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Innere Medizin

Angststörungen und Depressionen
bei Brustschmerz nicht übersehen!

Bei Angina pectoris oder Herzinfarkt kann sich Angst einstellen. Angststörungen und Thoraxschmerz können mit und ohne koronare Herzkrankheit auftreten und nehmen die ärztlichen Versorgungssysteme über Gebühr in Anspruch. Nach einer WHO-Studie in deutschen Allgemeinpraxen fand sich dort eine Prävalenz der generalisierten Angststörung von 8–9% und einer Panikstörung von 2–3%. Der psychogene Thoraxschmerz, der hinter manch einer dramatischen Schilderung steht, verdient daher ein besonderes Augenmerk, erinnert Priv.-Doz. Dr. med. Roland Wörz, DGS-Leiter aus Bad Schönborn.

Roland Wörz,
Bad Schönborn
horaxschmerz ist ein wichtiges Warnsignal bei Erkrankungen der inneren Organe (Interozeption), der Thoraxwand (Exterozeption) und des Bewegungssystems (Propriozeption). Da Herz-/Kreislaufkrankheiten an erster Stelle der Todesursachen stehen, ist die rasche Diagnostik und ggf. angemessene Behandlung der zahlreichen internistischen Ursachen vorrangig, speziell eines Herzinfarkts. Die Aufstellung des „American College of Cardiology“ der möglichen Zeichen von Angina pectoris oder Herzinfarkt lässt allerdings eine Unspezifität erkennen, wobei zu den qualitativen Unterschieden noch verschiedene Ausprägungen kommen:
Druck oder Beklemmungsgefühle im BruDGSorb
Schmerzen in Nacken, Kiefer, Rücken oder in den Armen
Blässe, kalter Schweiß, schneller oder unruhiger Puls
Atemnot, Übelkeit oder Unwohlsein in der Magengegend
Krankheits- oder Schwächegefühl ohne Grund.
Auch bei den funktionellen, psychogenen und psychosomatischen, den im Rahmen affektiver, schizoaffektiver oder schizophrener Störungen auftretenden Brust- oder Herzschmerzen sind die Beschwerden vielgestaltig. Schmerzen können stechend, ziehend, drückend oder brennend, verkrampfend oder wellenförmig erlebt werden, begleitet von Schwäche, Schwindel und Atembeschwerden, Tachykardie oder Zittern. Von den Betroffenen werden sie manchmal bedrohlicher erlebt und dramatischer geschildert als ein tatsächlicher Herzinfarkt, der sich bekanntlich in subklinischen Symptomen äußern oder sogar stumm verlaufen kann.
In der ICD-10-Version werden die psychogenen Thoraxschmerzen als „Somatoforme autonome Funktionsstörung des kardiovaskulären Systems“ (F 45.3) oder als „Panikstörung“ (F 41.0) geführt, gelegentlich ist eine „Hypochondrische Störung“ (F 45.2) in Erwägung zu ziehen. In der Vergangenheit gab es hierfür eine ganze Serie von Synonyma: Herzneurose, Herzphobie, Effortsyndrom, Da-Costa-Syndrom.
Funktionelle Herzschmerzen treten gehäuft im Rahmen von Angststörungen auf, insbesondere bei der generalisierten Angststörung oder bei Panikattacken mit ihrer ausgestanzten Symptomatik – dem abrupten Auftreten mit oder ohne Auslöser, auch aus dem Schlaf heraus und ihrem Abklingen nach Minuten bis zu wenigen Stunden. Katastrophenverhalten mit Todesangst oder der Furcht, den Verstand zu verlieren, gibt ihnen eine dramatische Ausdrucksgestaltung.
Angststörungen mit Brustschmerzen können mit oder ohne koronare Herzerkrankung auftreten. In einigen Studien wurden sie aber gehäuft bei Brustschmerzen und negativem Organbefund festgestellt, sodass die Psychopathologie von generalisierten Angst- oder von Panikstörungen eine koronare Herzkrankheit nicht ausschließt, sondern nur weniger wahrscheinlich macht.
Information kann heilen
Ist eine objektiv bedrohliche Erkrankung ausgeschlossen, so ist die entsprechende Aufklärung schon Bestandteil der angemessenen Behandlung. Der Patient muss allerdings den Eindruck gewonnen haben, dass die Untersuchung gründlich erfolgt ist und er ernst genommen wird, das Verhalten des Arztes echt ist. Wenn dann die psychische Entstehung durch die Erfassung von Biographie und Persönlichkeit des Patienten erwiesen ist, die Diagnose einer psychogenen oder psychosomatischen Entstehung getroffen wurde, so sind wiederkehrende organbezogene Abklärungen, Serien von EKGs und häufige Wiederholungen von biochemischen Markern (Troponine), Angiographien und weitere somatische Diagnostikmaßnahmen chronifizierende Fehler. Fragliche Befunde, Artefakte und irrelevante Anomalien dürfen nicht ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Leider erfolgen aber dann immer wieder vertrauensstörende Widersprüchlichkeiten: Einerseits wird dem Patienten nach entsprechender Diagnostik erklärt, dass keine organische Ursache vorliegt, andererseits aber dann Glyceroltrinitrat verordnet für den Fall, dass solche Beschwerden wieder auftreten!
