 Winfried Hoerster, Gießen. |
ContraDr.Winfried Hoerster, DGS-Leiter
Gießen: |
| Radikuläre Schmerzen mechanischer,
chemischer, ischämischer oder entzündlicher Genese werden zum
überwiegenden Teil erfolgreich konservativ behandelt. Nach einer
gründlichen strukturierten Anamnese und sorgfältiger Befunderhebung,
insbesondere in Kombination mit einer neurologisch-manualtherapeutischen
Untersuchung, wird die Diagnostik der Ursache der radikulären Schmerzen
durch bildgebende Verfahren unterstützt. |
| Wenn durch kurzfristige orale Gabe von antiphlogistisch wirkenden
NSAR, Steroiden und ggf. Opioiden keine ausreichende Schmerzlinderung zur
Einleitung von Dehnungstechniken, Lockerung der reflektorisch verspannten
Muskulatur und stabilisierender Krankengymnastik erreicht werden kann, werden
interventionelle Techniken erforderlich. Im Verlauf eines Stufenplans kommen
zunächst die Techniken mit den geringsten Komplikationsmöglichkeiten
zum Einsatz. |
| Oft sind Lamina-Blockaden oder
Ramusdorsalis- Blockaden völlig ausreichend, den erwünschten Erfolg
zu erzielen. Wenn nicht, wird evidence-basiert nach diagnostischer
Spinalnervenblockade unter CT oder Bildwandlerkontrolle mit 0,5 ml Lidocain die
pathologisch veränderte Nervenwurzel verifiziert und dokumentiert. Nach
einer Serie therapeutischer Spinalnervenblockaden mit 35 ml Ropivacain
mit Zusatz von 8 mg Dexamethason oder 1020 mg Triamcinolon sind nach
einem aktuellen Überblick der Studienlage nach Prof. WITTENBERG, Chefarzt der Orth. Klinik in Herten,
43% der Patienten mit radikulären Schmerzen mit gutem Erfolg therapiert.
Durch einmalige Periduralanästhesie mit Injektionen von Bupivacain/
Ropivacain und Triamcinolon kann die Erfolgsquote auf 54% gesteigert werden.
Durch mehrfache Injektionen von Ropivacain mit Dexamethason oder Triamcinolon
durch einen Katheter in den periduralen Raum kann die schmerzlindernde Wirkung
bis auf etwa 80% verbessert werden. Dabei ist es nicht erforderlich, dass die
Katheterspitze genau an der geschädigten Nervenwurzel platziert wird. Wie
Kontrastmitteluntersuchungen beweisen, verteilen sich 5 ml
Flüssigkeitsvolumen über mindestens drei Etagen des jeweiligen
Wirbelsäulenabschnitts. Die Verwendung röntgenologischer Verfahren,
wie CT oder Bildwandler mit gezielter Platzierung der Katheterspitze ist
überflüssig, verursacht eine nicht zu unterschätzende
Strahlenbelastung und vermeidbare Kosten. |
| Der nach anästhesiologischen
Grundsätzen eingeführte Periduralkatheter nach
Loss-of-resistence-Methode sicher punktiertem periduralem Raum ist
eine weltweit vieltausendfach durchgeführte Methode mit extrem hohem
Sicherheitspotenzial. Die Form der verwendeten Tuohy-Kanüle gewährt
in vielen Fällen eine Richtungsgebung des Periduralkatheters. Länger
andauernde Manipulationen mit einem durch metallenen Führungsdraht
versteiften Katheter führt zu einer nachvollziehbaren Erhöhung des
Risikos von Gefäßverletzungen, Duraperforationen und
Nervenwurzelreizungen. Die peridurale Injektion kristallinen Kortisons
führt zu weiteren Gewebereizungen und Verklebungen, 10 %ige
NaCl-Lösung führt zu einer zusätzlichen chemischen Irritation
nervaler Strukturen, Hyaluronidase kann möglicherweise im gesunden
Bindegewebe die Ausbreitung von Lokalanästhetika erleichtern, aber mit
Sicherheit keine fortgeschrittenen postoperativen Vernarbungen und Verklebungen
im Wirbelkanal auflockern. Beide Substanzen sind für die Injektion in den
Wirbelkanal nicht zugelassen! |
| In einer von ROYE aus Grevenbroich vorgestellten Studie wurde
mit der Methode nach Racz eine Erfolgsquote von 70% angegeben. Wittenberg aus
Herten führt nur die etablierte anästhesiologische
Periduralanästhesie durch. Nach einer umfangreichen Erhebung der Deutschen
Arzneimittelkommission sind zur Zeit keine Standards der Indikation und
Durchführung der Behandlung radikulärer Schmerzen nach Racz bekannt.
