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Kongresse - Schmerzforschung

Kluft zwischen Forschung und Praxis

Trotz vieler Fortschritte in der Grundlagenforschung des Schmerzes ist die Realität der chronisch Schmerzkranken nach wie vor ernüchternd. Eklatante Lücken bestehen sowohl in der Diagnostik als auch in der stationären und ambulanten Versorgung, konstatierten die Experten auch bei der diesjährigen Jahrestagung der DGSS und der Gesellschaft für Kopfschmerz und Migräne beim Schmerzkongress 2003 in Münster.
Tumorkranke leiden unnötig
Erhebliche Mängel stellt der Arbeitskreis Tumorschmerztherapie der DGSS e.V. fest. Von den 250000 Tumorkranken erhalten nur die Hälfte eine ausreichende Schmerzbehandlung, informierte Dr. GERHARD HEGE-SCHEUING, Ulm. Seit über 17 Jahren gibt es die WHO-Behandlungsrichtlinien, es gibt wirksame Medikamente und Behandlungsverfahren, aber diese erreichen nach wie vor nur einen kleinen Teil der Patienten. Die Hemmnisse für eine qualifizierte Versorgung sind in der mangelnden Ausund Weiterbildung in der Schmerztherapie und der Palliativmedizin zu suchen. Zudem fehlen Versorgungsstrukturen und das Problem wird nach wie vor vernachlässigt.
In der Krebsbehandlung muss der Schmerztherapie und Symptomkontrolle ein angemessener Platz eingeräumt werden, mahnte Hege-Scheuing. Viele Modellprojekte haben gezeigt, dass eine effektive Krebsschmerztherapie und Palliativmedizin auch ambulant zu Hause möglich ist. Für spezielle Probleme sind darüber hinaus flächendeckend auch Hospize und Palliativstationen einzurichten. Diese fehlen bislang besonders in den neuen Bundesländern. „Wir brauchen neben intensiver Grundlagenforschung endlich die Umsetzung der integrierten Versorgung auch bei Patienten mit Krebs, insbesondere in den neuen Bundesländern und den Flächenländern“, mahnte Dr. WOLF DIEMER, stellvertretender Sprecher des Arbeitskreises Tumorschmerztherapie, Greifswald. Eine optimale Lebensqualität für die Betroffenen und ihre Familien ist nur dann zu erreichen, wenn die Tumortherapie mit den Möglichkeiten der Tumorschmerztherapie und Symptombehandlung kombiniert wird.
DRG-System gefährdet stationäre Versorgung
Das neue Abrechnungssystem für Krankenhäuser gefährdet die stationäre Versorgung von chronisch Schmerzkranken, warnten die drei Fachgesellschaften DGSS, DIVS und die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Nach einer Studie sind die Kosten von fast 4000 Patienten aus 14 schmerztherapeutischen Einrichtungen durch den DRG-Modus nur zur Hälfte abgedeckt. Durchschnittlich werden bei chronisch Schmerzkranken stationäre Therapien von 17 Tagen erforderlich, nach dem neuen DRG-Abrechnungssystem werden davon aber nur noch sieben Tage erstattet. Werden die Vorgaben in diesem Abrechnungssystem nicht an die Erfordernisse der Schmerztherapie angepasst, droht nach den Worten von Dr. GABRIELE LINDENA das Aus für die schmerztherapeutischen Einrichtungen. Eine Anhebung der augenblicklichen Bewertungsmaßstäbe forderte daher unbedingt der DGSS-Präsident Prof. Dr. MICHARL ZENZ, Bochum.
Riskante Eigentherapie
Schmerztherapie, so warnte Prof. Dr. GERD GLAESKE, Bremen, findet nach wie vor oft in Eigenregie statt. 80,4% der Schmerzmittel, die 2002 verkauft wurden, sind nicht rezeptpflichtig und dieser hohe Anteil der Selbstmedikation birgt Risiken. Zwei der meistverkauften Medikamente sind koffeinhaltige Kombinationspräparate, die zum Koffein-Entzugskopfschmerz führen können. Jährlich entstehen hierzulande dadurch Kosten von 200 bis 300 Millionen Euro für die Entwöhnungstherapie. Diese Kombinationspräparate gehören daher nach Ansicht des Bremer Experten endlich unter Rezeptpflicht oder ganz vom Markt genommen.
Spinal Cord Stimulation
Münster bei Nacht.
Die epidurale Hinterstrangstimulation des Rückenmarks ist ein elegantes Verfahren bei therapieresistenten neuropathischen Schmerzen, erläuterte H. HARKE, Krefeld.
Über die elektrische Erregung der Hinterstrangsysteme werden die nozizeptiven Impulse in sensibilisierten Synapsen durch die Aktivierung inhibitorischer Neurone moduliert. Zeitgleich werden die zentral hemmenden Systeme im periaquäduktalen Grau aktiviert. Indikationen für die SCS sind Radikulopathien, Plexusläsionen, Phantomschmerz oder auch postzosterische Neuralgien, denen alle eine zentrale Sensibilisierung zugrunde liegen.
Da die dem Hinterstrangsystem angelagerten sympathischen Kerngebiete des Rückenmarks in ihrem efferenten Teil mit inhibiert werden (Sympathikolyse), können auch Schmerzen bei Angina pectoris, peripherer AVK oder bei der sympathischen Reflexdystrophie günstig beeinflusst werden.
Die Erfolge liegen zwischen 80 bis 100%, bei Neuropathien zwischen 40 bis 80%. Dank der technischen Entwicklung perkutan einführbarer flexibler Elektroden ist die Ansprechbarkeit derartiger Erkrankungen sehr einfach zu testen. Bei Respondern können dann unter strenger Asepsis permanente Elektroden implantiert werden.
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