Inhaltzurückweiter

Gesundheitspolitik


Interdisziplinäre Schmerzkonferenz:
Baden-Württemberg übernimmt
Vorreiterrolle

In Nord-Württemberg startet ein Pilotprojekt der AOK und Techniker Krankenkasse mit der Kassenärztlichen Gesellschaftigung, bei dem erstmals die interdisziplinären Schmerzkonferenzen für chronische Schmerzpatienten honoriert werden.
Baden-Württemberg übernimmt damit eine Vorreiterrolle in der Bundesrepublik bei der flächendeckenden qualifizierten Versorgung der chronisch Schmerzkranken.
llein in Baden-Württemberg gibt es etwa 700 000 chronische Schmerzpatienten, die nicht länger mit ihrem Schmerz allein gelassen werden sollen. Nach wie vor ist Deutschland in der Schmerztherapie ein Entwicklungsland und hat Defizite. Nur 2500 Patienten erhalten beispielsweise in Baden-Württemberg Opioide, obwohl stark wirksame Morphine allein für wesentlich mehr Krebskranke angezeigt wären, informierte der Stuttgarter Sozialminister Dr. FRIEDHELM REPNIK bei einer Pressekonferenz am 18.10.02 im Stuttgarter Landtag. Nach wie vor sind die Opioidängste bei Ärzten und Patienten weit verbreitet, und diese Ressentiments beeinträchtigen nicht nur den Genesungsprozess, sondern sind ebenso schädlich wie der allzu sorglose Umgang mit den „kleinen“ Analgetika. Um den Wissenstransfer in die Praxis – sowohl stationär als auch ambulant – zu fördern, wurde die Schmerzkonzeption Baden-Württemberg entwickelt. Auf allen drei Ebenen (überregionale Schmerzzentren, regionale Schmerzzentren und auf der Ebene der Kreisärzteschaft interdisziplinäre Schmerzkonferenzen) zieht sich der interdisziplinäre Ansatz wie ein roter Faden durch.
Kurswechsel
Dies bedeutet einen Kurswechsel von multidisziplinären, nacheinander folgenden Therapien hin zum gleichzeitigen interdisziplinären Konzept: Dieses soll als schlüssiges Modell nicht nur Leid lindern, sondern auch wirtschaftlicher sein, da das „Doktorhopping“ entfällt. Das ambulante Pilotprojekt ist von der AOK, der Techniker Krankenkasse und der Kassenärztlichen Gesellschaftigung Nord-Württemberg gemeinsam entwickelt worden und wird als Pilotprojekt bis 2004 durchgeführt.
Sozialminister Dr. Friedhelm
Repnik, MdL, Stuttgart.
Mit diesem Pilotprojekt, das in Nord-Württemberg evaluiert wird, sollen Problempatienten mit chronischen Kopf- oder Rückenschmerzen einem interdisziplinären Expertenteam vorgestellt werden, informierte der AOK-Vorstandsvorsitzende ROLAND SING. Der Hausarzt muss nur einen entsprechenden Antrag ausfüllen, über die Moderatoren informiert die Kollegen die Kassenärztliche Gesellschaftigung, ergänzte Dr. WERNER BAUMGÄRTNER.
Honorierte Schmerzkonferenzen


Faltblatt der beiden Kassen für die Schmerzkranken.
Pro Fall ist ein Honorar von 305 Euro vorgesehen, von dem der vorstellende Arzt 80 Euro, der Moderator 70 Euro und die zugezogenen ein bis drei Sachverständigen 45 Euro erhalten. Die AOK rechnet mit etwa 150 Fällen pro Jahr. Über die entstehenden Kosten, und ob sich dadurch insgesamt Kosten einsparen lassen, gibt es noch keine Zahlen. Zwingend ist aber künftig, Patienten vor einer invasiv-interventionellen Therapie in einer Schmerzkonferenz vorzustellen, ergänzte GERHARD MÜLLER SCHWEFE, Schmerztherapeut aus Göppingen, der maßgebend an der Ausarbeitung dieses Pilotprojektes beteiligt war. Die Implantation von Morphinpumpen kostet 5 - 10 000 Euro und wird oft ohne sachgerechte Vorfelddiagnostik, Schmerzanalyse und Schmerztherapie erfolglos durchgeführt. Vor derartigen invasiven Behandlungen müssen Schmerztagebücher geführt werden und eine standardisierte Diagnostik durchgeführt worden sein. So ist es ein weiteres Ziel dieser ambulanten Schmerzkonferenzen, vor unnötigen und teuren Eingriffen zu schützen. Bisher wurden bereits von den Algesiologen freiwillig Schmerzkonferenzen durchgeführt, aber nun werden sie erstmals zumindest für Patienten der AOK und Techniker Krankenkasse auch honoriert. Als drittgrößte Krankenkasse beteiligt sich die Techniker Krankenkasse an diesem regionalen Projekt, da sich Neuerungen nur regional evaluieren lassen, ergänzte Prof. Dr. NORBERT KLUSEN, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse. In einem Faltblatt informieren die beiden Kassen Patienten über das neue Angebot für Kopf- und Rückenschmerzpatienten. Pro Jahr werden 200 Millionen Euro für Schmerzmittel ausgegeben, und allein diese Zahl zeigt, wie teuer Schmerzen hierzulande kommen.
Gebündeltes Expertenwissen – Kompetenzen breiter nutzen
Ziele der interdisziplinären Schmerzkonferenzen als einem Instrument der ambulanten Patientenversorgung sind laut Dr. WERNER BAUMGÄRTNER, Vorsitzender des Vorstandes der KV Nord-Württemberg: Eine weitestgehende Schmerzreduktion für die Betroffenen, eine effizientere Behandlung, mehr Wirtschaftlichkeit bei der Bereitstellung von Medikamenten („beileibe nicht alle benötigen ein Pflaster, vielen helfen Tabletten und Tropfen ebenso“), Krankenhausaufenthalte zu vermeiden und die Dauer der Arbeitsunfähigkeit zu reduzieren. Bei Problempatienten können sich Ärzte an einen Moderator wenden und dort die Vorstellung anmelden. Dies setzt voraus, dass der Patient ein Schmerztagebuch führt und mit der Weitergabe seiner Daten einverstanden ist. Der Moderator zieht maximal drei Fachleute aus Neurologie/ Anästhesie, Orthopädie, sowie Zahnärzte und/oder Physiotherapeuten zu. Neben einem ausführlichen Arztbrief gehört zu der interdisziplinären Konferenz auch zwingend eine Nachbesprechung. Ein wissenschaftlicher Beirat evaluiert den Erfolg dieses Projektes und passt es an die aktuellen Erfordernisse an. Insgesamt hofft die KV, dass die interdisziplinären Schmerzkonferenzen dazu beitragen, bereits bestehende Kompetenzen und Strukturen breiter zu nutzen und die Schmerztherapie zu verbessern. Zugewinn an Lebensqualität und Lebenskompetenzen für Schmerzkranke sind oberstes Ziel, betonte BAUMGÄRTNER. Es bleibt zu hoffen, dass das vorerst bis 2004 befristete Projekt danach erfolgreich erweitert und fortgeführt werden kann und weitere Kassen sich dem Vertrag anschließen.

HOMEzurückweiter