben 1, 3, 30) neben Untersuchungs-und Sonderleistungen 300 Punkte |
Dr. Oliver Emrich, Ludwigshafen.
Praxisfall
Ein 51-jähriger Patient mit inkurablem Karzinomleiden wurde wegen stärkster Lumboischialgie und Quadrizepsparese links bei bekannten Knochenmetastasen im Bereich der LWS stationär aufgenommen. Ursächlich liegt den Beschwerden ein 2002 diagnostiziertes Pleuramesotheliom zugrunde, weswegen er pleuraektomiert und eine Perikard- sowie Zwerchfellresektion durchgeführt wurde. Kurze Zeit später treten die ersten Metastasen auf. Sämtliche Therapieversuche scheitern, ohne die Progredienz des Tumors entscheidend beeinflussen zu können. Ende 2004 gibt der Patient erstmalig einen Kraftverlust im linken Bein und neuropathische Schmerzen von brennendem, teilweise elektrisierendem Charakter im Bereich der linken Lendenregion an. Die Intensität der Schmerzen nimmt stetig zu. Unter der Behandlung mit zwölfstündlich 30 mg ret. Morphiumsulfat, einem Bisphosphonat (Alendronat 70 mg/Woche), ergänzt durch Metoclopramidtropfen zwecks Emesisprophylaxe und Makrogol zur Obstipationsprophylaxe, seien die Schmerzen nur geringfügig erträglicher geworden. Zudem sei ihm neuerdings eine Gelbfärbung der Augen aufgefallen.
Befund
Wir finden einen allseits orientierten, schlanken Patienten mit deutlich ikterischem Hautkolorit vor. Die körperliche Untersuchung muss mehrfach schmerzbedingt unterbrochen werden. Die untere LWS ist extrem druck-und klopfschmerzhaft. Zusätzlich findet sich links ein abgeschwächter Patellarsehnenreflex und der Lasègue beträgt 30°. Die Kraft ist vermindert. Außerdem fällt eine starke Müdigkeit bis hin zur Sedierung auf. Die Schmerzstärke stuft er auf der visuellen Analogskala von 0 = kein und 100 = max. Schmerz mit durchschnittlich 80 ein.
Diagnose
Die Anamnese und Sichtung der Befunde entsprechen zum einen dem klinischen Bild einer Lumboischialgie (bedingt durch die Knochenmetastasen spinale Kompression im Bereich L4–S1) zum anderen einer Kumulation von Morphiumsulfat bei bekannter Leberfunktionsstörung auf dem Boden der Lebermetastasen. Unter der Therapie mit zwölfstündlich 30 mg ret. Morphiumsulfat ist es zu einem massiven Anstieg der ohnehin pathologisch erhöhten Leberwerte gekommen. Parallel dazu kumulieren die pharmakologisch aktiven Metabolite des Morphiums, aus denen eine ausgeprägte Müdigkeit bis hin zur Sedierung resultiert.
Therapie und Verlauf
Es erfolgt eine Einstellung auf ret. Hydromorphon (initial zwölfstündlich 4 mg), das anhand der Schmerztagebucheintragungen bei guter Verträglichkeit auf derzeit zwölfstündlich 16 mg hochtitriert wird. Schmerzspitzen werden mit 1,3 mg unretardiertem Hydromorphon kupiert. Ergänzend erhält er achtstündlich 100 mg Flupirtin, Pregabalin 75 mg–0–150 mg sowie 4 mg Dexamethason (in ausschleichender Dosierung gegen den Leberkapselspannungsschmerz) und Pantoprazol 20 mg abends zur Ulkusprophylaxe. Das Bisphosphonat bleibt Bestandteil der medikamentösen Kombinationstherapie ebenso wie die Metoclopramidtropfen zur Prävention der Emesis und das Macrogol zur Prävention der opiattypischen
Sonographie Pleuramesotheliom.
Archiv
Obstipation. Darunter sind die Nebenwirkungen (Sedierung) deutlich rückläufig und die Leberwerte verbessern sich. Der Patient verträgt die verordneten Substanzen gut (ein grobschlägiger Tremor unter Pregabalin wird nach Dosisreduktion toleriert) und ist mit etwa 50% Schmerzreduktion auf VAS 40 im Mittel zufrieden. Er wird wieder mobil, die physiotherapeutische Behandlung kann intensiviert werden und die palliativmedizinische Bestrahlungsserie der LWS wird gestartet. Der Patient kann in deutlich gebessertem und stabilem Zustand in die häusliche Versorgung entlassen werden.
Diskussion
Bei Leberfunktionsstörungen lassen sich durch eine Opiatrotation auf ein pharmakologisch besser verträgliches Opioid die Analgesie verbessern und die Nebenwirkungen reduzieren. Mit retardiertem Hydromorphon im medikamentösen Therapiekonzept steht eine zuverlässige Substanz zur Verfügung, die sich durch eine geringe Plasmaeiweißbindung und fehlende aktive Metabolite (Kumulationsgefahr gering) auszeichnet. Hydromorphon sollte vor allem bei Risikopatienten mit Leber- und Nierenfunktionsstörungen am besten gleich von Anfang eingesetzt werden und nicht erst im Sinne einer Opioidrotation zum Einsatz kommen.