Inhaltzurückweiter




Jean-Marie Besson,
Paris.


Die Erfolgsstationen der IASP

Mit derzeit 6675 Mitgliedern aus 93 Ländern stellt die IASP, die letztes Jahr ihren 25. Geburtstag feierte, die größte internationale Gesellschaftigung von Schmerzexperten dar. Der Wiener Weltkongreß der IASP ist das größte Podium zum Erfahrungsaustausch über das Thema Schmerz für die nächsten drei Jahre. Im folgenden Interview schildert der Kongreßpräsident, Prof. Jean-Marie Besson, Paris, Frankreich, seine Erwartungen an den 9. Weltkongreß der IASP in Wien und die Geschichte der Erfolge der IASP, die von John Bonica in Washington gegründet wurde.


Wie hat sich die IASP entwickelt?
Seit 1975 gibt es die IASP als multidisziplinäre Gesellschaft, die sich den Mechanismen der Schmerzentstehung und den klinischen Schmerzsyndromen widmet, um die Therapie der Schmerzkranken weltweit zu verbessern. Dieses hochgesteckte Ziel will die IASP erreichen, indem sie Grundlagenforscher und Kliniker zusammenbringt. Mit derzeit fast 7000 Mitgliedern in etwa 90 Ländern und mit über 30 nationalen Gruppierungen (Chapters) stellt sie weltweit die größte Gesellschaftigung von Schmerzexperten dar.
Die IASP besitzt einen eigenen Verlag, der jedes Jahr Bücher zum Thema Schmerz zu nichtkommerziellen Preisen druckt. Alle vier Monate produzieren wir einen Newsletter, und das Organ unserer Gesellschaft ist die renommierte Zeitschrift Pain, die im 26. Jahrgang erscheint.

Was sind die Hauptziele, die Sie bereits erreicht haben?
Wir verfolgen aufgrund der multidisziplinären Zusammensetzung unserer Gesellschaft natürlich mehrere Ziele: Da 80% unserer Mitglieder Kliniker sind, liegt der Schwerpunkt auf der Verbesserung der Schmerztherapie in den unterschiedlichsten Fachgebieten - der Neurologie, Orthopädie, Chirurgie, Onkologie usw. Unser Hauptziel ist die bessere Versorgung aller Schmerzkranken. Gegen viele Schmerzformen gibt es inzwischen relativ effiziente Therapieformen, wie z.B. bei postoperativen Schmerzen, aber auch gegen Krebsschmerzen. Werden Morphine und Opioide richtig eingesetzt, können wir Krebsschmerzen bei 70 bis 95% der Patienten ausreichend behandeln. In diesen Bereichen haben wir mit unseren Therapieempfehlungen sicher vieles bereits deutlich verbessert. Noch vor wenigen Jahren wurden Morphine nur in England, Dänemark und Finnland ausreichend verordnet, heute werden sie auch in Deutschland, Italien, Spanien, Amerika und Frankreich häufiger verschrieben.
Daneben ist die Grundlagenforschung zum Schmerz eine weitere Aufgabe, bei der wir auch bereits ein wesentlich besseres Verständnis der Pathophysiologie der verschiedenen Schmerzsyndrome erreicht haben.

Wo sehen Sie noch Aufgaben für die Zukunft?
Der neuropathische Schmerz bereitet uns nach wie vor therapeutisch größte Probleme. Dahinter verbergen sich sehr unterschiedliche Entitäten, so können zum Beispiel periphere Nervenläsionen (bei der diabetischen Neuropathie) oder auch zentrale Auslöser wie ZNS-Traumen diese Beschwerden auslösen. Wir schätzen, daß es über zwanzig unterschiedliche Formen davon gibt. Hier benötigen wir noch mehr Grundlagenforschung, um eine bessere gezielte pharmakologische Behandlung zu finden.
Dieses Krankheitsbild wird in Wien sowohl von den Grundlagenforschern als auch von den Klinikern ausführlichst diskutiert werden.

Was sind für Sie Highlights der Tagung in Wien?
Mit Spannung erwarte ich die Ergebnisse der Plenarsitzungen und der über 80 Workshops. Mit Sicherheit werden die vielen wissenschaftlichen Vorträge über neue Schmerzmodelle unsere Grundlagenkenntnisse über die Pathomechanismen der Schmerzgenese weiter abrunden.
Die Molekularbiologie, die es uns ermöglicht, die neuen Rezeptoren zu klonen und neue Techniken für Knock-Out-Modelle von Genen zu entwickeln, ist ein spannendes Gebiet der modernen Algesiologie. Auch dazu erwarten wir viele neue Daten in Wien.
Große Hoffnungen setze ich persönlich in die bildgebenden Verfahren, die uns endlich nichtinvasive Einblicke ins menschliche Gehirn ermöglichen. Bisher war die Forschung hier durch ethische Grenzen limitiert. PET und Kernspintomographie eröffnen uns hier neue Wege. Zumindest bei Gesunden liefern diese Verfahren sehr homogene, konsistente Ergebnisse. Hier werden wir in Zukunft sicher noch mehr am Patienten arbeiten können.
Schmerzen sind ein sehr komplexes Phänomen mit emotionalen, sensorisch-diskriminativen Komponenten im ZNS und psychologischen, kognitiven und Verhaltensaspekten, die sich lange den Forschern entzogen haben.
Eine weitere große Aufgabe für die Zukunft liegt bei der besseren Evaluation der Therapieempfehlungen. Nicht nur die Kosteneffektivität, sondern auch die Sicherheit der modernen invasiven Therapieformen wie z. B. der Neurostimulation sind zu prüfen. Einige der modernen Techniken sind sehr teuer, und ohne eine gründliche Evaluation werden diese aufwendigen Behandlungen von den Krankenkassen nicht ersetzt werden. Spannend ist auch die Genetik bei den Schmerzerkrankungen, die bisher noch in den Kinderschuhen steckt, aber auch vielversprechend ist. Hier können wir sicher noch viel dazulernen.

Ist der Wiener Kongreß damit in erster Linie ein Podium der Experten?
Sicherlich nicht, der Kongreß steht allen Ärzten und Vertretern anderer Fachgebiete offen. Neben diesen wissenschaftlichen Highlights stellen wir in Wien zu allen klinisch relevanten Alltagsproblemen die neuesten Therapieformen praxisnah vor - von der Hypnose bis zur medikamentösen Standardtherapie bei Allerweltsleiden wie z. B. dem Rückenschmerz.
Ich lade Sie und alle Ihre Leser herzlich nach Wien ein. Schmerztherapeuten, Ärzte und Grundlagenforscher werden von diesem gewaltigen wissenschaftlichen Kongreß sicher nicht entäuscht.



HOMEzurückweiter