| Schmerzen auch symptomatisch
lindern |
| Noch weitaus stiefmütterlicher aber werden die
Patienten behandelt, deren Schmerz eigentlich ein Symptom einer chronischen
Erkrankung ist, dann aber in chronischen Schmerz oder eine chronische
Schmerzkrankheit übergegangen ist. Patienten mit Ischämieschmerzen
oder mit diabetischer Polyneuropathie, um nur zwei große Patientengruppen
zu benennen, werden meist lediglich als kurativ zu behandelnde Patienten
wahrgenommen. Selbstverständlich ist die kausale hausärztliche bzw.
internistische Behandlung bei diesen Patienten ein absolutes Muss. An erster
Stelle steht natürlich die diagnostische Abklärung, dann aber
sicherlich auch eine kompetente haus- oder fachärztliche Begleitung der
chronischen Grunderkrankung. |
| Leider aber wird allzu oft vergessen, dass diese
Patienten nicht unerheblich beeinträchtigt sind durch ihre chronische
Schmerzkrankheit, die sie, wenn man sie persönlich befragt, meist als
erheblich schwerwiegender empfinden als die Grunderkrankung. |
| Die ganzheitliche Betrachtungsweise des Patienten und das
interdisziplinäre Herangehen an mit chronischem Schmerz verbundene
chronische Erkrankungen ist immer noch keine Realität im klinischen
Alltag. |
 Endoskopie bei Morbus
Crohn: Multiple, bizarre Ulzerationen. |
| Nach meiner Erfahrung wird insbesondere die palliative,
schmerztherapeutische Behandlung von chronischen Bauchschmerzen
hausärztlicherseits enorm vernachlässigt. Das zeigt sich u. a. darin,
dass nur wenige Patienten im schmerztherapeutischen Patientengut dieser Gruppe
angehören. Nur selten kommt es etwa bei Patienten mit chronisch
entzündlichen Darmerkrankungen dazu, dass sie durch Haus- oder
mitbehandelnde Fachärzte, z.B. Gastroenterologen, eine Überweisung
zum Schmerztherapeuten erhalten. Eher noch sehen wir in den Schmerzpraxen
Patienten mit Bauchschmerzen im Rahmen von funktionellen Störungen. |
| Chronische Pankreatitis und Schmerz |
| Hausärztlicherseits vorgestellt wurde eine 35-jährige
Patientin mit drei kleinen Kindern, die eine langjährige Alkoholanamnese
hinter sich hat. Nach dem letzten stationären Entzug ist sie seit
mittlerweile drei Jahren trocken und in der Lage, ihre Kinder allein und
gewissenhaft zu versorgen. Wegen anhaltender Oberbauchschmerzen, die sich nach
eingehender vollständiger Diagnostik als Korrelat einer chronischen
Pankreatitis erwiesen, hatte sie sich angewöhnt, in
unregelmäßigen Abständen bis zu 120 Tropfen Tilidin pro Tag bei
Bedarf einzunehmen. Mit der Überweisung zur Schmerztherapie ist der Entzug
dieser unretardierten Opioide angestrebt. |
| Nach Rücksprache mit dem Hausarzt wird nicht nur dieser
Entzug durchgeführt, sondern die Patientin ebenfalls auf retardierte
Stufe-IIOpioide eingestellt. Es lässt sich deutlich machen, dass die in
Eigenregie durchgeführte Schmerzmedikation der Patientin nicht allein
Ausdruck der Suchtpersönlichkeit, sondern auch Ausdruck einer chronischen
Schmerzkrankheit ist, die es rechtfertigt, von einem opioidpflichtigen Schmerz
zu sprechen. Die Patientin wurde für drei Jahre auf eine stabile Dosis von
12-stündlich 350 mg retardiertes Tilidin eingestellt. Erneute,
alkoholunabhängige Schübe machten es notwendig, auf den dann erneut
erhöhten Schmerzpegel (auf der numerischen Analogskala jetzt nach
anfänglicher 50%iger Reduktion wieder auf 7) mit einer Einstellung der
Patientin auf Stufe-III-Opioide zu reagieren. Zur Zeit ist sie mit einem 50
µg Fentanyl- Pflaster, das sie 72-stündlich wechselt, befriedigend
eingestellt und ihrem Alltag wieder gewachsen. |
| Die medikamentöse Therapie wurde begleitet von
psychosomatisch stützenden Gesprächen und der Teilnahme an einem
Schmerzbewältigungsprogramm nach BASLER. |
| Endometriose und Schmerzen |
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| Nicht immer sind es internistische Ursachen, die zu chronischen
Bauchschmerzen führen. Eine der häufigsten Schmerzerkrankungen bei
jungen Frauen, die mit Bauchschmerz verbunden ist, ist die Endometriose.
