Fakten und Mythen
Liebe Kolleginnen und Kollegen,EBM ist zu einem der wichtigsten Begriffe in der Medizin
geworden. EBM steht nicht nur für Einheitlicher
Bewertungsmaßstab, das Leistungsverzeichnis der gesetzlich
Versicherten für alle ambulant tätigen Ärzte, das heißt
künftig auch für Klinikärzte und Ärzte in
Versorgungszentren. Bedeutung für Schmerzpatienten hat dieses von
der Gesundheitspolitik erneut aufgeschobene Leistungsverzeichnis vor
allem deshalb, weil sich daran die Erwartung knüpft, dass sich hierin
qualifizierte schmerztherapeutische Versorgung unabhängig von Lust und
Laune der einzelnen Krankenkasse als Leistungsanspruch für alle gesetzlich
Versicherten wiederfindet (siehe Beitrag S.4). EBM steht
aber auch für Evidenced Based Medicine, einer Medizin, die ihre
diagnostischen und therapeutischen Entscheidungen auf der Grundlage
überprüfbarer Daten trifft. |
 G. Müller-Schwefe, Göppingen |
| Um so mehr muss es
verwundern, dass längst tot geglaubte Vorurteile und Mythen, die
längst in der Gruft der widerlegten Glaubenssätze beerdigt schienen,
wieder auferstehen und für Verunsicherung und Verweigern sinnvoller
Therapien sorgen. |
| Diese Erfahrungen mit
Schmerzen und Schmerztherapie sind leider kein Einzelfall. |
| Mythos Sucht |
| Unter dem Titel Oxycodon (Oxygesic®):
Missbrauch, Abhängigkeit und tödliche Folgen durch Injektion
zerstoßener Retardtabletten, hat die Arzneimittelkommission der
deutschen Ärzteschaft und damit das Sprachrohr der Bundesärztekammer
wie auch der gesamten deutschen Ärzteschaft am 05. September 2003 eine
zweiseitige Abhandlung über die angebliche Missbrauchsgefahr von
Oxygesic® veröffentlicht. |
 Mythos statt Evidenz? |
Gerade die Pharmakotherapie ist eine Domäne
Evidenz-basierter Empfehlungen. |
| Deshalb muss es besonders verwundern, wenn die
Arzneimittelkommission mit einem seit 13 Jahren nicht mehr im deutschen Handel
befindlichen nicht retardierten Opioid (Eukodal®), wie auch mit nur in den
USA vertriebenen oxycodonhaltigen Mischungen ein Suchtpotenzial von
retardiertem Oxycodon als Monosubstanz belegen möchte. Mit dem
Literaturzitat anonym herangezogene anekdotische Fälle
besitzen ebenso wenig Evidenz wie die Aussage, Oxycontin® soll in der
Drogenszene den Namen Hillbilly-Heroin haben. Derartige Aussagen bergen
keinerlei wissenschaftliche Inhalte, sondern dienen allenfalls der
Stimmungsmache. |
| Ohne Zweifel gilt es bei jeder Pharmakotherapie,
Sorge um das Leben von Drogenabhängigen zu tragen, wie dies die
Arzneimittelkommission in den Mittelpunkt ihrer Erwägungen gestellt hat.
Gerade deshalb aber kann das weit größere Problem der unzureichenden
Versorgung chronisch schmerzkranker Menschen mit stark wirksamen Schmerzmitteln
vom Opioidtyp durch Stellungnahmen mit derartig dünner Datenlage nicht
erneut in Frage gestellt werden. Angesichts der Dimension von statistisch
gesicherten 15 Millionen schmerzkranken Menschen in Deutschland, von denen
900.000 bis 1.000.000 unter starken opioidpflichtigen Schmerzen leiden, ist
ohne Zweifel eine Abwägung notwendig, welcher Stellenwert der Sorge um
eine sinnvolle und ausreichende Versorgung von Schmerzpatienten im
Verhältnis zum Problem von Drogenabhängigen zukommt. |
| Die von der Arzneimittelkommission gewählte
Überschrift muss angesichts der Tatsache, dass beim BfArM kein einziger
Todesfall durch missbräuchliche Anwendung von retardiertem Oxycodon in
Deutschland gemeldet ist, Unverständnis erwecken. Auch die von den Autoren
vorgeschlagene Beschränkung hochdosierten Oxycodons nur für
Tumorpatienten, lässt alte, längst widerlegte Vorurteile über
Tumorschmerz neu aufleben. Die Pathomechanismen der Schmerzentstehung
unterscheiden sich bekanntlich nicht bei tumorbedingten und nicht
tumorbedingten Schmerzen. |
| Fakten |
| Dem von der Arzneimittelkommission der
deutschen Ärzteschaft initiierten Reanimationsversuch des Opioidmythos
stehen klare Fakten entgegen: |
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Selbst in dem von der Kommission zitierten
Frühwarnsystem Sucht findet sich ausschließlich ein
einziger dokumentierter Fall von Oxygesic®-Missbrauch. |
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Beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
(BfArM) ist bis heute kein einziger Todesfall durch missbräuchliche
Anwendung von retardiertem Oxycodon (Oxygesic ®) in Deutschland gemeldet.