Es handelt sich um experimentelle Studien, zu denen weiterer
Aufklärungsbedarf besteht (Dt. Ärzteblatt vom 28.3.03). Nach
übereinstimmender Auffassung der Teilnehmer am Up-Date 2003 der
Orthopädie und Traumatologie über strukturelle Diagnostik und
Therapie der Wirbelsäulenerkrankung am 10.11.10.03 in Neuss wurden
die Indikationen zur Methode nach RACZ
radikal zusammengestrichen und nur in wenigen ausgewählten Fällen bei
Versagen aller anderen Methoden in Erwägung gezogen. |
| Wozu die Aufforderung an die deutschen
Krankenkassen, endlich diese Therapie mit dem Wirbelsäulen-Katheter in den
Leistungskatalog aufzunehmen? Seit Einführung der EBM in der Fassung von
1996 ist die Periduralanästhesie mit Katheter zur Schmerztherapie eine
anerkannte erstattungsfähige Leistung. Wieso zahlreiche Anwender der
Methode nach Racz diese kassenärztliche Leistung privat liquidieren
dürfen, bleibt mir ein ungelöstes Rätsel. Bis heute fehlt ein
wissenschaftlich nachprüfbarer Nachweis, dass die Methode der
Periduralanästhesie mit einem durch einen Führungsdraht
stabilisierten Katheter irgendeinen Vorteil bietet vor dem seit Jahrzehnten
vieltausendfach mit bestem Erfolg eingesetzten Katheter ohne
Führungsdraht, der ohne bildgebende Verfahren, daher ohne
Strahlenbelastung im Wirbelkanal platziert werden kann. |
| Fazit: Konventionelle Periduralanästhesie
im Vorteil |
| Die Methode nach RACZ, mit
Injektionen von Substanzen, die nicht zur periduralen Anwendung zugelassen
sind, durch einen Spezialkatheter, der durch bildgebende Verfahren genau an den
gewünschten Wirkort platziert wird, stellt ganz und gar kein Allheilmittel
gegen alle Arten von Rückenschmerzen dar. Seit vielen Jahren wird die
Methode ausgesprochen werbewirksam propagiert, ohne bis heute einen
nachvollziehbaren besseren Effekt als die klassische anästhesiologische
Methode der indirekten Platzierung eines Periduralkatheters mit Injektion
langwirkender Lokalanästhetika und Kortikosteroiden beweisen zu
können. Um die positiven, nachweisbaren Wirkungen von dieser Kombination
im periduralen Raum des Wirbelkanals erzielen zu können, bedarf es auf
keinen Fall eines durch Bildwandler gesteuerten Katheters, der sowieso nicht
auf die ventrale Seite des Duraschlauches an den möglichen
Bandscheibenvorfall vorgeschoben werden kann: Es kommt einzig und allein auf
das nötige Volumen der injizierten Lösung an, die sich im Wirbelkanal
um die betroffenen Nervenwurzeln herum verteilt. Diese Technik ist viel
tausendmal mit gutem Erfolg durchgeführt und in der Wirkung mit vielen
Studien überzeugend belegt worden. |
WINFRIED HOERSTER, Gießen
schmerzambulanz.hoerster@t-online.de |
| Technische Vorgehensweise |
| Es werden drei unterschiedliche Zugangswege unterschieden: |
| 1. Kaudaler Zugang über den Canalis sacralis. Für den
Einsatz vonVeränderungen im Bereich der Lendenwirbelsäule bzw.
Brustwirbelsäule. |
| 2. Zervikal und thorakal interspinöser bzw.
paraspinöser Zugang. Bei diesem Zugang wird paraspinös 1 cm
kontralateral der zu behandelnden Seite ein bis zwei Segmente unterhalb des zu
behandelnden Segmentes in den Epiduralraum zur Behandlung der
Brustwirbelsäule bzw. der Halswirbelsäule eingegangen. |
| 3. Der technisch schwierige transforaminale Zugang, bei dem
45 cm lateral des Processus spinosus ca. ein Segment kaudal des zu
behandelnden Segmentes mit dem Introducer in den Epiduralraum eingegangen wird.
