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Schmerzkongress 2003

„Lückenlose Verzahnung und Kooperation und evidenzbasierte Therapie sind gefragt“

Die diesjährige Jahrestagung der DGSS in Münster stand unter dem Motto „Anspruch und Wirklichkeit der Schmerzforschung und Therapie“ und wurde von über 2500 Teilnehmern besucht. Über die Highlights des Kongresses sowie die Probleme der Schmerztherapie in Klinik und Praxis informiert die Kongresspräsidentin der DGSS, Frau Priv.-Doz. Dr. Ingrid Gralow, Münster, im folgenden Interview.
Ingrid Gralow, Münster..
Wie haben Sie den diesjährigen Kongress der DGSS erlebt,
was sind Folgerungen für die Praxis?
Eine Folgerung ist eine engere Verzahnung von verschiedenen Disziplinen in der Behandlung von chronifizierten Schmerzpatienten. Die Grundlagenforschung sollte die direkte Umsetzbarkeit ihrer Ergebnisse in der Therapie von Schmerzpatienten im Blick haben. Die klinisch tätigen Schmerztherapeuten sollten sich verstärkt auf die Evidenz ihres Handelns besinnen und unnötige, aufwändige und teure Therapien vermeiden, wenn sie nicht wissenschaftlich belegt sind. Dies hilft häufig auch, eine iatrogene Chronifizierung zu vermeiden.
Was waren aus Ihrer Sicht die Highlights aus der Forschung?
Zu den Highlights der Tagung gehörten sicher die neuen Erkenntnisse im Bereich der genetischen Grundlagen der Pharmakotherapie (Das Ansprechen auf Schmerzmittel ist z.T. genetisch determiniert.). Im Blickpunkt der Forschung ist das NO als Messenger- Molekül bei verschiedenen Schmerzerkrankungen, wie dem chronischen Kopfschmerz.
Ein Umdenken bzw. eine differenzierte Betrachtungsweise verlangt das Syndrom Fibromyalgie, das dadurch auch evidenzbasierte Therapiemöglichkeiten für eine Subgruppe bekommen hat.
Immer bedeutsamer wird auch die Identifizierung von biopsychosozialen Risikofaktoren für eine Schmerzchronifizierung (evtl. Beispiele Rückenschmerz – Zufriedenheit am Arbeitsplatz).
Ergeben sich aus diesen Erkenntnissen auch Änderungen für die Praxis?
Die Differenzierung neuropathischer Schmerzen nach zugrundeliegenden Pathomechanismen der Hyperalgesie kann eine Orientierungshilfe für die Therapie geben, insbesondere bei Therapieversagern unter herkömmlicher Pharmakotherapie (siehe dazu Ralf Baron, DGS Heft 2/03). Auch die Entwicklung neuer Schmerzmittel ist absehbar, zum Beispiel NMDA-Antagonisten. Dies verspricht eine noch individuellere medikamentöse Behandlung;
Eine Euphorie ist aber nach wie vor fehl am Platz, wir haben nach wie vor noch keine „Wunderpille“ zum Verhindern oder Löschen des Schmerzgedächtnisses. Hier wurden leider von einigen Patienten und Laien die Pressemeldungen missverstanden, und wir müssen dies richtig stellen.
Ein Hauptthema war die Fibromyalgie.
Was gibt es hier für neue Erkenntnisse über die Pathophysiologie und die Therapie?
Das Vorliegen einer zentralen Sensibilisierung ist heute die vorherrschende Hypothese zur Pathophysiologie. Die psychobiologischen Wechselwirkungen zwischen zentraler Schmerz- und Stressverarbeitung werden durch Bildgebung und tierexperimentelle Daten untermauert. Die herkömmliche Diskussion als sog. „psychische“ versus „somatische“ Störung ist neurobiologisch nicht mehr aufrechtzuerhalten, auch nicht der Mythos des „algogenen Psychosyndroms“.
... das Thema Schmerz.

Wo sehen Sie die größten Lücken in der aktuellen Schmerztherapie?
Nach wie vor hapert es an der interdisziplinären Zusammenarbeit und der Vernetzung der einzelnen Fachdisziplinen. Das Handeln in Diagnostik und Therapie ist leider nicht evidenzbasiert, und es fehlt an der kritischen klaren Diskussion der begrenzten Therapiemöglichkeiten. Aus dieser therapeutischen Hilflosigkeit heraus entsteht der vorschnelle Einsatz von starken Analgetika ohne hinreichende Berücksichtigung der zugrunde liegenden komplexen Pathophysiologie, insbesondere bei hohem Leidensdruck der Patienten durch psychische Komorbiditäten oder bei der somatoformen Schmerzstörung.
Wiewirkt sich die aktuelle Gesundheitspolitik auf die Schmerztherapie aus?
Bei der ambulanten Versorgung liegen die Schwierigkeiten insbesondere im Bereich der interdisziplinären Versorgungsstrukturen für chronisch Schmerzkranke mit komplexer Ätiologie. Im stationären Sektor bilden die DRGs bislang die stationäre Schmerztherapie nur unvollständig ab, und dies bedroht die wirtschaftliche Existenz der stationären Schmerzversorgung.
Sehen Sie auch die Notwendigkeit, künftig politisch geschlossener mit den anderen Schmerzgesellschaften wie dem DGS enger zu kooperieren?
In Anbetracht der aktuellen Sparpolitik, die sowohl die stationäre als auch die ambulante Therapie der chronisch Schmerzkranken zunehmend in Frage stellt, ist eine engere Kooperation wünschenswert. Die genauere Ebene muss noch definiert werden.
Vielen Dank für das Gespräch!
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