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Jedes Jahr kommen in Deutschland mehr Menschen durch die Einnahme
von nicht verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln und NSAR zu Tode als durch
Drogen. |
| Angesichts dieser Tatsachen und der
fehlenden Organtoxizität von Opioiden kann die zentrale Aussage der
Arzneimittelkommission: Die Sorge um eine optimale Versorgung der
Schmerzpatienten in der Bundesrepublik darf die Sorge um das Leben von
Drogenabhängigen nicht verdrängen, nicht unkommentiert bleiben.
Vielmehr ist zu fordern, dass die Sorge um das Leben von Drogenabhängigen
und hieraus abgeleitete Vorurteile die adäquate Versorgung von chronischen
Schmerzpatienten und deren Leben nicht weiterhin in Frage stellen darf. |
| Mythos Schmerztherapie verkürzt das
Leben |
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| Ärztin Approbation entzogen, Sterbehilfe
oder Totschlag?, Internistin als Todesengel. So und
ähnlich lauteten die Schlagzeilen, die Mitte Oktober durch die Republik
gingen. Der Hintergrund: Eine Internistin wird beschuldigt, durch zu hohe
Morphindosen und Benzodiazepingaben Karzinompatienten vorzeitig ins Jenseits
befördert zu haben. Und erneut stehen längst tot geglaubte Mythen
auf, keine Talkshow, keine Diskussionsrunde, in der nicht ernsthaft
darüber diskutiert wird, ob man bei Karzinompatienten Schmerztherapie um
den Preis eines verkürzten Lebens durchführen solle. |
 Ulla Schmidt,
Berlin, erläutert in Dresden ihre Gesundheitsreform. |
| Fakten |
| Die Fakten sind genau umgekehrt: Durch
richtig durchgeführte, adäquate Schmerztherapie, auch mit Opioiden,
hat kein Mensch auch nur eine Sekunde kürzer gelebt, im Gegenteil:
Effektive Schmerztherapie schafft Ressourcen zur Bewältigung
drängender Lebensfragen, verhilft zu Lebensqualität und Lebensinhalt
und verhindert schmerzinduzierte Immunsuppression. |
| Fakten |
| Dem von der Arzneimittelkommission der
deutschen Ärzteschaft initiierten Reanimationsversuch des Opioidmythos
stehen klare Fakten entgegen: |
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In Kliniken treffen Patienten zu 50% bis 90% auf
Nicht-Fachärzte, in Allgemeinund Facharztpraxen zu 98% auf
Fachärzte. |
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Zahlreiche Kliniken auch Universitätskliniken
leiten ihre schmerztherapeutische Kompetenz ausschließlich aus der
Fachgebietskompetenz des Abteilungsleiters ab, die schmerztherapeutische
Qualifikation beruht oft auf Eigendeklaration. |
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Qualifizierte Schmerztherapie ist in der ganzen Republik
ausschließlich an die Qualifikation der Schmerztherapeuten
gekoppelt. |
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Bei niedergelassenen Vertragsärzten sind jährliche
Rezertifizierung der Allgemeinen und Speziellen
Schmerztherapie, wie sie vor Jahren von DGSDGS und DGSS einführt
wurden, Voraussetzung für die schmerztherapeutische Tätigkeit. |
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Viele in Klinikambulanzen tätige Schmerztherapeuten
unterziehen sich ebenfalls dieser jährlichen Rezertifizierung. |
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DGS und DGSS werden in diesem Bereich ihre Kooperation weiter
intensivieren. |