Zyklusabhängig reihen sich Phasen heftigeren Schmerzes an Phasen mit
geringerem Schmerz. Ich berichte von einer Patientin, die sich seit
mittlerweile sechs Jahren in meiner Behandlung befindet. Zu Beginn der
Behandlung war sie nicht selten in der prämenstruellen Phase nicht in der
Lage, ihrer Arbeit als Vollzeitlaborantin im Schichtdienst nachzukommen und
musste krank geschrieben werden. Die Therapie umfasste ein Coping-Seminar,
viszerale Osteopathie, Akupunktur, Neuraltherapie und medikamentös eine
Kombination aus Kanalmodulatoren und NSAR. |
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| Mittlerweile wird die Medikation nur noch bei Bedarf
an zwei bis drei Tagen des Zyklus eingenommen. Eine aktive Mitarbeit in der
Selbsthilfegruppe unterstützt die Bewältigung der Grund- und der
Schmerzerkrankung, die im Fall der Patientin auch mit Kinderlosigkeit verbunden
ist. |
| Erfreulich ist, dass es immer wieder Zeichen
dafür gibt, dass Umdenken möglich ist. So war ich beispielsweise beim
5. Deutschen Endometriose-Kongress eingeladen, etwas über die Behandlung
des Endometriose - Schmerzes aus schmerztherapeutischer Sicht zu
berichten. |
| The times they are a changing. |
 |
Zeitgleiche Schmerztherapie |
| Es bleibt zu wünschen, dass in der Zukunft auch bei
Übersichtsarbeiten wie z.B. der 1998 von MARIANNE und OTTO KLOKE
herausgegebenen Diagnostik und Therapie chronischer Schmerzen in der
Inneren Medizin dem Aspekt der zeitgleichen kurativen und palliativen
Behandlung nach und gegebenenfalls auch während der notwendigen Phase der
Diagnostik mehr Raum eingeräumt werden wird. So findet sich hier im
Kapitel Schmerz bei gastrointestinalen Erkrankungen nach einer Aufzählung
funktioneller gastrointestinaler Erkrankungen und einer weiteren
Aufzählung verschiedener medikamentöser Möglichkeiten (NSAR,
Opioide, trizyklische Antidepressiva, Anxiolytika, Prokinetika,
Säuresekretionshemmer, Laxanzien, Spasmolytika) folgende
Zusammenfassung: |
| Abdominale Schmerzen stellen
für den Kliniker stets eine Herausforderung dar. Der akute Schmerz weist
häufig auf eine vital bedrohliche Erkrankung hin, die eine umgehende
diagnostische Abklärung und kausale Therapie erfordert. Der chronische
Schmerz kann durch vielfältige organische Ursachen bedingt sein. Da die
Identifizierung der Ursache eines Schmerzes die Voraussetzung für eine
erfolgversprechende kausale Therapie darstellt,
sollte immer das Ziel |
| bestehen, die
Ursachen eines chronischen Schmerzes zu identifizieren. Allerdings ist
auch unter Ausschöpfung der verfügbaren diagnostischen
Maßnahmen nur bei einem Teil aller Patienten mit chronischen oder
chronisch rezidivierenden Schmerzen eine organische Ursache von Beschwerden mit
den in der klinischen Routine verfügbaren diagnostischen Maßnahmen
nachweisbar. Bei allen übrigen muss von einer sog. funktionellen
Störung ausgegangen werden. Dabei dürfte eine Störung der
Verarbeitung von viszeralen Afferenzen oder der Regulation der Motilität
ursächlich an der Entstehung der Symptome beteiligt sein. |
| Die in diesem Absatz
deutlich zum Ausdruck gebrachte dualistische Denkweise wird dem Schmerz als
menschlicher Empfindung im biopsychosozialen Zusammenhang nicht gerecht. Eine
Trennung in organisch bedingte und damit notwendigerweise nach Diagnostik
kurativ anzugehende Schmerzen auf der einen Seite und funktionelle
Störungen auf der anderen Seite erscheint zu einfach. |
| Die vier angeführten
Kasuistiken zeigen, dass es Schmerzen im Rahmen einer chronischen
Grunderkrankung geben kann, die, über ihre Funktionen als Warnsymptom des
Körpers hinaus, als chronischer Schmerz ebenfalls einer adäquaten
Therapie zugeführt werden müssen. |
MAGDALENE BRONS, Leer
brons@STK-ev.de |