Dieser Zugang kommt bei ausgeprägten postoperativen epiduralen
Narbenbildungen bzw. Narbenfibrosen, bei epiduralen Adhäsionen sowie bei
ausgeprägten Spinalkanalstenosen und bei Wirbelsäulenskoliosen zum
Einsatz. |
| Der Wirbelsäulenkatheter nach Prof. RACZ (EWK) unterscheidet sich im Wesentlichen vom
Anlegen eines Periduralkatheters zur epiduralen Anästhesie. Im Gegensatz
zu den herkömmlichen Epiduralkathetern zur Schmerzbehandlung handelt es
sich bei dem epiduralen Wirbelsäulenkatheter nach Prof. RACZs um einen steuer- und lenkbaren
Spezialkatheter, der durch unterschiedliche Drahtsysteme und durch
unterschiedliche Längen sowie durch variierende Flexibilitätsgrade
der einzelnen Katheter entsprechend den pathomorphologischen Veränderungen
bzw. entsprechender Lokalisationen vor den Eingriffen ausgewählt
wird. |
| Zum Beispiel würde in einem Fall einer epiduralen Verklebung
im Lateralbereich des Epiduralraumes eine Platzierung zunächst bis zur
entsprechenden Höhe des zu behandelnden Segmentes erfolgen, um dann unter
sorgfältiger Anpassung der Form des Katheters und entsprechend
sorgfältiger Platzierung durch den Introducer ein mechanisches Lösen
von Vernarbungen und Verklebungen im Epiduralraum von der medialen Linie nach
lateral erreichen zu können. |
| Hierzu sind wiederholte Kontrastmittelgaben sowie
Bildwandlereinstellungen in a.p.- und seitlichem sowie teilweise im
schrägen Strahlengang erforderlich. Insbesondere das Lösen von
Verwachsungen und Verklebungen im Epiduralraum fordert ein sehr hohes Maß
an Geschick und Erfahrung des Operateurs. |
| Hierin liegt ein weiterer, entscheidender Unterschied zu einer
epiduralen Anästhesie. Denn bei letzterer wird weitgehend ungezielt und
dementsprechend ohne Kontrolle der Führung und Lage des Katheters an
irgendeiner Stelle der Wirbelsäule in den Epiduralraum eingegangen, um mit
Hilfe einer Lokalanästhetikagabe eine ungezielte Anästhesie der
umgebenden Strukturen durchzuführen. |
| Nach der korrekten Platzierung der Katheterspitze erfolgt
nochmals eine abschließende Epidurographie zur Darstellung der
Abflussverhältnisse sowie deren pathomorphologischen Veränderungen,
wie z.B. epidurale Adhäsionen bzw. Vernarbungen in benachbarten
Segmenthöhen. |
| Nur anhand dieser Informationen kann schlussendlich die
angepasste Volumengabe des Anwenders bestimmt werden. Diese Vorgehensweise ist
zwingend erforderlich, um etwaige Schädigungen benachbarter
Nervenstrukturen durch auftretende Druckmaxima nach zu schneller Injektion oder
Injektion zu großer Volumina zu verhindern. |
| An den darauffolgenden zwei Tagen werden dann wiederholt
Medikamente zielgenau durch das Kathetersystem appliziert. |
| Wirkprinzip |
| E. M. LEWANDOWSKI (Pain
Digest 1997, S. 323330) und die Kollegen C. DEVENS, A. VEIHELMANN, Prof. H. J. REFIOR, Orthopädische Klinik, Klinikum
Großhadern der LMU München (Therapie von
Bandscheiben-bedingten Lumboischialgien durch die perkutane
Epiduralkathetertechnik Vergleichende Studie dieser
Behandlungsmethode) haben das Wirkprinzip zusammengefasst. Der osmotische
Effekt der hypertonen Kochsalzlösung führt zu einer Schrumpfung von
angrenzendem Weichteilgewebe und zu einer Flüssigkeitsvolumenzunahme im
Epiduralraum. Dies führt zu einer Mikrodissektion von epiduralen
Verklebungen. Die Enzyminjektion führt zu einem Auflösen der
Proteoglykane der Grundsubstanz. Proteoglykane sind Inhalt der Grundsubstanz
sowie der Kelloidsubstanz und in epiduralen Verklebungen vorhanden. |
| Dieser Effekt wurde auch als Hypodermoklysis in der
Veröffentlichung von O. HEFTER, S. K.
DOBKEN und M. H. YUDELL im Journal of Pediatry bezeichnet. Dies
wiederum führt zu einem Lösen epiduraler Verklebungen. Die Dura, die
sich aus Kollagenfasern, Elastinfasern und oberflächlichen Fibroblasten
zusammensetzt, ist von der Gabe der Hyaluronidase unbeeinträchtigt. Die
Resorption des betroffenen Gewebes für Lokalanästhetika wird somit
verbessert (Studie von Zahl und Mitarbeitern, Anesth. 1990, 72, 230232).