Hier sind im akuten Fall die Benzodiazepine (z.B. Alprazolam, Lorazepam) hervorragend wirksam, kommen aber für die Dauerbehandlung schon wegen ihres Abhängigkeitspotenzials nicht in Betracht. In der langfristigen Behandlung ist psychiatrische bzw. psychotherapeutische Kompetenz gefordert.
Kardiovaskuläre Krankheiten und Depressionen
Bei koronarer Herzkrankheit liegt in etwa 20% gleichzeitig eine klinisch relevante depressive Störung vor. Das Mortalitätsrisiko ist dadurch deutlich höher als bei Herzpatienten ohne Depression. Auf der anderen Seite sind depressiv Kranke einem um den Faktor 2 erhöhten Risiko ausgesetzt, kardiovaskulär zu erkranken. Wie ist das zu erklären? Bei einer Depression werden über den Hypothalamus der Sympathikus aktiviert und der Parasympathikus gehemmt. Folgen sind eine Erhöhung von Herzfrequenz, Blutdruck, vasomotorischem Tonus und kardialer Kontraktilität. Die verminderte Parasympathikusaktivität bedeutet eine geringere Anpassungsbereitschaft der Herzfrequenz, was bei Herzinfarkt ein wichtiger prognostischer Faktor ist. Die Verringerung der Parasympathikusaktivität erniedrigt die Schwelle der vulnerablen ventrikulären Perioden. Die Risiken eines Kammerflimmerns und eines Myokardinfarkts sind dadurch erhöht.
Bei Herzkranken ist entsprechend sorgfältig auf depressive Störungen zu achten. Sie sind mit entsprechenden Antidepressiva zu behandeln, bei leichter Ausprägung mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (z.B. Citalopram, Paroxetin, Sertralin) oder bei mäßiger bis starker Ausprägung mit dualen Serotonin- und Noradrenalin-Wie eraufnahmehemmern (Mirtazapin, Venlafaxin) in Verbindung mit supportiver Psychotherapie. Beide Substanzen erwiesen sich auch bei der Assoziation von Depression und Angst wirksam und wertvoll. Die ansonsten bei chronischen Schmerzpatienten besonders gut wirkenden trizyklischen Antidepressiva (z.B. Amitriptylin, Clomipramin, Doxepin) sind hier wegen ihrer kardialen Risiken kontraindiziert.
Auch an Schizophrenien denken!
Seltener als bei Angststörungen und Depressionen kommt es im Rahmen von Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises zu Missempfindungen oder Schmerzen im Bereich der Brust. Der funktionelle Charakter dieser vom Gehirn ausgehenden Beschwerden geht aus dem Wechsel von Lokalisation und Zeitgestalt, von Qualität und Intensität hervor. Neben den unspezifischen Schmerzerlebnissen gibt es die eigenartigen Coenästhesien, die oft mit „Als ob und doch anders“ – oder „Wie wenn“ – Vergleichen umschrieben werden. Unter dem Einfluss von Stress können sie in offen erkennbare Halluzinationen übergehen und sich bei entsprechender Entlastung bzw. Behandlung wieder zurückbilden. In diesem Zusammenhang ist aber auch zu beachten, dass Schmerzschwelle und -toleranz bei chronischen Schizophrenien erhöht, dass Reagibilität und Beschwerdeäußerungen verringert sind. Dies begünstigt nach mehreren Studien das Nichterkennen vital bedrohlicher Krankheiten wie Herzinfarkt, Entzündungen, Ulkusleiden und Frakturen und trägt zur verringerten Lebenserwartung dieser Menschen bei.
Phobie.
Auch hier ist wieder der Ausschluss somatischer Ursachen und die Diagnosestellung durch die Erhebung positiver Kriterien zu fordern. Bedauerlicherweise reicht aber die Querschnittsuntersuchung nicht immer zur sicheren Diagnose aus, da Beschwerden und psychopathologisches Zustandsbild nicht hinreichend spezifisch sind, sodass selbst Experten auf diesem Gebiet dann eine Verlaufsbeobachtung benötigen.
Für Nichtpsychiater ist jedoch das Darandenken an diese Möglichkeiten mit der Folgerung der interdisziplinären Zusammenarbeit der wichtigste Punkt.
ROLAND WÖRZ, Bad Schönborn

woerz.roland@t-online.de

Literatur beim Verfassersss
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