In einer Studie von SONGER MN-Ghos wurde
ein weiterer Effekt der Hyaluronidase beschrieben. Hyaluronidase konnte in
einer Studie an Hunden wie auch an Menschen eine signifikant geringere
Ausbildung von epiduralen Fibrosen nach Rückenmarksoperationen oder
rückenmarksnahen Operationen erreichen. Auch SOLCKE und Mitarbeiter (The management of
chronic spinal pain by blockade Pain 1994, 58, 1-90) konnte diesen
Effekt nach Gabe von Hyaluronidase in einer Studie bei 28 Patienten
bestätigen. |
| Schließlich führt der Lokalanästhesieeffekt zu
einer gezielten Schmerzunterbindung und Reduktion der Empfindlichkeit auf
mechanische Reize bei Nozizeptoren sowie nozizeptiven Axonen. |
| Einschlusskriterien für die EWK |
| Gemäß der prospektiven Studie von Dr. C. DEVENS und Prof. Dr. H. J. REFIOR: |
| 1. Bei zunehmenden
Sensibilitätsstörungen; |
2. Bei persistierendem Schmerzsyndrom
länger als vier Wochen bei oben genannten Indikationen im Alter von 18
bis 80 Jahren; |
3. Patienten mit
Bandscheibenprotrusion/ -prolaps mit Dermatom entsprechender
radikulärer Schmerzsymptomatik ohne motorisches Defizit; |
| 4. Postdiskektomiesyndrom,
postoperative epidurale Narbe; |
| 5. Konservative Therapie über
mindestens sechs Wochen mit dreimal pro Woche Krankengymnastik. |
| Der hohe Stellenwert der minimal invasiven epiduralen
Wirbelsäulenkatheter nach Prof. Racz in den USA hat mittlerweile auch die
Rückenschmerzzentren in der Bundesrepublik Deutschland erreicht. Dies wird
nicht nur durch die zunehmende Anzahl der Anwender in bundesdeutschen
Universitätskliniken bestätigt. |
| Zahlreiche Studien zu dieser Behandlungsmethode wurden bereits
durchgeführt, wie z.B. die prospektive randomisierte Studie zum
Stellenwert der minimal invasiven epiduralen Wirbelsäulenkathetertechnik
von Dr. C. DEVENS und Prof. Dr. H.J.
REFIOR aus der Orthopädischen
Universitätsklinik im Klinikum Großhadern München. Eine
kontrollierte einfach verblindete Studie zum Nachweis der Wirksamkeit der
minimal invasiven epiduralen Wirbelsäulenkatheter bei der Behandlung des
chronisch radikulären Schmerzsyndroms wird gegenwärtig von der Klinik
für Orthopädie und Sportorthopädie im Klinikum Rechts der Isar
der TU München von Prof. Dr. R. GRADINGER und Dr. L. GERDESMEYER geleitet. Diese Studie soll einen
konfirmatorischen Wirksamkeitsnachweis der epiduralen Schmerzkathetertechnik
bei Patienten mit chronisch radikulärem Schmerzsyndrom bei Radikulopathie
nach Bandscheibenprotrusion/-prolaps oder Z.n. Bandscheibenoperation
führen. Diese Studie ist doppelt verblindet, plazebokontrolliert,
randomisiert und verfügt über ein Parallelgruppendesign mit zwei
Gruppen: |
| 1. EWK nach Prof. RACZ bei
chronisch radikulärem Schmerzsyndrom und |
| 2. Kontrollgruppe als Plazebobehandlung mit alleiniger epiduraler
Lokalanästhesie. Die Pilotstudie wurde gerade von Dr. L. GERDESMEYER in Der Orthopäde
(Band 32, Heft 10, 2003) veröffentlicht. Als erstes Fazit wurde folgendes
zusammengefasst: Bei der Behandlung der chronischen Radikulopathie nach
Bandscheibenvorfällen oder Bandscheibenprotrusionen gibt es bis heute
keine Therapie mit erbrachtem Wirksamkeitsnachweis. In der Pilotstudie der
Orthopädischen Universitätsklinik Rechts der Isar, München,
konnten die bislang publizierten Ergebnisse der EWK bestätigt werden. Das
Verfahren ist komplikationslos und erzielt in einem hohen Prozentsatz gute
klinische Ergebnisse. Diese rechtfertigen den Einsatz der Technik, wenn Sie
unter strenger Indikationsstellung und kontrollierten Bedingungen
durchgeführt wird. Als minimal-invasives Verfahren sollte die Indikation
zur Kathetertechnik vor einer möglichen operativen Intervention gestellt
werden. |
| Die endgültigen Ergebnisse werden den Stellenwert der
jeweiligen Behandlungsmethoden aufzeigen. |
REINHARD SCHNEIDERHAN, München
info@orthopaede.com |
| Quellenverzeichnis
beim Verfasser |